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04.10.2016 21:26

Dieter Meier: "Pokern war für mich eine Weltflucht"

Euro am Sonntag-Interview: Dieter Meier: "Pokern war für mich eine Weltflucht" | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Interview
Musiker, Investor und Ex-Profi-Pokerspieler - der Schweizer Multimillionär spricht über seine Erfahrungen mit dem großen Geld, genialen Geschäftsideen und guten Großmutter-Aktien.
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€uro am Sonntag
von Renato Leo, Euro am Sonntag

Eigentlich strebte der Bankierssohn und Schulabbrecher nie nach Erfolg. Es passierte einfach, während er tat, worauf er Lust hatte. Erst als Sänger der Elektro-Pop-Pioniere Yello, mit denen er dieser Tage das 13. Album "Toy" veröffentlicht hat. Dann als Aktionär, Investor und Gastronom. Er wohnt in Argentinien, Los Angeles, Zürich und ganz besonders gern in Berlin, wo ihn €uro am Sonntag in der Bar Lebensstern zum Interview getroffen hat.


€uro am Sonntag: Herr Meier, Sie besitzen in Berlin zwei Restaurants. Warum führen wir die Interviews nicht dort?
Dieter Meier:
Weil sie tagsüber geöffnet und sehr gut besucht sind. Ich hätte dort keine Ruhe. Ich kann in meinen eigenen Restaurants selten für längere Zeit nur dasitzen und nichts tun. Irgendwann werde ich unruhig und beobachte, ob alles gut läuft und die Gäste zufrieden sind. Sich da komplett auf ein Interview zu konzentrieren, wäre für mich unmöglich.


Im Oktober werden Sie ein ganz besonderes Debüt feiern: Die ersten Livekonzerte in der 30-jährigen Band-Historie von Yello. Die vier Shows im Berliner Kraftwerk waren innerhalb von 48 Stunden ausverkauft. Was hat Yello so lange davon abgehalten, vor Publikum aufzutreten?
Mein Partner Boris Blank wollte aus guten Gründen nie live auftreten. Er fand das immer eigenartig, weil vieles in einem Konzert vorprogrammiert ist, und das widersprach seinem Empfinden eines Livekonzerts. Er wollte nicht einfach nur ein Computerprogramm in Gang setzen müssen, das dann den Rest erledigt. Was wir im Kraftwerk Berlin planen, ist weit mehr als ein Musikkonzert. Wir werden das gesamte Gebäude in unsere Performance mit einbeziehen. Es wird ein sehr opernartiger Auftritt mit vielen Projektionen und mehreren Bühnen. Unsere Konzerte sollen auch in Sachen Sound die Grenzen sprengen und neue Maßstäbe setzen. Mit uns auf der Bühne werden zwölf Musiker stehen und Boris ist sozusagen der Konzertmeister.

Spielte der monetäre Aspekt eine Rolle beim Sinneswandel?
Überhaupt keine Rolle. Würde Geld für uns eine Rolle spielen, hätten wir längst im großen Stil Kasse machen können. Dann hätten wir den Avancen internationaler Booking-Agenturen nachgegeben, die uns schon seit Jahren auf eine Welttournee schicken möchten. Kurz nach Bekanntgabe der vier Berlin-Konzerte lag uns ein Angebot für zwei Shows vor, die uns über 600.000 Euro eingebracht hätten. Das haben wird dankend abgelehnt. Für uns sind andere Kriterien ausschlaggebend. Viel wichtiger ist, dass wir uns gut fühlen und die Konzerte in Berlin so funktionieren, wie wir uns das vorstellen. Falls die Leute Freude an unseren Ideen haben, werden wir vielleicht auf eine Tournee gehen.


Ist Geld für einen Musiker nur lustig bedrucktes Papier?
Ich hatte nie ein Verhältnis zur kommerziellen Seite der Musik. Mir war es immer wichtig, dass unsere Plattenfirma nicht zu Schaden kommt. Die haben mit Yello immer ihren Schnitt gemacht, selbst in Zeiten sinkender Erlöse durch das Aufkommen der Download- und Streaming-Plattformen. Ich würde allerdings auch Musik machen, wenn niemand Yello-Alben kaufen würde. Es ist für mich noch immer überraschend, dass unsere Musik von Millionen von Menschen gehört wird. Ich hatte ja nie eine Karriere angestrebt -und ein Popstar wollte ich erst recht nicht werden.

Bob Dylan sagte mal: "Ein Mann kann mit seinem Leben ganz zufrieden sein, wenn er morgens aufsteht und abends ins Bett geht und dazwischen getan hat, worauf er Bock hatte."
Auf einen Boris Blank mag das zutreffen. Für ihn ist das Musikstudio wie ein Sauerstoffzelt, in dem er sich erlebt und erfährt. Ich werde in meinem beruflichen Alltag oft mit Situationen konfrontiert, auf die ich eher weniger Bock habe.

