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07.07.2018 20:00
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Cornelius Boersch: Der Strippenzieher der New Economy

Euro am Sonntag-Exklusiv: Cornelius Boersch: Der Strippenzieher der New Economy | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Exklusiv
Einst sorgte Cornelius Boersch mit seiner Firma ACG für viel Furore am Neuen Markt, dann baute er über Jahre ein Firmenimperium auf. Über den Aufstieg eines Mannes, der beste Verbindungen pflegt.
€uro am Sonntag
von Peter Balsiger, Euro am Sonntag

Seine Chiphandelsfirma ACG AG war eine der Erfolgsstorys am Neuen Markt. Das ­Unternehmen hatte er nach dem Börsengang verkauft - und gehörte so zu jenen, die den Zusammenbruch der New Economy gut überstanden haben. Heute ist der begnadete Netzwerker Cornelius "Conny" Boersch ein weltweit ak­tiver Business Angel. Seine Firma Mountain Partners ist in mehr als 200 Unternehmen investiert. Seine Erfolgsgeschichte könnte der Mythen-Bibel des "American Dream" entstammen, jenem Versprechen, wonach jeder es aus eigener Kraft nach oben schaffen kann.


Auf Schule hatte Cornelius Boersch, 1968 in Hannover geboren, "keinen Bock" ("außer Mädchen hatte ich nur noch Fußball im Kopf"). Er war Legastheniker. Lernte lesen, indem er sich immer wieder durch die Jugendbücher "Burg Schreckenstein" kämpfte, eine Serie über das abenteuerliche Leben in einer Jungenschule.

Auf Trödelmärkten aktiv

Sein besorgter Vater, ein Bankvorstand, studierte währenddessen das Buch "Diktat 6 - was nun?". Cornelius’ Klassenlehrer hielt ihn nämlich bestenfalls für die Hauptschule geeignet. Zu Höherem sei der Junge nicht berufen, schrieb er den Eltern. Der Brief des Lehrers hing später, als Cornelius Boersch bereits ein erfolgreicher Unternehmer war, an der Wand seines Büros.

Der junge Conny zeigte schon früh unternehmerisches Gespür. "Auf Trödelmärkten habe ich morgens die Waren vom Nachbarstand gekauft und tagsüber mit Aufschlag wieder verkauft." Mit viel Ehrgeiz und Willen schaffte er das Gymnasium und schrieb sich anschließend für Betriebswirtschaft an der renommierten European Business School in Oestrich-Winkel ein.



Um den Sprachanforderungen der Universität zu genügen, ging er nach Frankreich, an die Paris Business School. "Offiziell habe ich da studiert. Tatsächlich aber habe ich vor allem als Barkeeper gearbeitet", verriet er in einem Interview.

Außerdem verkaufte er nebenbei zusammen mit einer Agentur Schlösser an deutsche Investoren. "Die Objekte waren für’n Appel und ein Ei zu haben - der Franzose an sich will halt entweder in Paris oder an der Côte d’Azur wohnen. Die erzielten Provisionen waren für einen Studenten schon ganz ordentlich", erinnert sich Boersch.

Geldgebersuche per Anzeige

Während eines Auslandssemesters an der University of Colorado erzählte ihm seine Gastfamilie von einer in den USA neu entwickelten Notfallkarte, auf der alle wichtigen medizinischen Daten des Inhabers verzeichnet waren. "Ich dachte mir, dafür gibt es auch in Deutschland ­einen Markt - und gründete eine GmbH."

Der Name des Unternehmens setzte sich aus den Vornamen seiner Freunde aus der Wohngemeinschaft zusammen: Aus Sabine, Bernie und Conny wurde SaBeCo. Die Geschäfte liefen anfänglich nicht gut. Auch dann nicht, als die Karte mit einem Chip versehen wurde. In Spitzenzeiten war der Jung­unternehmer mit 120.000 D-Mark auf seinem Girokonto, das als Firmenkonto diente, im Minus.

Aber immer öfter fragten nun Halbleiter- und Kartenhersteller nach geeigneten Chips für ihre Produkte. "Da haben wir uns überlegt: Wenn wir ihnen schon sagen, was sie kaufen sollen, dann können wir es ihnen doch auch verkaufen." So entstand 1995 der Chiphändler ACG, die Aktiengesellschaft für Chipkarten und Informationssysteme in Wiesbaden.

Die Firma brauchte Kapital. Boersch schaltete eine Anzeige in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung": "Junges Unternehmen sucht aktiven und vermögenden Privatinvestor." 70 potenzielle Geldgeber meldeten sich, Boersch und sein Partner Friedrich von Diest entschieden sich für den damals 42 Jahre alten Theodor Prümm. Er war vermögend durch den Verkauf seiner elterlichen Firma und erfahren durch Managerjobs bei DuPont, AEG und Polaroid.

So fing es an. Mit dem Geld des Business Angels konnten die beiden Entrepreneure, die vorher an ihre Ersparnisse gegangen waren, Girokonten überzogen und bei Verwandten gebettelt hatten, nun endlich loslegen.

