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27.07.2020 10:44

Börse Frankfurt-News: "Der Zocker-Boom wird nicht nachhaltig sein"

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FRANKFURT (DEUTSCHE-BOERSE AG) - Fondsmanager Frank ist skeptisch, ob die wieder entdeckte Lust an der

Spekulation und ihre neuen Anführer Bestand haben können. Er sieht parallelen

besonders in den USA, aber auch hierzulande, zu Boom, Crash und deren Folgen

vor 20 Jahren.

27. Juli 2020. FRANKFURT (pfp Advisory). Der Lockdown und die Abermilliarden

"Rettungsgelder", die rings um den Globus in die Wirtschaft gepumpt werden,

treiben auch seltsame Blüten. So erfahren Trading-Plattformen wie Robinhood

seit einigen Monaten einen gewaltigen Boom, vor allem in den USA. Diese

Angebote richten sich in Aufmachung, Menüführung und Gebührenmodell gezielt an

Börsenneulinge bzw. Computerspiel-Fans. Entsprechend greifen auf diese

Plattformen bzw. Apps auffallend viele junge und unerfahrene "Gamer" zu, die

die Börse für ein weiteres spannendes Spiel halten. Da während des Lockdowns

Schulen und Universitäten geschlossen waren, aber auch erstmals Schecks mit

"Helikoptergeld" eintrudelten, wird dann eben zuhause gezockt - und neben

"Fortnite" oder "Gran Turismo" griff so mancher Player erstmals in seinem Leben

auch zum "Börsenspiel" mit Aktien und Optionen.

Ich sehe dieses Phänomen mit gemischten Gefühlen. Einerseits freue ich mich

darüber, dass sich verstärkt junge Leute für die Börse interessieren. Sogar im

Aktienmuffelland Deutschland scheint das Interesse zuzunehmen, wenn ich mir die

Geschäftsentwicklung einiger Online-Broker und die Aktivität in Börsenforen

anschaue. Und ich gönne jedem Neuling Gewinne, Nervenkitzel und Spaß.

Jahrelanges Abstottern der Wertpapierkredite

Andererseits habe ich starke Zweifel, dass dieser neue Drang hin zur Börse

nachhaltig sein wird. Vieles erinnert mich leider an die späten neunziger

Jahre. Auch damals entdeckten viele Deutschen erstmals die Aktienmärkte,

Deutsche Telekom und Neuer Markt sei Dank. Erfahrene Börsianer wissen, wie das

Spektakel endete: mit Skandalen, horrenden Verlusten, Insolvenzen. Der Neue

Markt wurde schon wenige Jahre nach dem Boom beerdigt, die Telekom notiert etwa

bei einem Siebtel ihres Höchstkurses aus dem Jahr 2000. Viele Börsenneulinge

von damals haben dem Markt für immer den Rücken gekehrt. Aus meinem eigenen

Umfeld sind mir Fälle bekannt, in denen die Hobbyzocker von damals noch

jahrelang ihre Wertpapierkredite abstottern mussten.

Außerhalb Deutschlands war die Entwicklung ähnlich. Der heute so hochgelobte

Nasdaq Composite verlor von März 2000 bis Oktober 2002 satte 78 Prozent. Es

dauerte über 15 Jahre, bis zum April 2015, bis er sein altes Hoch aus dem New-

Economy-Boom übertreffen konnte. Die meisten Börsenneulinge, die 1999/2000

erstmals in den Markt eingestiegen waren, dürften zu diesem Zeitpunkt längst

die Geduld verloren haben.

Buffett wird wieder abgeschrieben

Die Parallelen zum aktuellen Boom sind auffällig: Auch heute spekulieren die

Börsenneulinge auf den Trading-Plattformen eher, als dass sie mit System

investieren. Manche folgen einfach den neuen "Gurus" wie beispielsweise Dave

Portnoy, der schon einmal ihm gänzlich unbekannte Aktien kauft, nur weil er

deren Kürzel zuvor aus einem Beutel mit Scrabble-Buchstaben gezogen hat.

Welcher altgediente Börsianer denkt da nicht sofort an den Neuen Markt, in

dessen Hochphase Unternehmen nur deswegen gekauft wurden, weil sie "irgendetwas

mit Internet" machten oder ein "dot" im Namen hatten? Und natürlich gehört es

zum "guten Ton" dieser neuen Gurus, mit System anlegende Börsianer wie Warren

Buffett schlecht zu reden. Portnoy etwa hält Buffett für "erledigt" und sich

selbst für den neuen Aktienmarkt-"Kapitän". Auch das ist ein Déjà-vu zur

Jahrtausendwende, als die selbsternannten neuen Börsenstars Buffett und seinen

fundamentalanalytischen Investmentstil schon einmal als Auslaufmodell

bezeichnet hatten. Nun ja, seine einstigen Kritiker sind längst in der

Versenkung verschwunden, Buffett ist dagegen immer noch da.

Kann dieser Boom bei den Freizeitzockern nachhaltig sein? Ich bin überzeugt:

Das kann er nicht. Die Gurus von heute werden genauso verschwinden wie die

Gurus von damals. Vielleicht halten sich einige von ihnen noch einige Quartale,

einige Jahre dürften nur ganz wenige schaffen. Die Statistik spricht gegen sie:

Je nach Studie sind zwischen 80 und 99 Prozent aller Trader innerhalb eines

Jahres pleite. Bisher hatten sie schlicht Glück, dass seit Ende März nahezu

alles stieg und das sehr kräftig. In einer historisch einmaligen Rally ist es

nicht schwer, Neulingen vorzugaukeln, man hätte den heiligen Gral der Börse

entdeckt und es sei kinderleicht, an der Börse in kurzer Zeit reich zu werden.

Wenn sich die Umgebungsbedingungen wieder halbwegs normalisieren, werden die

Gurus aus dem Markt gefegt. Denn dann kann ihre Masche nicht mehr verfangen;

vielmehr wird ein Investmentsystem benötigt, das auch außerhalb eines

gigantischen Bullenmarkts funktioniert. Und das haben die Gurus nicht. Leider

werden sie aber viele unbedarfte Neubörsianer mit in den Abgrund reißen.

von Christoph Frank, 27. Juli 2020, © pfp Advisory

Christoph Frank ist geschäftsführender Gesellschafter der pfp Advisory GmbH.

Gemeinsam mit seinem Partner Roger Peeters steuert der seit über 20 Jahren am

deutschen Aktienmarkt aktive Experte den DWS Concept Platow (WKN DWSK62), einen

2006 aufgelegten und mehrfach ausgezeichneten Stock-Picking-Fonds. Weitere

Infos unter www.pfp-advisory.de. Frank schreibt regelmäßig für die Börse

Frankfurt.

(Für den Inhalt der Kolumne ist allein Deutsche Börse AG verantwortlich. Die Beiträge sind keine Aufforderung zum Kauf und Verkauf von Wertpapieren oder anderen Vermögenswerten.)

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