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06.06.2016 03:00

Ökonom Richard Koo: "Ein Schulden­erlass wäre sinnlos"

Euro am Sonntag-Interview: Ökonom Richard Koo: "Ein Schulden­erlass wäre sinnlos" | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Interview
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Japans bekanntester Ökonom Richard Koo sagt, dass seine Lehren China und den USA in der Krise geholfen haben. Nur Europas Politiker, auch die Deutschen, seien lernresistent.
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€uro am Sonntag
von Simon Schmid, Euro am Sonntag

Richard Koo kann man als Pendler zwischen den Welten bezeichnen. In der japanischen Stadt Kobe geboren, kam der Sohn einer Chinesin aus Shanghai und eines Taiwaners aus Taipeh als Teenager in die USA. Dort absolvierte er sein Bachelorstudium in San Francisco. Bevor er den Master in Baltimore, Maryland, machte, baute er Klaviere in Hongkong und San Francisco. Nach einem Aufenthalt bei der Federal Reserve in New York schloss er sich der japanischen Bank Nomura an, für die er bis heute tätig ist. Koo machte sich zudem als Autor weltweit einen Namen (siehe unten).


€uro am Sonntag: In Japan läuft seit 2013 ein Experiment namens "Abenomics". Funktioniert es?
Richard Koo: Das Wirtschaftsprogramm von Premierminister Shinzo Abe begann mit einer geldpolitischen Lockerung. Die Bank of Japan setzte ein Quantitative-Easing-Programm (QE) durch. Es schwächte den Yen und trieb die Aktienkurse hoch. Doch die Kreditvergabe an den Privatsektor hat sich kaum beschleunigt.


Warum nicht?
Wenn eine Zentralbank QE betreibt, kauft sie Wertpapiere am Markt auf. Sie erhöht damit die Geldmenge im Bankensystem. Soll dieses Geld in die echte Welt fließen, so braucht es jedoch auch Kreditnehmer, also Privatleute oder Unternehmen, die Geld borgen und ausgeben wollen. Aber in Japan gibt es schon seit 25 Jahren keine solchen Borger mehr - selbst bei Zinsen von null Prozent! Der "erste Pfeil" von Abenomics war demnach eine großartige Show für die Finanzmärkte, hat im Endeffekt aber nicht viel gebracht.

Wie steht es um den "zweiten Pfeil" von Abenomics, die Fiskalpolitik?
Sie ist in einer Bilanzrezession absolut entscheidend - also in einer Phase, in der Haushalte und Firmen kein Geld aufnehmen, sondern sparen, um Schulden abzuzahlen. In dieser Situation muss ein anderer Akteur als Kreditnehmer einspringen, damit die Wirtschaft nicht einbricht. Dieser Akteur ist der Staat. Japans Finanzminister Taro Aso versteht dies zum Glück. Seine Politik hat Japan in den letzten drei Jahren über Wasser gehalten.

Soll Japan noch mehr Schulden ­machen?
Der japanische Privatsektor legt notorisch mehr Geld zur Seite, als er ausgibt. Der Sparüberschuss liegt zwischen fünf und sechs Prozent des Bruttoinlands­produkts. In dieser Situation sollte der Staat auch versuchen, zwischen fünf und sechs Prozent Schulden zu machen. Sonst schrumpft die Wirtschaft.

Kann man die Nullzinsen vergessen?
Die Geldpolitik hilft - aber nur, wenn man auch staatliche Defizite zulässt. Werden aber immer wieder Forderungen nach einem ausgeglichenen Budget laut und wird der "zweite Pfeil" der Wirtschaftspolitik behindert, dann nützen auch die Nullzinsen nicht viel.

Kommen wir zum "dritten Pfeil", den Strukturreformen. Wie wichtig sind sie?
80 Prozent der Kommentatoren, die sich über die mangelnde Umsetzung von solchen Strukturreformen beklagen, haben keine Ahnung, was eine Bilanzrezession ist. Wenn sie die Daten anschauen würden und nachsehen, wie viel Geld der Privatsektor spart, würden sie den "dritten Pfeil" überhaupt nicht mehr erwähnen. Punkt.

Wie verhält sich das in der Eurozone?
Auch hier sind die Strukturen nicht die wahren Probleme. Es ist der Privatsektor: In Europa spart er wie verrückt.

Strukturprobleme wie mangelnder Wettbewerb oder rigide Arbeitsmärkte lassen sich doch nicht einfach so wegdiskutieren.
Natürlich hat jede Wirtschaft ihre jeweiligen Schwächen. Doch diese Schwächen verursachen nur 20 Prozent des Problems. 80 Prozent rühren von den Bilanzen der Haushalte und Firmen, die in Schieflage sind. Das ist in Europa wie in Japan so.

