Euro am Sonntag-Interview

BRAIN-Chef: "Das ist der heilige Gral"

10.10.16 03:00 Uhr

BRAIN-Chef: "Das ist der heilige Gral" | finanzen.net

Jürgen Eck, Chef des deutschen Biotechunternehmens BRAIN, erklärt, warum er den Trend zu natürlichen Lösungen in der Chemie- und Konsumgüter-Industrie als unaufhaltbar betrachtet.

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€uro am Sonntag

von Julia Gross, Euro am Sonntag

Als das hessische Unternehmen BRAIN im Februar dieses Jahres in Frankfurt an die Börse ging, waren viele Marktbeo­b­achter skeptisch. Eine Firma, die mit Biotechnologie zu tun hat (BRAIN steht für Biotechnology Research and Information Network) macht einen IPO in Deutschland? Das hatte seit zehn Jahren niemand mehr gewagt. Das Börsen­debüt gelang trotzdem, denn BRAIN ­betreibt keine Medikamentenentwicklung, an der sich deutsche Investoren schon oft die Hände verbrannt haben, sondern industrielle Biotechnologie. Die Zwingenberger gelten als Vorzeige­unternehmen in Sachen Bioökonomie.

Wie überzeugend er vermitteln kann, was BRAIN in diesem relativ neuen Sektor erreichen will, demonstriert Vorstandschef Jürgen Eck nicht nur beim Besuch in der Redaktion: Nach einigen Investorenmeetings und der Bekanntgabe einer neuen Kooperation hat der Aktienkurs in den vergangenen Wochen deutlich angezogen.

€uro am Sonntag: Herr Eck, BRAIN ist in Deutschland einer der Vorreiter der biobasierten Industrie - was ist das eigentlich?
Jürgen Eck: Die biobasierte Industrie baut auf zwei Megatrends. Nummer 1 ist der Trend hin zu natürlichen Inhaltsstoffen - in Kosmetik, in Nahrungsmitteln, überall. Megatrend Nummer 2 ist Nachhaltigkeit. Das klingt zwar allgemein und immer auch ein bisschen esoterisch, aber dahinter steckt ganz klar ein industrieller Trend: nämlich der Wandel der Rohstoffbasis hin zu nachwachsenden Rohstoffen und zu mehr Biologie. Lösungen, die sich die Natur in 3,5 Milliarden Jahren Evolution sowieso schon ausgedacht hat, in industrielle Prozesse und Produkte zu überführen, das ist die sogenannte biobasierte Industrie. Die übrigens keine Kompromisse im Hinblick auf Leistung und Qualität macht. Ganz im Gegenteil, wir haben oft die bessere Lösung zu bieten.

Warum soll die Industrie, sollten wir als Gesellschaft denn in diese Richtung ­gehen? Es gibt doch genug Öl, und relativ billig ist es auch?
Weil wir mit dieser verbrauchenden Art, mit Ressourcen umzugehen, nicht weitermachen können. Auch wenn das Öl nicht knapp wird, auch wenn der Ölpreis fällt, müssen wir die CO2-Freisetzung reduzieren, müssen wir uns um die Gesundheit einer wachsenden Weltbevölkerung kümmern. Es geht nicht, dass in den USA beispielsweise mehr als 60 Prozent der Erwachsenen an Übergewicht leiden. Wir müssen etwas ändern, und da bietet eben die biobasierte Industrie Lösungen.

Und wie sehen die aus?
Zum einen können Produkte, die bislang über chemische Prozesse aus fossilen Rohstoffen hergestellt werden, ersetzt werden - durch Produkte aus nachwachsenden Rohstoffen, die mit ressourceneffizienten, energiesparenden Verfahren produziert werden. Etwa mithilfe von Enzymen oder Mikroorganismen. Der zweite, meiner Ansicht nach viel attraktivere Weg ist, diese neuen Verfahren zur Entwicklung ganz neuer Produkte zu nutzen.

Wie zum Beispiel Eiscreme aus Lupinen oder Reifen aus Löwenzahn. Aber das sind winzige Nischen. Wo auf der Wachstumskurve befindet sich die ­biobasierte Industrie?
Wir befinden uns am Anfang dieser Ära. Die sich in der Tat mit einzelnen Projekten und Problemen befasst, aber in der Chemiebranche insgesamt immer mehr Raum einnimmt. 2015 entfielen rund zwölf Prozent der weltweiten chemischen Produktion auf biobasierte Prozesse. Dieser Anteil hat sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Und Experten sagen eine nahezu weitere Verdopplung bis 2020 voraus. Das heißt, wir sehen langsam, wie sich die chemische Industrie Projekt für Projekt, Idee für Idee zu einer biobasierten Industrie umbaut.

