14.03.2021 16:22

Locker über Kredithürden: Wie Rentner sogar günstigere Kredite bekommen

Euro am Sonntag gibt Rat: Locker über Kredithürden: Wie Rentner sogar günstigere Kredite bekommen | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag gibt Rat
Folgen
Wenn Rentner ein Darlehen wollen, müssen sie oft mit unwilligen oder wenig kompetenten Beratern sowie mit hinderlichen Gesetzen umgehen. Wer sich gut vorbereitet, kommt dennoch ans Ziel.
Werbung
€uro am Sonntag

von Sabine Hildebrandt-Woeckel, Euro am Sonntag

Kredit ab 65", "Kredite für Rentner im Vergleich", "Top-Zinsen im Alter erhalten", "Kredite für Rentner zu Top-Konditionen": Wer im Internet oder in den Schaufenstern von Banken und anderen Finanzdienstleistern nach Krediten für Ältere sucht, scheint mit Angeboten überschüttet zu werden. Sind also die Negativbeispiele, die gerade in jüngerer Zeit durch die Medien gingen, eher die Ausnahmen? Also, das Rentnerehepaar, das kein Auto finanzieren kann, oder die ältere Dame, der der Kredit für eine neue Heizung verweigert wird. Stimmt es gar nicht, dass die Kreditwürdigkeit nach dem Ende der Berufstätigkeit deutlich abnimmt?

"Doch", sagt Susanne Götz, Beraterin für Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Bayern, "Ältere haben es eindeutig schwerer." Anders Dirk Stein. "Ganz klar nein", entgegnet der Mann, der beim Bundesverband deutscher Banken (BdB) für Retail Banking und Verbraucherschutz zuständig ist. "Das können wir nicht bestätigen." Das Alter, so Stein weiter, "ist nicht ausschlaggebend bei der Kreditvergabe". Doch er schiebt auch gleich eine Einschränkung hinterher: "Ein Kriterium von vielen" sei es schon.

Womit wir uns dem Problem nähern: Denn dass Rentner trotz vieler Lockangebote im Alltag eben doch immer wieder vor großen Herausforderungen stehen, hat durchaus seine Gründe, und die liegen ausgerechnet im Verbraucherschutz, wie auch Beraterin Götz weiß. Dass viel geworben wird, so die Expertin weiter, sei bestenfalls eine Marketingstrategie und schlimmstenfalls Betrug. Im ersten Fall geht es "um ganz normale Ratenkredite", wie man beim Vergleichsportalbetreiber Verivox auch unumwunden einräumt. Sie werden zwar gezielt Rentnern angepriesen, das heißt aber mitnichten, dass die Kredite auch bevorzugt an diese ausgegeben werden. Im zweiten Fall handelt es sich schlicht um Abzocke, die darauf abzielt, die andernorts Abgewiesenen mit einzufangen und dafür horrende Zinsen zu kassieren.

Kehrseite des Verbraucherschutzes

Was den Rentnern mit Finanzbedarf das Leben schwer macht, sind Vorgaben wie die Wohnimmobilienkreditrichtlinie oder die Kreditwürdigkeitsprüfung, nach der Banken Kredite grundsätzlich nur noch vergeben dürfen, wenn kein erheblicher Zweifel daran besteht, dass der Darlehensnehmer den Kredit zurückzahlen kann. Bei Rentnern fallen dabei zwei Aspekte sofort ins Auge: das zumeist deutlich geringere Einkommen und das höhere Sterberisiko, die beide - zumindest auf den ersten Blick - die Ausfallwahrscheinlichkeit erhöhen.