Welche Wege schlägt Ihre Theorie denn vor, um die Schulden loszuwerden?
Wenn die Verschuldung nur einen kleinen Teil der Gesellschaft betrifft - und die Schulden auf wenige Akteure konzentriert sind -, kann man isoliert he­rangehen. Man kann etwa Banken mit staatlichen Geldern rekapitalisieren oder Gläubiger mit einem Bail-in dazu zwingen, dass ihr Guthaben in Eigenkapital umgewandelt wird. Wenn die Überschuldung aber einen großen Teil der Gesellschaft betrifft - was leider in den USA, in Europa und in Japan heute der Fall ist -, dann funktionieren solche Tricks nicht. Dann ist ein "Schuldenschnitt" für Person A gleichbedeutend mit einer Schuldenzunahme für Person B. Ein groß angelegter Schulden­erlass wäre also sinnlos, wenn er wiederum Gläubiger und Pensionäre in Schwierigkeiten bringt.

Wie geht es in diesem Fall weiter?
Wenn das Schuldenproblem systemisch ist, gibt es keine schnellen und einfachen Lösungen. In diesem Fall muss man das ganze System reparieren. Und das dauert typischerweise sehr lange. Aufgabe der Wirtschaftspolitik ist es in dieser Phase, das BIP vor dem Kollaps zu bewahren. Der Staat muss die Wirtschaft stabilisieren, damit Private genügend Einkommen erzielen können, um ihre Schulden abzuzahlen. Wenn die privaten Bilanzen wieder im Lot sind, kommt auch die Kreditvergabe wieder in Gang. Dann kann der Staat sparen.

Wie lange geht das? Zehn Jahre?
Im Optimalfall dauert es etwa fünf Jahre, bis die gröbsten Bilanzprobleme bereinigt sind. So lange brauchten die Amerikaner nach der Lehman-Krise, um wieder Kredit aufzunehmen. Der ehemalige Chef der Federal Reserve, Ben Bernanke, warnte damals wiederholt vor der sogenannten Fiskalklippe. Er wollte nicht, dass der Staat in dieser kritischen Zeit spart. Genau dies passierte aber in Europa: Jedes einzelne Land fiel über die Fiskalklippe!

Mit welchen Folgen?
Als man zwei Jahre nach der Krise auf Austerität umschaltete, sanken die Einkommen, und dem Privatsektor stand weniger Geld zur Verfügung, um seine Schulden zu reduzieren. Nun wird es viel länger dauern, bis sich Spanien oder Irland aus dem Sumpf befreien können.

Gelten Spanien und Irland nicht als ­Modellbeispiele für Länder, die es mit harten Reformen aus der Krise ­geschafft haben?
Die irischen Haushalte sind nach sieben­einhalb Jahren immer noch damit beschäftigt, Schulden abzuzahlen. Sie borgen nicht einmal bei Negativzinsen Geld! Sie nehmen also nicht am Wachstum teil. Der einzige Grund, warum es in Irland läuft, ist das ausländische Geld. Ähnlich ist es in Spanien. Die Arbeitslosigkeit liegt dort immer noch im zweistelligen Bereich.

Deutschland behauptet: Alle müssen wie Deutschland werden, und alles wird gut.
Deutschland war das erste europäische Land, das in eine Bilanzrezession fiel. Das war 2000. Die Deutschen hatten sich dick in der Dotcom-Blase verspekuliert. Die Kreditaufnahme kam komplett zum Erliegen. Selbst als die Europäische Zentralbank (EZB) die Zinsen auf zwei Prozent senkte, ein tiefer Wert für diese Zeit, weigerten sich die Haushalte, Geld zu borgen. Keiner wusste dies in Deutschland jedoch richtig zu interpretieren, man lancierte Reformen wie die Agenda 2010. Trotzdem wurde Deutschland zum "kranken Mann". Warum? Weil man die falsche Medizin angewandt hatte. Deutschland litt nicht an Struktur-, sondern an Bilanzproblemen.

Sind die Deutschen also zu Unrecht stolz auf ihre Reformen?
Deutschland forcierte die EZB zu niedrigen Zinsen. Als Folge davon bildeten sich Immobilienblasen in anderen Ländern. Dort boomte die Wirtschaft, dort stiegen die Löhne. Und plötzlich war Deutschland viel wettbewerbsfähiger als alle anderen. So exportierten sich die Deutschen mithilfe der restlichen Euroländer aus der Krise. Heute ist das aber keine Lösung: Es können nicht alle Länder gleichzeitig exportieren und wachsen. Indem sie die Strukturpolitik forcieren, machen Kanzlerin Angela Merkel und Finanzminister Wolfgang Schäuble denselben Fehler wie Japans Premier Junichiro Koizumi in den Nullerjahren.