Zwölf Prozent sind ja durchaus eine ­beachtliche Hausnummer. Warum ­bekommt man als Verbraucher so wenig von dieser Entwicklung mit?
Es ist eine Revolution im Verborgenen. Die Entwicklung schreitet auf Ebene der Inhaltsstoffe, der Komponenten voran und ist deshalb vielleicht nicht so sichtbar wie eine Revolution der Smartphones oder der Elektroautos. Aber sie findet statt. Es ist nur kein Aufkleber auf den Produkten drauf wie "Intel inside" bei Computern. Die heutigen Waschmittel haben sich zum Beispiel für die Verbraucher unmerklich von einer chemischen Lösung zu modernen Produkten gewandelt, wo die Waschleistung rein aus Enzymen, also aus der Biologie kommt. Wir sehen aber auch zweistellige Wachstumsraten bei Bioplastik, das ebenfalls sukzessive die etablierten Kunststoffebenen ersetzt.

Finden biobasierte Lösungen denn vor allem in bestimmten Bereichen statt oder zieht sich das durch die gesamte Industrie?
Die Eintrittspforte der biobasierten Industrie ist ganz klar bei Spezialitäten wie Enzymen, da liegt eine Stärke. Wir sehen aber, dass auch die großen Märkte der Chemieindustrie diesen Wandel, diese Revolution erfahren. Es ist keine Nische mehr. BASF definiert industrielle Biotechnologie als eine ihrer Wachstumssäulen, auch bei Evonik gilt sie als zentral. Ich mache mir da keine Sorgen. Der wachsende Bedarf und die zunehmende technische Machbarkeit werden dazu beitragen, dass sich der Megatrend durchsetzt. Und die Entwicklung wird auch durch die Politik unterstützt, sei es durch Zuckersteuern oder CO2-Zertifikate.

Welche Produkte aus dem Hause BRAIN sind denn bereits in die ­Massenproduktion gegangen?
Wir haben in einer Kooperation mit Symrise einen neuen natürlichen Inhaltsstoff entwickelt, der hautberuhigend wirkt und Rötungen abbaut. Das ist zum Beispiel heute in Eucerin drin. Ein anderes Beispiel: Isomalt, das in zuckerfreien Airwaves-Kaugummis oder Ricola-Bonbons als Zuckeraustauschstoff enthalten ist. Bei diesem Produkt der Südzucker AG haben wir zum Beispiel mitgeholfen, den biologischen Produktionsprozess zu optimieren.

Sie haben bereits den politischen Druck in Sachen Zucker angesprochen. Philadelphia, die fünftgrößte Stadt der USA, hat im Juni für eine Steuer auf zuckerhaltige Getränke gestimmt. In Mexiko gibt es eine solche Abgabe seit zwei ­Jahren. Was haben Sie den Herstellern als Alternativen anzubieten?
Die Erfahrung zeigt: Man kann die Leute aufklären, wie man will, sie erwarten trotzdem süße Produkte. Viele Nahrungsmittel sind deshalb in den vergangenen Jahren sogar immer süßer geworden. Ich habe zum Beispiel gelernt, dass einige Sorten Apfelsaftschorle mittlerweile in Reinräumen abgefüllt werden. Die enthalten so viel Zucker, dass man gar nicht genug Konservierungsmittel reintun kann, um sie am Verschimmeln zu hindern. Deshalb müssen sie steril abgepackt werden. Jetzt verspricht Coca-Cola, bis 2020 den Zuckergehalt um 20 Prozent zu reduzieren, Kellogg will den Zuckergehalt seiner Top-Produkte um bis zu 40 Prozent runterschrauben. Aber das muss eben ohne Kompromiss an den Geschmack und die Erwartungen an die Süße gelingen. Man will eine typische Zuckersüße ohne die Nachteile von Zucker.

Haben Sie dafür eine Lösung?
Wir haben einen natürlichen Eiweißstoff gefunden, der 1000-mal süßer ist als normaler Zucker. Und weil es kein Zucker ist, verursacht er keine Karies und löst auch nicht in der üblichen Form eine Insulinantwort des Körpers aus. Noch viel spannender, auch was das Feedback der Industrie angeht, ist eine zweite Produktlinie, die wir entwickeln. Da geht es um Stoffe, die die Wirkung von normalem Zucker verstärken können. Das heißt, man muss weniger Zucker reintun, kann aber trotzdem den gleichen Geschmack erreichen. Das ist der heilige Gral der Industrie.

Warum?
Zucker ist nicht nur Süßstoff, er sorgt auch für bestimmte Eigenschaften im Produkt. Wenn Sie Cornflakes ohne Zucker machen, sind die nicht so knusprig, wie man es gewohnt ist. Sie brauchen aber nicht die ganze Menge an Zucker, die drin ist, um diese Knusprigkeit zu ­erreichen. Deshalb ist es entscheidend, dass man sowohl einen Süßstoff hat, etwa für die Getränke­industrie, als auch einen Süßkraftverstärker. Und wichtig ist in jedem Fall, dass es nach Zucker schmeckt, nicht nach Lakritze oder Metall.

