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24.02.2018 01:00
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Intershop-Chef Schambach: Ostdeutschlands Bill Gates

Euro am Sonntag-NEMAX-Serie: Intershop-Chef Schambach: Ostdeutschlands Bill Gates | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-NEMAX-Serie
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Stephan Schambach, ein Studienabbrecher aus Erfurt, machte die Softwarefirma Intershop kurzfristig zum Überflieger. Für Anleger gab es damals kein Happy End.
€uro am Sonntag
von Peter Balsiger, Euro am Sonntag

Stefan Schambach, 1970 in Erfurt geboren, wuchs in der DDR auf und machte im thüringischen Jena eine Ausbildung zum Labortechniker für Physik. Schon als Teenager lötete er Bürocomputer zusammen und verkaufte sie mit selbst geschriebener Software. Als die Mauer fiel, war Schambach, der im Jenaer Uni­treff "Schweineclub" Platten auflegte, gerade volljährig. Er verließ die Hochschule und gründete mit zwei Freunden eine kleine IT-Firma. Er hatte die Idee, Software zu entwickeln, mit der man Waren über das Internet verkaufen konnte. Ein mutiger Schritt für einen Studienabbrecher. Schließlich hatte er bisher in einem Land ­gelebt, in dem Gründer die ganz große Ausnahme waren.


1992 hob der Youngster in Jena die Intershop Communications GmbH aus der Taufe - der Name erinnert an die Valuta-Kaufhäuser der DDR - und wurde einer der Pioniere des E-Commerce. Intershop entwickelte das erste integrierte Softwarepaket, das großen Unternehmen den Internethandel ermöglichte. Venture Capital im heutigen Sinne gab es zu der Zeit noch nicht. Aber die Sparkassen verliehen damals Kredite ohne große Sicherheiten. Schambach: "Das machte es zwei, drei Jahre lang möglich, Unternehmersein zu lernen." Den Start schaffte er aber nur, weil für eine Weile Studenten unentgeltlich mitprogrammierten.


Für viele DDR-Bürger bedeutete der Fall der Mauer vor allem Meinungs- und Reisefreiheit -für Schambach bedeutete er auch die Möglichkeit des freien Unternehmertums. Damals, im frisch vereinigten Deutschland, habe ein Arbeitsplatz im öffentlichen Dienst zunächst als das erstrebenswerte Ziel gegolten. "Wer es schaffte, in einer Behörde oder zum Beispiel als Lehrer eingestellt zu werden, mit ­gesichertem Gehalt in Westmark, galt als erfolgreich", erzählte er. "Ostdeutsche Unternehmer wurden anfangs eigentlich nicht geachtet. Das war gleichbedeutend mit 'es nicht geschafft zu haben‘."

Mit Intershop ging es steil nach oben. Bertelsmann, Otto und Tchibo betrieben mit der Software ihre Onlineshops. Und Schambach, der schüchterne Tüftler und Computer-Nerd, wurde gefeiert als die "ostdeutsche Antwort auf Bill Gates". Helmut Kohl pries ihn gar als den "fleischgewordenen Aufschwung Ost".


Schon früh hatte Schambach davon geträumt, den amerika­nischen Softwaremarkt zu erobern. Nun trieb ihn die Goldgräberstimmung der New Economy westwärts ins gelobte Land der virtuellen Märkte. 1996 zog er ins Silicon Valley. Er konnte kein Englisch, lebte in einem Billighotel, aß bei Burger King und arbeitete in einem Büro in der Einflugschneise des Airports von San Francisco. Die Scheiben klirrten, wenn eine startende Maschine über das Gebäude flog.

Das Dotcom-Märchen

Intershop wuchs beständig weiter. 1998 kam der Börsengang am Neuen Markt in Frankfurt. Am Ende des ersten Handelstags stand ein Plus von 160 Prozent. Zwischenzeitlich war das Unternehmen rechnerisch mehr als elf Milliarden Euro wert. "Germany’s Hot Star" titelte das US-Magazin "Businessweek" im Jahr 2000 über Schambach. Sein ehrgeiziges Ziel: "Ich will, dass wir in 15 Jahren dort sind, wo SAP heute ist." Es folgte das Listing von Inter­shop an der Technologiebörse Nasdaq in New York.