Warum lernt Europa nicht wie die Vereinigten Staaten aus den Erfahrungen in Japan?
Nun ..., Ben Bernanke hat mein Buch gelesen (Anm. d. Red: "The Holy Grail", 2008), ebenso wie seine Nachfolgerin ­Janet Yellen und der einflussreiche Ökonom Larry Summers (lacht). Ausdrücke wie "Bilanzrezession" oder "Fiskalklippe" wurden bei der Fed gebräuchlich. Diese Wörter habe ich von europäischen Politikern nie gehört. Die wissen immer noch nicht, was sie getroffen hat.

Stattdessen diskutiert man in Europa nun über "Helikoptergeld". Zu Recht?
Der ganze Fokus auf die Geldpolitik basiert auf intellektuell bankrotten Ideen. Man geht dabei davon aus, dass es in der Wirtschaft stets Subjekte gibt, die Geld borgen wollen, wenn es zur Verfügung steht. Folglich konzentriert sich alles auf das Geldangebot. Alle Maßnahmen - Quantitative Easing, Negativzinsen, Forward Guidance - zielen auf die Kreditgeber ab. Die Politik zeitigt aber keine Ergebnisse, weil das Problem nicht bei den Banken, sondern bei den Kreditnehmern liegt.

Ist es irgendwann zu spät für die ­Medizin? Zu spät für Fiskalstimuli?
Es ist niemals zu spät. Die Entscheidung über einen Haushaltsüberschuss oder ein Defizit sollte nicht davon abhängig sein, wie hoch die Schulden zum BIP sind. Nur Kommunisten fällen Entscheide anhand einer Mengenkennzahl! Relevant in einer Marktwirtschaft ist der Preis. Also der Zinssatz auf Staatsanleihen. Er fiel schon vor QE auf lächerlich niedrige Niveaus. Der Finanzmarkt signalisiert so, dass ein Staatsdefizit eine gute Sache ist! Schlecht wäre es, wenn der Zins bei 15 Prozent steht. Warum ignorieren das so viele Leute und reden stattdessen wie Kommunisten?

Sie bezeichnen Angela Merkel und Wolfgang Schäuble im Ernst als ­Kommunisten?
Kommunisten ..., sagen wir einmal etwas freundlicher: zentrale Planer (lacht).

Apropos Kommunismus und Zentralplanung. Auch die Volksrepublik China kämpft seit Jahren mit schweren wirtschaftlichen Problemen.
China war 2008 der perfekte Kandidat für eine Bilanzrezession. Immobilien- und Aktienpreise waren im steilen Fall. Doch die chinesische Regierung verstand, wie man eine solche Rezession verhindert. Ich weiß das, weil meine Bücher ins Chinesische übersetzt worden waren, und zwar von einem staatlichen Verlag (Anm. d. Red: erst 2003 "Balance Sheet Recession", dann 2008 "The Holy Grail"). Was folgte, war ein vier Billionen Renminbi schweres Konjunkturprogramm. Viele westliche Beobachter lachten damals über das Wachstumsziel von acht Prozent. China hat es aber bis heute geschafft, die Konjunktur hochzuhalten.

Das Interview wurde von der "Handelszeitung" (Schweiz) geführt

Vita:

Beratender Makroökonom
Richard Koo ist seit 1997 Chefökonom am Nomura Research Institute. Zuvor war er als Ökonom bei der Federal Reserve Bank of New York sowie Gastdozent an der Waseda-Universität in Tokio und von 1999 bis 2011 Berater im japanischen Verteidigungsministerium. Der 62-Jährige hält einen Master in ­Economics.

Autor:

Einflussreicher Stichwortgeber
Koo prägte in seinem Buch "Balance Sheet Recession" aus dem Jahr 2003 einen neuen Standardbegriff in der Ökonomie. Der Präzedenzfall, aus dem Koo das Konzept ableitete, war die Stagnation nach der geplatzten Immobilienblase in Japan in den 90er-Jahren. Später erklärte Koo die Idee in Anspielung auf einen Ausspruch von Ben Bernanke zum "heiligen Gral der Ökonomie", der es erlaube, die große Depression zu verstehen. Koos Buch zum Ausweg aus der "QE-Falle" erschien 2014.
Bildquellen: Roger Cremers/Lumen
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