Weil Sie neben der Musik hauptsächlich Unternehmer sind?
Genau. In der Musik leistet mein Boris die Vorarbeit. Als Unternehmer bin ich ganz anders involviert. Wenn ich mich erst mal einer neuen Geschäftsidee verschrieben habe, dann ist das für mich, als würde ich einen Berg besteigen. Ich hänge in der Wand drin und suche einen Weg rauf, denn ein Zurück gibt es nicht. Jeder Unternehmer wird das bestätigen können. Der Weg an die Spitze ist oft steinig und von Zweifeln gesäumt. Wichtig ist, dass man seine Selbstironie und den Humor nicht verliert, wenn’s dann mal eng wird.

Vom Schulabbrecher zum Multimillionär - wenn das keine Ironie des Schicksals ist. In der Schweiz ist Ihr Gesicht sogar auf Fleischpackungen zu sehen.
Das Wichtigste dabei ist: Alle Landwirtschaftsprodukte stammen von unseren Betrieben in Südamerika.

Wo Sie verschiedene Bio-Farmen besitzen. Ihr Anwesen in der argentinischen Region Humeda umfasst 20.000 Hektar, auf denen 10.000 Rinder leben. Außerdem produzieren Sie Wein und verkaufen Soja, Nüsse, Getreide und Gemüse.
So ist es. Derzeit entwickeln wir in Argentinien gerade ein Bewässerungsprojekt am Rio Negro in Argentinien.

Wie kommen all diese Projekte zu Ihnen?
Das ist ganz unterschiedlich. Mal kommen die Ideen zu mir, mal komme ich zu den Ideen. Auf meine neueste Geschäftsidee brachte mich ein deutscher Aroma-Forscher, der auf seinem Gebiet eine Welt-Kapazität ist. Er hatte ein Kaltextraktions-Verfahren zur hochwertigeren Verarbeitung von Kakao entwickelt und bot seine Erfindung zunächst den Großkonzernen an, die alle ablehnten. Man war zufrieden mit dem, was man hat. So landete die Idee schließlich bei mir. Die ersten Produkte von unserer Kakao-Farm in Costa Rica werden schon bald vom Band rollen.

Gehen Sie gern volles Risiko?
Ich mag das kalkulierte Risiko, aber ich bin kein Hasardeur. Ich würde niemals blind in ein Geschäft einsteigen. Meinem Investment in das Schokoladenprojekt gingen genaue Analysen voraus. Ein Jahr lang habe ich den Markt studiert, das Patent auseinandergenommen und neu patentieren lassen. Ich habe unsere Schokolade in kleinen Stückzahlen vorproduzieren lassen, um sie in ausgewählten Läden zu testen, und die Meinung von Fachleuten eingeholt. Erst nach der Evaluation aller Ergebnisse fiel meine Entscheidung, richtiges Geld in die Hand zu nehmen.

Bevor Sie Musiker wurden, schlugen Sie sich als Profi-Pokerspieler durch. Beim Glücksspiel geht’s ums schnelle Geld.
Poker ist kein Glücksspiel, Poker ist Psychoterror. Ich war ja auch ein Süchtiger. Gewonnenes Geld hatte für mich nur einen Sinn: Es sicherte mir das nächste Spiel. Das Geld war mein Stoff, mit dem ich meine Sucht befriedigen konnte. Pokern war für mich eine Weltflucht, denn ich wusste nichts mit mir anzufangen. Erst durch den Kontakt mit der Musik kam ich von meiner Sucht los, Yello hat mich glücklicherweise vor dem Schlimmsten bewahrt.

Gab es auch etwas, das Sie am Pokern fasziniert hat?
Der Umgang mit dem Schicksal. Das Schicksal spielt dir die Karten zu und du musst zusehen, wie du mit deinem Blatt agieren kannst. Du kannst solide spielen, du kannst aber auch bluffen und tricksen.

Besonders profitabel dürften Ihre Beteiligungen an mehreren Firmen sein. Bei welchem Investment haben Sie ein besonders gutes Händchen bewiesen?
Mit der Schweizer Uhren-Manufaktur Ulysse Nardin. Die habe ich mit Partnern zu einem Spottpreis von 800.000 Franken erworben. Bei unserem Einstieg lebte Ulysse Nardin nur noch von der Instandsetzung alter Uhren und stand kurz vor der Insolvenz. Das war die Zeit, in der Quarzuhren boomten und renommierte Traditionsunternehmen ums Überleben kämpfen mussten. Man muss sich das mal vorstellen, damals hätte man Omega für ein paar Hunderttausend Franken aufkaufen können! 30 Jahre später haben wir Ulysse Nardin für 800 Millionen Franken verkauft.