Schambach hatte jetzt den ­Zenit seines Lebenswerks erreicht. "Er schrieb eine dieser Dotcom-Geschichten, bei denen Menschen mit sicheren Arbeitsplätzen und soliden Stu­dien­abschlüssen dachten, sie hätten einiges falsch gemacht", berichtete damals das "Handelsblatt".

Aber dann kippte plötzlich die Stimmung am Neuen Markt. Die Anleger wollten jetzt Gewinne sehen - im Dezember 2000 musste die Intershop-Geschäftsführung jedoch einen Jahresverlust von 37 bis 39 Millionen Euro bekannt geben. Eine schlechte Quartalsbilanz folgte nun auf die andere, der Aktienkurs brach ein. Schambach musste reagieren: Um sein Lebenswerk zu retten, steckte er zehn Millionen Euro Privatvermögen in das Unternehmen. Außerdem wurden einige Hundert Mitarbeiter entlassen, ein rigider Sparkurs wurde verordnet, die US-Zweigstelle aufgelöst. Doch die Talfahrt ging weiter.

Aus der 1.200 Personen starken Firma um die Jahrtausendwende war nun ein Unternehmen mit knapp 300 Mitarbeitern geworden, das allerdings ohne seinen Gründer auskommen musste. Denn Schambach, eines der größten Wunderkinder des Neuen Marktes, trat En­de Juli 2003 als CEO zurück. Zur Rettung seiner Firma machte er Platz für ein neues Management. Als Reaktion schoss die Intershop-Aktie um fast 30 Prozent in die Höhe.

Schambach zog in die USA und startete ein Jahr später in der Nähe von Boston mithilfe zweier Risikokapitalgeber, die ihn mit 35 Millionen Dollar unterstützten, den erneuten Versuch, ein Weltunternehmen zu gründen. Wieder ging es um E-Commerce-Software, diesmal aber Cloud-basiert. Software sollte in Zukunft nicht mehr ­gekauft, sondern gemietet ­werden.

Zu den mehr als 100 Kunden seiner neuen Firma Demandware gehörten bald prominente Kunden wie die Sportartikel­hersteller Fila und Puma, der Kosmetikriese L’Oréal USA und die Modemarken S. Oliver und Hugo Boss. Die "Financial Times Deutschland" ehrte ihn deshalb 2010 als "Comeback-Kid".

Demandware wurde ein Riesenerfolg. 2012 ging das Unternehmen an die Börse. Schambach zog sich zurück: "Ich bin niemand für einen Großkonzern", sagt er. "Wenn ich es nicht selbst machen kann, ist es nichts für mich." 2016 wurde Demandware vom SAP-Konkurrenten Salesforce übernommen. Für Schambach war es ein gelungener Exit, er spülte ihm knappe 220 Millionen Dollar in die Kasse.

Inzwischen hat er längst ein neues Unternehmen in den USA gegründet. Bei NewStore arbeitet er mit einem internationalen Team an der ersten mobilen Plattform für Händler und Markenanbieter. Außerdem investiert er als Business Angel in amerikanische Start-ups. "Die Bereitschaft, Neues auszuprobieren, ist in den USA sehr viel größer", erklärte er dem "Manager Magazin". Und: "Das war auch einer der Erfolgsfaktoren für Demandware. In den USA überwiegt der Drang, ein Unternehmen erfolgreich zu machen, vor der Angst, Fehler zu begehen. In Deutschland ist das oft umgekehrt."

Investor-Info

Intershop
Raus aus den roten Zahlen

Keine elf Milliarden Euro wie in Boomzeiten, sondern nur noch 63 Millionen Euro beträgt heute der Börsenwert des Jenaer Softwareanbieters. Immerhin: Intershop Communications konnte zuletzt mit erfreulichen Zahlen aufwarten. So stieg der Umsatz in den ersten neun Monaten 2017 um sieben Prozent auf 26,4 Millionen Euro. Das Ergebnis vor Zinsen und Steuern (Ebit) fiel mit 200.000 Euro leicht positiv aus. Im Vorjahreszeitraum gab es noch ein Minus von zwei Millionen Euro. Intershop konzentriert sich auf Programme für das Onlinegeschäft von Großhandelsunternehmen. Nur für sehr risikobereite Anleger.






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Bildquellen: iStockphoto , Intershop Communications AG

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