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25.01.2020 22:30
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Klimaschutz, Billigimporte & Überkapazitäten: Was bringt das neue Jahrzehnt für europäische Stahl-Aktien?

Stahlbranche im Umbruch: Klimaschutz, Billigimporte & Überkapazitäten: Was bringt das neue Jahrzehnt für europäische Stahl-Aktien? | Nachricht | finanzen.net
Stahlbranche im Umbruch
Die europäische Stahlindustrie gerät zunehmend unter Druck. Steigende Billigimporte aus Fernost sowie sehr hohe Energie- und Klimaschutzkosten machen den europäischen Stahlkochern zunehmend das Leben schwer.
• Billigimporte und Energiekosten belasten die Branche
• Klimaschutz beeinträchtigt den Wettbewerb
• Eisenerzpreis kletterte im Jahresverlauf über 25 Prozent

Stahl ist ein Mischmetall aus Eisen, Kohlenstoff und weiteren Elementen, welches aufgrund seiner relativ geringen Herstellungskosten und seiner hohen Belastbarkeit in Europa schon seit etwa 800 vor Christus als wichtige Komponente für die Infrastruktur sowie den Werkzeug-, Gebäude-, Waffen- und Maschinenbau verwendet wird. Aufgrund der vielseitigen Anwendungsgebiete von Stahl ist es also wenig erstaunlich, dass auf der ganzen Welt immer mehr Stahl produziert wird.

China - der Aufstieg zur Stahlmacht

Lag die weltweite Stahlproduktion im Jahr 2000 noch bei rund 850 Millionen Tonnen, waren es im Jahr 2018 schon insgesamt rund 1.790 Millionen Tonnen. Dabei lag der Anteil des in Europa hergestellten Stahls im Vergleich zur weltweiten Produktion im Jahr 2000 bei 22,8 Prozent. China hatte zu diesem Zeitpunkt einen Weltmarktanteil von rund 15,1 Prozent. Lediglich 18 Jahre später hat sich das Blatt jedoch komplett gewendet. Denn im Jahr 2018 produziert das Reich der Mitte schon rund 52 Prozent des weltweit hergestellten Stahls. Der Anteil der Europäischen Union stürzte dabei auf einen Wert von 9,4 Prozent ab.

Dass die europäische Stahlindustrie schon längst den Anschluss an die Konkurrenz aus Fernost verloren hat, zeigt dabei auch ein Ranking der weltweit größten Stahlproduzenten. Zwar ist der luxemburgische Stahlkonzern ArcelorMittal mit einer Produktionsmenge von knapp 100 Millionen Tonnen pro Jahr bislang noch der größte Stahlhersteller der Welt, die nächst größeren europäischen Stahlkocher wie thyssenkrupp, voestalpine, SSAB, CELSA, Salzgitter und RIVA landen jedoch nur noch auf den Rängen 16, 48, 51, 55, 56 und 58.

Die Stahlindustrie liegt fest in asiatischer Hand

Die Top 10 der größten Stahlproduzenten der Welt kommen dementsprechend, ausgenommen ArcelorMittal, alle aus Asien. So steht das staatliche chinesische Stahlkonglomerat China Baowu Steel mit einer Produktionsmenge von über 65 Millionen Tonnen Stahl pro Jahr auf Platz zwei der größten Stahlproduzenten. Mit einer Produktionsmenge von rund 50 Millionen Tonnen folgt darauf die japanische Nippon Steel & Sumitomo Metal, welche im Oktober 2012 durch eine Fusion gegründet wurde. Auf Platz vier bis zehn folgen dann die chinesische HBIS Group, die südkoreanische POSCO, die chinesische Shagang Group, die chinesische Ansteel Group, die japanische JFE Steel, die chinesische Shougang und schließlich die indische Tata Steel Group.

Europäische Stahl-Aktien verlieren zunehmend an Einfluss

Angesichts dieser enormen Übermacht aus Fernost verwundert es kaum, dass die europäische Stahlindustrie zunehmend unter dem Wettbewerb leidet. So haben natürlich auch die Aktien der hier ansässigen Stahlproduzenten in den zurückliegenden Jahren und Monaten auf breiter Front nachgegeben. So notieren die Anteile des weltweit größten Stahlproduzenten ArcelorMittal gegenwärtig rund 50 Prozent unter dem Niveau von 2018. Im Vergleich zu den Höchstkursen aus dem Jahr 2008 pendeln die Anteilscheine aktuell sogar fast 90 Prozent tiefer.

Ähnlich miserabel entwickelten sich auch die Aktienkurse der beiden deutschen Stahlkocher thyssenkrupp und Salzgitter. Mit einem Preis je Anteilsschein von ca. 12 und 18 Euro notieren die Papiere mehr als 52 und 64 Prozent unter ihren Höchstständen aus dem Jahr 2018. In Gegenüberstellung zum Jahr 2008, als die thyssenkrupp-Aktie noch bis zu 45 Euro und die Salzgitter-Papiere bis zu 143 Euro kosteten, werden die deutschen Stahlproduzenten aktuell mit einem Abschlag von über 73 und 87 Prozent gehandelt. Analog dazu stürzten auch die Aktien der restlichen europäischen Stahlfirmen ab. So pendeln die Anteilscheine der österreichischen voestalpine und der schwedischen SSAB ebenfalls sehr weit unter ihren Niveaus von 2018 bzw. 2008.