Ihr Vater war Bankier. Haben Sie den Geschäftssinn von ihm?
Absolut. Einerseits hat er mir einen komfortablen Start ins Leben ermöglicht. Andererseits half er mir beim Verwalten meines Vermögens, als wir mit Yello unerwartet viele Alben verkauften. Er riet mir, mein Geld in Großmutter-Aktien anzulegen, sichere Anlagen, die sich über die Jahre hinweg zu sicheren Renditebringern entwickeln sollten.

Wissen Sie, wie viel Ihre Firmen und Aktien aktuell wert sind?
Vielleicht auf 30 Prozent genau. Was weiß ich, was meine Nussplantage in Patagonien wert ist? Fragen Sie mich gern in zehn Jahren noch einmal nach meinem Vermögensstand - ich werde es dann immer noch nicht wissen.

Haben Sie schon mal richtig viel Geld in den Sand gesetzt?
Mein größtes finanzielles Engagement war gleichzeitig mein größter Misserfolg. Ich hatte im Silicon Valley in Euphonix investiert. Wir stellten die ersten digitalen Mischpulte her, unter anderem für die Filmindustrie. Halb Hollywood mischte mit unseren Geräten, sieben Oscars wurden damit gewonnen.

Klingt doch tipptopp!
Die Geräte waren auch super. Leider gelang uns nicht der Sprung vom professionellen in den Consumer-Bereich.

Wann war das?
Vor zehn Jahren. Ich habe die Firma dann mit ziemlich großem Verlust an einen Mitbewerber verkauft.

Wie gehen Sie mit Verlustgeschäften um?
Geld zu verlieren ist eine Sache. Die Zeit und der Druck und die Energie, die in Euphonix hineingeflossen sind, gingen mir wirklich an die Nieren. Aber ich habe daraus gelernt. Aus Niederlagen lernt man ja oft mehr als durch Erfolge.

Haben Sie schon mal ein Investment abgelehnt, das später durch die Decke gegangen ist?
Bei der Vielzahl von Ideen gibt es immer mal wieder welche, die sich wider Erwarten gut entwickeln. Ich hätte vor drei Jahren die Möglichkeit gehabt, in das Brillen-Start-up Viu zu investieren. Ich kam allerdings zu der Einschätzung, dass der Markt für Brillen in der Breite schon übersättigt sei, und lehnte ab. Zu meiner Überraschung wuchs die Firma rasant, heute macht sie einen Umsatz von 30 Millionen Euro und ist 50 Millionen Euro wert.

Überhaupt scheinen Sie Ihr Geld lieber in Bio-Farmen als in Start-ups zu investieren.
Mit den meisten Start-ups ist es wie beim Roulette. Eines von zehn Unternehmen kommt durch und wird berühmt, von dem Rest hört man nie wieder etwas. Ich bin kaum in der Lage, das Business eines Fintech-Start-ups zu durchleuchten, deshalb mache ich lieber in Wein. Wenn ich 15.000 Hektar Land mit einem neuen Bewässerungssystem bewässere, weiß ich, was ich tue.

Sie pendeln privat zwischen Los Angeles, Argentinien, Ibiza, Berlin und Zürich. Wo würden Sie sich niederlassen, wenn Sie sich entscheiden müssten?
Wenn ich mich für einen Wohnsitz entscheiden müsste, würde ich fest nach Berlin ziehen. Berlin ist für mich ein artistischer Ort, der keinen Klassendünkel kennt. Diese Stadt hat noch Brackwasser-Gebiete, in der die aufregendsten Blüten sprießen. Das liefert den perfekten Nährboden für Start-ups. Das Silicon Valley Europas befindet sich in Berlin.

Vita

Der Lebenskünstler
Dieter Meier, am 4. März 1945 in Zürich als Sohn eines vermögenden Bankiers geboren, schlug sich nach seinem abgebrochenen Jurastudium zunächst als Pokerspieler und Performancekünstler durch. Ende der 70er-Jahre trifft er in einem Plattenladen Boris Blank, die beiden begeben sich in ein Testlabor für Autos und komponieren aus den Geräuschen der Maschinen experimentelle Musik - so entsteht die Elektro-Pop-Band Yello, mit der er bis heute zwölf Millionen Platten und CDs verkauft hat.
Meier ist Vater von drei Töchtern und einem Sohn und lebt in zweiter Ehe mit seiner Frau Monique in Zürich.ElektroPop-Duo Yello: Dieter Meier und Partner Boris Blank wurden 2014 mit dem Musikpreis Echo für ihr Lebenswerk ausgezeichnet
Bildquellen: Helen Sobiralski/Universal Music
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