Millionen durch den Börsengang

Für die Anschubfinanzierung reichte das Kapital, das Prümm mitbrachte. Aber schon bald war das schnelle Wachstum der ACG aus dem Cashflow nicht mehr zu finanzieren - die Firma brauchte eine Venture-Capital-Gesellschaft als neuen Anteilseigner. Boersch, der seine Doktorarbeit über Venture-Capital-Gesellschaften geschrieben hatte und sich in dem Markt bestens auskannte, entschied sich für zwei Unternehmen: für 3i, einen Marktführer, und für die Wellington Finanz, weil sie über Expertise im IT-Bereich und über ein gutes Netzwerk verfügte.

Jetzt stand der Börsengang an. Boersch entschied sich für den Neuen Markt. 30 Prozent des Kapitals sollten dort angeboten werden. Auf Road­shows und in Interviews kam der eloquente Unternehmer gut an. Er hatte schließlich eine gute Story zu bieten: ACG gehörte damals zu den wenigen Unternehmen, die den Business-to-Business-Handel im Internet betrieben. Ein Markt, dem Experten seinerzeit ein weitaus größeres Wachstum bescheinigten als dem E-Commerce mit Privatkunden.

Am 1. Juli 1999 ging das Unternehmen an die Börse. Die ACG-Aktie notierte am ersten Börsentag bei 65 Euro und damit 19 Euro über dem Emissionspreis. Der Börsengang spülte knapp 60 Millionen Mark in die Kassen des Unternehmens. "Eine stolze Summe für jemanden, der vor knapp vier Jahren noch betteln gehen musste", schrieb anerkennend das "Manager Magazin".

Neue Karriere als Venture Capitalist

Ein Jahr später wurde er zum "Entrepreneur des Jahres" gewählt. Er galt nun als "Strippenzieher der New Economy" ("Frankfurter Allgemeine"). Er teilte zwar mit vielen New-Economy-Stars das Selbstbewusstsein, stürzte aber nicht so ab wie andere Börsenhelden nach dem Crash des Neuen Markts. "Damals, im Hype, erzählte er gern, mit den Geschäften sei es wie mit den Frauen in der Disco: Sind Sie gut drauf, klappt’s auch mit den Mädels. Fühlen Sie sich hässlich und mies, werden Sie den Abend allein verbringen", schrieb die Zeitung.

Den Zusammenbruch der New Economy überstand Boersch unbeschadet - er verkaufte sein Unternehmen nach dem Börsengang und startete eine neue Karriere als Venture Capitalist. Seine börsennotierte Investment-Holding Mountain Partners in St. Gallen war bis heute an mehr als 200 Unternehmen in Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika beteiligt, vor allem in Sparten wie E-Commerce, onlinebasierte Finanzdienstleistungen und Cybersecurity. Die Firmen entdecken, ihr Wachstum ­finanzieren und das Geschäft dann internationalisieren - darum geht es.

Aber selbst nach so vielen Engagements in junge Unternehmen stellte Boersch fest, dass das Investieren schon auch viel mit Glück zu tun habe: "Von zehn Firmen, in die man investiert, sind in der Regel nur eine oder zwei richtig erfolgreich. Als Business Angel ist man schon darauf angewiesen, dass man ab und zu mal einen Volltreffer landet", gestand er dem "Manager Magazin".

Ein leidenschaftlicher Netzwerker

Jungunternehmern und Firmengründern rät Boersch: "Trauen Sie sich in die berufliche Selbstständigkeit. Orientieren Sie sich nicht an denen, die sich nicht trauen, ihr Leben selber in die Hand zu nehmen. Orientieren Sie sich an den erfolgreichen Machern, die mit persönlichem Einsatz und einer nie endenden Begeisterung ihren Weg gehen. Es ist nicht bedeutend, welches Geschäft Sie machen, sondern wie Sie es machen."

2009 wurde der Firmen-Sammler mit dem Titel "European Business Angel of the Year" geehrt. Er ist auch politisch aktiv, war Wirtschaftsberater des ehemaligen FDP-Chefs und Außenministers Guido Westerwelle und gehörte oft zur Entourage auf dessen Auslandsreisen. Er schrieb sogar mit ihm zusammen ein Buch mit dem Titel "Das Summa Summarum von Politik und Wirtschaft". Auch der Ex-Wirtschafts- und Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg war zeitweise im Verwaltungsrat von Mountain Partners.

Cornelius Boersch ist ein leidenschaftlicher Netzwerker. Sein Lebensmotto lautet schlicht und einfach: "Beziehungen schaden nur dem, der sie nicht hat."

Vita
Firmenkäufer

Cornelius Boersch (50) studierte Betriebswirtschaft an der European ­Business School in Oestrich-Winkel. 1995 war er Mitgründer des Chiphändlers ACG, den er 1999 mit Erfolg an den Neuen Markt brachte. Heute führt er die börsennotierte Firma Mountain Partners in St. Gallen, die in mehr als 200 Unternehmen in Europa, Asien, Afrika und Lateinamerika investiert ist.




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Bildquellen: Mountain Partners

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