Wann kann ich Produkte mit diesen Inhaltsstoffen kaufen?
Nach unserer heutigen Planung in etwa sechs Jahren. Wir haben eine erste Partnerschaft mit Roquette, ­einem großen Hersteller von Süßlösungen. Roquette übernimmt auch die regulatorischen Aspekte, das ist ein sehr langwieriger Prozess. Wir hoffen, dass dieser durch die Zusammenarbeit mit so einem etablierten Player beschleunigt werden kann. Außerdem sind wir in sehr fortgeschrittenen Verhandlungen mit zwei großen Konsumgüterfirmen, um auch die direkt in die Entwicklung einzubinden und natürlich finanzielle Benefits für BRAIN zu erzielen.

Können diese Produktentwicklungen noch scheitern?
Ausschließen lässt sich das nie. Wir haben aber ein anderes Risikoprofil als etwa ein Pharmakonzern. Wir können die Grundsicherheit dieser Stoffe sehr früh testen. Und wir haben nicht nur einen Stoff in der Pipeline. Das ist eine ganze Entwicklungslinie.

Laut Neunmonatsbericht konnte BRAIN zuletzt das Geschäft mit Forschungskooperationen ausbauen, das eigene Produktgeschäft ging ­dagegen zurück - hatten Sie nicht beim Börsengang genau das Gegenteil in Aussicht gestellt?
In der Tat haben wir im produkt­bezogenen Geschäft eine Delle zu verzeichnen. Die kommt von einem bestimmten Enzymportfolio für die Herstellung von Bioethanol. Da gab es in den ersten beiden Quartalen dieses Kalenderjahres einen deutlichen Rückgang, weil einige Bioethanolhersteller aufgrund des sehr niedrigen Ölpreises ihre Anlagen heruntergefahren haben. Mit dem Anstieg des Ölpreises hat sich das wieder geändert. Jetzt versuchen wir natürlich, wieder aufzuholen. Daneben sind wir in dem Spezialitätenenzymbereich, also dem Bereich, der in Zukunft ein immer größeres Standbein werden soll, niedrig zweistellig gewachsen. Noch ist dieser Anteil nicht in der Lage, den Rückgang im Bio­ethanolbereich zu kompensieren, aber die Entwicklung stellt uns ganz zufrieden.

Auch der Verlust vor Steuern hat sich von 3,9 auf 7,7 Millionen Euro stark ausgeweitet, selbst wenn man Einmaleffekte wie den IPO he­rausnimmt. Woran liegt das?
Es gibt noch andere Kosten, die mit dem IPO zusammenhängen, die wir dem Börsengang jedoch gemäß IFS-­Bilanzierungsregeln nicht direkt zuschlagen dürfen. Das Wissen, dass wir da noch mal eine beträchtliche Summe haben und dass die restliche Kostenstruktur gleich geblieben ist, ist für uns auch eine Bestätigung, dass wir mit unserer Planung auf dem richtigen Weg sind. Wir wollen 2017/18 den Break-even erreichen, und dabei bleibt es auch.

Der dänische Enzymmarktführer Novozymes hat jüngst die deutsche Firma Organobalance übernommen. Ist BRAIN als Nächstes an der Reihe?
Der Akquisition von Novozymes belegt die Attraktivität des Feldes. Wir streben aber keinen Verkauf an. Wir gedenken auch nicht, BRAIN ­einem Großkonzern anzudienen. Wir wollen BRAIN langfristig zu einem substanziellen Marktteilnehmer aufbauen. Zum einen mit unserer ­Pipeline, zum anderen schließen wir auch weitere Akquisitionen nicht aus.

Kurzvita

Biologe und Chef
Jürgen Eck (54) übernahm im Juli 2015 das Amt des Vorstandsvorsitzenden von Holger Zinke. Beide zählten vor 23 Jahren zum Gründungsteam des Unternehmens BRAIN im hessischen ­Zwingenberg. Eck studierte Biologie und promovierte in Biochemie und Moleku­larer Genetik an der Technischen Univer­sität Darmstadt. ­Danach war der begeisterte Hobby­fotograf als Techno­logievorstand von BRAIN für die ­Forschung verantwortlich.

Das Unternehmen

Börsendebütant
Seit Gründung 1993 forscht BRAIN auf dem Gebiet der industriellen, der ­sogenannten weißen Biotechnologie. Das Unternehmen mit Sitz im hessischen Zwingenberg notiert seit Februar 2016 als erstes deutsches Unternehmen aus dem Bereich der Bioökonomie im Prime Standard der Deutschen Börse. Die Aktie (ISIN: DE0005203947) legte seit Emission um knapp 28 Prozent zu.

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Bildquellen: Julian Mezger für €uro am Sonntag, Kristian Barthen, Archiv BRAIN AG

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