Viele ihrer angeschlossenen Banken, heißt es denn auch bei Verivox, vergeben Kredite nur, wenn sie bis zum Alter von 75 oder 80 Jahren zurückgezahlt sind. Zehn Prozent der Kreditnehmer, so weist es die interne Statistik des Unternehmens aus, sind 60 oder älter, gerade einmal drei Prozent über 70. Nicht alle Anbieter kommunizieren das so offen. Experten gehen aber davon aus, dass viele Banken noch deutlich restriktiver vorgehen und mitunter schon bei Mittsechzigern die Schotten dichtmachen. Kai Weber vom Finanzberatungsunternehmen Dr. Klein sieht das Ende bei 75, auf den Seiten von Smava heißt es, "bis zur Vollendung des 74. Lebensjahres".

Dabei sei die verpflichtende Kreditwürdigkeitsprüfung durchaus eine sinnvolle und gute Regelung zum Schutz der Verbraucher, weil sie letztlich deren zivilrechtliche Möglichkeiten stärke, betont Juristin Götz. Wenn sie etwa wegen schlechter Beratung überfordert seien, könnten sie gegen ihr Kreditinstitut vorgehen. In der Praxis jedoch, so die Erfahrung von Götz, führe die Prüfung nicht selten dazu, dass ein höheres Alter vorschnell überbewertet oder als Ausrede benutzt werde. Mit anderen Worten: Unwillige oder unwissende Berater wollen Probleme oder Aufwand vermeiden und beschäftigen sich gar nicht erst mit dem Ansinnen ihrer potenziellen Kunden im vorgerückten Alter. Eine Praxis, die auch andere Gruppen wie Selbstständige oder Personen mit befristeten Arbeitsverhältnissen immer wieder erleben.

Dass es diese Auswirkungen gibt, hat man auch im Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz registriert. Immer wieder mal, so ein Sprecher, erreichten das Ministerium diesbezüglich Bürgerbeschwerden. "Belastbare Zahlen gibt es allerdings noch nicht." Insbesondere in Bezug auf Immobiliar-Verbraucherdarlehen, also grundpfandrechtlich besicherte Kredite, wird daher gerade evaluiert, ob eine Altersdiskriminierung festgestellt werden kann. Zudem wurde bereits in der letzten Legislaturperiode eine Klarstellung vorgenommen. Demnach gibt es Konstellationen, bei denen "die Möglichkeit, dass ein Kreditnehmer das Darlehen nicht innerhalb seiner (statistischen) Lebenserwartung zurückzahlen kann, nicht berücksichtigt werden muss". Mit anderen Worten: Man sollte genau hinsehen.

Und genau hierauf, so die Empfehlung von Götz, sollten Kreditsuchende auch bestehen und "um eine umfassende Kreditwürdigkeitsprüfung kämpfen". Gerade ältere Menschen, so ihre Erfahrung, gäben hier viel zu schnell auf und ließen sich von einer ersten Absage schocken. Wolle der Berater nicht mitziehen, lohne es sich aber oft, den Abteilungs- oder Filialleiter hinzuzuziehen. Denn tatsächlich gibt es viele Stellschrauben. Zu einer echten Kreditwürdigkeitsprüfung gehören neben der Erhebung des aktuellen Status auch die Berücksichtigung künftiger Ereignisse wie die Auszahlung von Sparverträgen oder Lebensversicherungen.

Ebenso gilt es, insbesondere bei höheren Summen alternative Formen der Geldbeschaffung zu prüfen und zum Beispiel bei geplanten baulichen Veränderungen auch Fördermaßnahmen einzubeziehen, die oftmals gerade keine Altersbeschränkung haben. Von Restschuldversicherungen, die mitunter vorschnell als Lösung ins Spiel gebracht würden, halten Experten jedoch allenfalls in absoluten Ausnahmefällen etwas. "Denn sie verteuern den Kredit unverhältnismäßig", findet nicht nur Götz.