Billigimporte und hohe Energiekosten

Neben der schwächeren Nachfrage innerhalb Europas machen den Stahlkonzernen zunehmend auch die Importe aus Fernost sowie die hohen Energiekosten zu schaffen. Des Weiteren müssen die europäischen Stahlkocher kostspielige Klimaschutzmaßnahmen erfüllen, die bei den asiatischen Konkurrenten häufig nur eine geringe Rolle spielen. Die rund 80.000 Stahlarbeiter in Deutschland und über 300.000 in ganz Europa kämpfen so schon seit Langem ums Überleben.

Gestiegene Eisenerzpreise belasten die Branche

Zwar war die Produktion von Stahl schon immer ein sehr zyklisches Geschäft, die schwindende Nachfrage aus der inländischen Automobil- und Maschinenbauindustrie ist nun jedoch ein strukturelles Problem. Während die größten deutschen und europäischen Stahlkonsumenten immer geringere Bestellungen aufgeben, verliert auch der Export an Bedeutung, da die Konkurrenten aus Fernost häufig sehr viel günstigere Preise anbieten können. Darüber hinaus leiden die europäischen Produzenten natürlich auch unter den steigenden Rohstoffpreisen. Allein in den vergangenen 52 Wochen kletterte der Eisenerzpreis je Tonne um über 25 Prozent.

"Produzenten in Indien oder Russland sind oft rückwärtsintegriert, das bedeutet, sie verfügen über eine eigene Eisenerzproduktion", so Nicole Voigt, Partnerin bei der Beratungsgesellschaft BCG. In solch einem Fall profitiert das Stahlunternehmen sogar von höheren Eisenerzpreisen am Weltmarkt.

Weitere Zusammenschlüsse sind unvermeidlich

Unter diesen immer schwieriger werdenden Umständen ist es wahrscheinlich, dass sich die europäische Stahlindustrie in Zukunft weiter konsolidieren wird. Denn während in wachsenden asiatischen Märkten große Infrastrukturprojekte die Nachfrage nach Stahl weiter antreiben, arbeiten die europäischen Stahlkocher seit vielen Jahren unter ihren Möglichkeiten, um noch größere Überkapazitäten zu vermeiden.

"Neben den Kostenvorteilen bei der Entwicklung klimaneutraler Technologien sprechen auch die immer noch bestehenden Überkapazitäten für Zusammenschlüsse. […] Zu einer Strategie, diese Problematik anzugehen, gehört letztlich auch die Schließung von Standorten", so Nicole Voigt, die mit einer weiteren Konsolidierung in der Stahlbranche rechnet.

Wasserstoff statt Kohle: Gut fürs Klima, schlecht für die Bilanz

"Im globalen Vergleich sind die europäischen Unternehmen, vor allem in Deutschland und den skandinavischen Ländern, klare Innovationsführer bei der klimaschonenden Stahlproduktion", so Götz Erhardt, Geschäftsführer der Grundstoffindustrie bei der Accenture Beratung. So planen große europäische Stahlproduzenten in den nächsten Jahren beispielsweise damit, dass sie ihre Produktionsanlagen auf emissionsfreien Wasserstoff umstellen. Mit Wasserstoff statt Kohle könnte es der europäischen Stahlindustrie gelingen, den Wandel zu einem CO2-neutralen Produktionsverfahren zu ebnen. Jede somit eingesparte Tonne CO2, muss dann nicht länger mit teuren Emissionsrechten abgedeckt werden. Eine solche klimafreundliche Produktion kann jedoch nur mit Milliardeninvestitionen aufgebaut werden, dies wiederum führt unweigerlich zu höheren Stahlpreisen und einem erheblichen Wettbewerbsnachteil für die europäischen Produzenten.

Politisches Bewusstsein nimmt zu

Für die europäische Stahlindustrie wird das kommende Jahrzehnt richtungsweisend sein. Dessen sind sich auch die Staats- und Regierungschefs Europas immer mehr bewusst. "Ich habe den Eindruck, dass das Bewusstsein in den politischen Gremien für die Probleme in der Stahlindustrie wächst", so der Rohstoffexperte Götz Erhardt. Denn ohne politische Intervention bzw. protektionistische Schutzzölle und Importeinschränkungen wären die europäischen Stahlkocher schon jetzt am Ende. Aufgrund dieser zahlreichen Probleme sollten sich gerade auch Investoren die Fragen stellen, ob ein Engagement in diesen fragmentierten Industriezweig noch wirklich aussichtsreich ist.

Pierre Bonnet / finanzen.net

Bildquellen: jordache / Shutterstock.com, SARIN KUNTHONG / Shutterstock.com

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