Der Ruhestand ist kein Stillstand: Warum sich Finanzbedarf und Strategie im Alter mehrfach wandeln

Der Ruhestand wird häufig als homogene Lebensphase betrachtet - mit fatalen Folgen für die Finanzplanung. Tatsächlich verändert sich der finanzielle Bedarf im Alter deutlich: zeitlich, strukturell und emotional. Wer Vermögen heute verantwortungsvoll steuert, muss diese Dynamik verstehen und frühzeitig abbilden.
Ein differenziertes Phasenmodell hilft, Einkommensquellen, Liquidität und Risiken passgenau auszurichten.
Ruhestandsvorsorge (bis ca. 60 Jahre)
In dieser Phase steht der langfristige, kaufkrafterhaltende Vermögensaufbau im Mittelpunkt. Jede Investition sollte im Hinblick auf ihre spätere Funktion im Ruhestand bewertet werden. Entscheidender als kurzfristige Rendite ist die Frage, welche Rolle ein Asset künftig im Gesamtkonzept spielen soll - als Wachstumsbaustein, Ertragsquelle oder Liquiditätsreserve.
Ruhestandsvorbereitung (60-67 Jahre)
Die Planung wird konkret. Nun rücken die Koordination gesetzlicher, betrieblicher und privater Vorsorgebausteine sowie steuerliche Fragestellungen in den Vordergrund. Soll vorhandenes Kapital verrentet, entnommen oder investiert bleiben? Müssen Auszahlpläne vorbereitet werden? Auch größere Anschaffungen oder eine Anpassung der Wohnsituation gehören in dieser Phase strategisch auf den Tisch.
Ruhestandsbeginn (63-67 Jahre)
Liquiditätssteuerung wird jetzt zur Schlüsselaufgabe: Welche Quellen liefern das monatliche Einkommen? Welche Reserven sind flexibel verfügbar? Ziel ist Planungssicherheit, ohne die notwendige Anpassungsfähigkeit zu verlieren.
Aktiver Ruhestand (ca. 65-80 Jahre)
Viele Ruheständler sind in diesen Jahren gesund, mobil und aktiv. Reisen, Hobbys, kulturelles Engagement oder Unterstützung der Familie führen häufig zu einem erhöhten Finanzbedarf.
Passiver Ruhestand (ca. 75-90 Jahre)
Mit zunehmendem Alter sinken Mobilität und Konsumfreude meist. Teure Reisen und Aktivitäten treten in den Hintergrund, während die laufenden Lebenshaltungskosten relativ stabil bleiben. Der Fokus verschiebt sich auf eine sichere, planbare Einkommensbasis - ergänzt um Reserven für unvorhergesehene Ereignisse oder erste Pflegeleistungen.
Unterstützter Ruhestand (ab ca. 85 Jahre)
In dieser Phase steigt häufig der Bedarf an externer Unterstützung, etwa durch ambulante Pflege, betreutes Wohnen oder stationäre Versorgung. Klassische Konsumausgaben verlieren an Bedeutung, während Gesundheits- und Pflegekosten sowie wohnbezogene Anpassungen finanziell dominieren.
Eine strukturierte Ruhestandsplanung schafft mehr als finanzielle Sicherheit - sie erhält Handlungsspielräume. Dazu gehören:
• Selbstbestimmung über Zeitpunkt und Gestaltung des Renteneintritts
• Flexible Einkommensquellen aus Renten, Kapitalerträgen oder Teilzeitarbeit
• Vorsorge für gesundheitliche und familiäre Unwägbarkeiten
• Freiheit bei Lebensstil und Wohnort
• Finanzielle Unabhängigkeit ohne Abhängigkeit von Dritten
Bewährt hat sich eine funktionale Gliederung des Vermögens in drei Töpfe:
• Liquiditätstopf: Geldmarktnahe Anlagen für laufende Ausgaben, kurzfristige Ziele und eine 12-Monats-Liquiditätsreserve inklusive Wohlfühlpuffer.
• Zinsdepot: Kurz- bis mittelfristige Anleihen- oder Rentenfonds als relativ stabile Ertragsquelle für planbare Entnahmen.
• Wachstumstopf: Aktien- oder vermögensverwaltende Fonds für langfristigen Kaufkrafterhalt, mit der Option, Ausschüttungen zu nutzen oder Kursgewinne umzuschichten.
Die klare Zuordnung von Funktionen sorgt für Stabilität, Flexibilität und Wachstum - drei zentrale Voraussetzungen für einen finanziell gelingenden Ruhestand.
von Gottfried Urban, Urban & Kollegen Vermögensmanagement, Altötting
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