Immobilien als Sicherheit

Auch abbezahlte Immobilien können als Sicherheiten genutzt werden, wobei die Möglichkeiten hierzulande - zumindest derzeit - nicht ganz so vielfältig sind wie in anderen europäischen Ländern oder in den USA, wo beispielsweise lebenslange Hypotheken, sogenannte Lifetime Mortgages, gebräuchlich sind. Zwar wurde diese Möglichkeit, einen Kredit zu gewähren, die auch als Immobilienverzehrkredit bezeichnet wird und gerade für Rentner eine gute Alternative darstellt, vom Gesetzgeber ausdrücklich von den Anforderungen der Kreditwürdigkeitsprüfung ausgenommen. Bislang aber, bedauern Berater wie Kai Weber, fehlen auf dem Markt noch die passenden Produkte. Weber ist jedoch sicher, dass sich dies künftig ändern wird. Gezielte Nachfragen können sich daher durchaus lohnen.

Ebenso gibt es für Immobilienbesitzer verschiedene andere Möglichkeiten, Renten- oder Einmalzahlungen aus der Immobilie zu erhalten. Da hierzu die Immobilie jedoch zumindest teilweise verkauft werden muss, sind sowohl Verbraucherschützer als auch Eigentümerverbände kritisch. Das Modell müsse sich gleichermaßen für Käufer und Vermittler rechnen. Daher käme "für den Verkäufer, der dringend Geld benötigt, zumeist nicht genug rum", meint Petra Uertz, Bundesgeschäftsführerin des Verbands Wohneigentum.

Wie Finanzberater Weber beklagt auch sie, dass es noch keine guten Produkte gebe. Interessant, so ihre Einschätzung, könnte diese Form der Geldbeschaffung im Alter dann werden, wenn der Staat dies fördern und einen Rahmen setzen würde. Vor allem wenn Kinder da sind, rät sie Immobilienbesitzern in finanziellen Nöten eher dazu, vorzeitig an die Kinder zu übergeben. "Die bekommen dann einen Kredit."

Gründlich geprüft, Alter egal

Einig sind sich alle Experten aber vor allem in einem Punkt: Je umfangreicher sich gerade kreditsuchende Rentner bereits im Vorfeld mit dem Thema befassen, desto größer sind ihre Chancen. Dazu gehört auch, nicht nur beim langjährig bekannten Bankberater nachzufragen. Vor allem Ältere, so Finanzberater Weber, kämen oft gar nicht auf die Idee, auch jenseits der eigenen Hausbank Ausschau zu halten. Dabei sei gerade die bei Beträgen, die oberhalb von 2.500 Euro liegen, häufig nicht die beste Wahl. Direktbanken, so zeigen Vergleiche, sind da oft deutlich offener.

Finde tatsächlich eine Prüfung statt und stimme die Bonität, präzisiert noch einmal Banker Stein, sei das Alter nicht ausschlaggebend. Es gelten dieselben Prüfkriterien wie immer. Eine Einschätzung, die man beim Vergleichsportalbetreiber Verivox bestätigt. Auch die Kreditkonditionen sind dann keineswegs schlechter. Senioren ab 65 Jahren, zeigt aktuell eine interne Auswertung des Unternehmens, zahlen im Mittel 3,14 Prozent Zinsen (Medianzins) und liegen damit sogar geringfügig günstiger als Jüngere. Die müssen 3,17 Prozent hinlegen.


Vor- und Nachteile von Verzehrkrediten

Was bedeutet Lifetime Mortgage?

Wenn keine Ersparnisse da sind oder die Rente zu klein ist, gibt es Möglichkeiten, an Geld zu kommen, ohne das Eigenheim verkaufen zu müssen.

Immer mehr Immobilienbesitzer in Deutschland stehen vor dem gleichen Problem: Auf dem Papier sind sie wohlhabend, aber tatsächlich reicht das Geld nicht für die Reparatur des Dachs, ein neues Auto oder eine schöne Reise. Hier bietet die Lifetime oder Reverse Mortgage eine Lösung, bei der das Eigenheim - anders als bei den klassischen Verrentungsmodellen - nicht verkauft werden muss. Der Kunde bleibt Eigentümer, behält alle Rechte und kann die Immobilie sogar vererben.

Solange die lebenslange Hypothek läuft, dient die Immobilie der Kredit gebenden Bank als Sicherheit, sie erhält für das ausgereichte Darlehen aber weder Zins- noch Tilgungszahlungen. Erst wenn der Kunde verstirbt, bekommt der Anbieter das geliehene Geld zurück. Hier gibt es zwei Möglichkeiten: Die Hinterbliebenen übernehmen den Kredit und zahlen die Bank aus. Oder die Immobilie wird verkauft, die Bank behält ihren Anteil ein und erstattet den Hinterbliebenen den Rest.


Tipps zum Gespräch

So erhöhen Sie Ihre Chancen

Wer gut vorbereitet das Gespräch mit seinem Bankberater sucht, hat ungleich besser Chancen, einen Kredit zu bekommen - ganz gleich, ob in fortgeschrittenem oder weniger fortgeschrittenem Alter

Hartnäckig bleiben

Bestehen Sie auf einem kompetenten Gesprächspartner.

Gespräch gut vorbereiten

Stellen Sie vorab zusammen, welche zusätzlichen Sicherheiten Sie bieten können, und checken Sie die eigene Bonität bei der Schufa (Auskunft kann einmal jährlich kostenlos angefordert werden).

Dispokredit checken

Ein hoher Dispokredit kann zur Ablehnung führen. Bieten Sie der Bank an, den Dispokredit zurückzufahren.

Weitere Kreditnehmer

Um die Bonität zu erhöhen, kann es sinnvoll sein, den Kredit gemeinsam mit dem Partner aufzunehmen.

Bedingungen anpassen

Je kürzer die Laufzeit, desto größer sind die Chancen.

Alternativen prüfen

Wird kein Ratenkredit angeboten, verhandeln Sie über einen Rahmenkredit mit flexibler Rückzahlungsmöglichkeit. Den können Sie quasi wie einen Dispokredit nutzen, nur zu deutlich niedrigeren Zinssätzen. Da die Bank bei der Kreditwürdigkeitsprüfung nur die Zinsen berücksichtigen muss, sind die Chancen hier größer.

Förderungen nutzen

Informieren Sie sich vorab, welche Fördermaßnahmen es für Ihr Vorhaben gibt, und machen Sie den Bankberater darauf aufmerksam. Verlassen Sie sich nicht darauf, dass die Bank Sie von sich aus auf Förderungen hinweist.

Mehrere Kreditangebote einholen

Auch wenn sich bereits die erste Bank verhandlungsbereit zeigen sollte: Vergleichen Sie!









_______________________________
Bildquellen: Kite_rin / Shutterstock.com, auremar / Shutterstock.com
Werbung

Heute im Fokus

DAX geht fester ins Wochenende -- US-Börsen schließen im Plus -- adidas erhält wohl Milliarden-Angebot für Reebok -- FMC, TUI, BVB, Coinbase, Aurora Cannabis, Disney, Airbnb im Fokus

Irisches Gericht weist Facebook-Beschwerden zu US-Datentransfer ab. Volkswagen-Konzern kann Auslieferungen um 75 Prozent steigern. Knapp 50% der Vonovia-Aktionäre nehmen die Aktiendividende. Amazon will in Großbritannien 10.000 neue Jobs schaffen. Deka unterstützt neue Strategie der Commerzbank. Ökonomen rechnen trotz Inflationsanstieg erst Anfang 2022 mit strafferem Fed-Kurs. Steinhoff erlöst mit Pepco-Börsengang 900 Millionen Euro.
Werbung
Werbung
Werbung
Börse Stuttgart Anlegerclub
Werbung

Umfrage

Die dritte Corona-Welle scheint gebrochen. Sollten nun schnell Lockerungen folgen?

Online Brokerage über finanzen.net

finanzen.net Brokerage
Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade aus der Informationswelt von finanzen.net!

Oskar

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
Zur klassischen Ansicht wechseln