finanzen.net
10.08.2010 16:09

Börsenpsychologie: Der Umgang mit Kursverlusten

Folgen
Manch einer mag sich nun fragen, was denn die Börse mit Psychologie zu tun hat?
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Eine Menge: beim Umgang mit anfallenden Verlusten wird ein Marktteilnehmer nicht selten von seinen Emotionen bestimmt, mit der Folge, dass grundlegende Risikomanagement-Regeln in dieser Phase einfach über Bord geworfen werden. Gerade im Zuge der vergangenen Krisenjahre haben viele Anleger eine Menge Geld an der Börse verloren. Und der ein oder andere Verlust dürfte dabei emotional bedingt sein. Ist uns dies bewusst, können wir aus diesen Fehlern lernen. Nur so können Sie auch langfristig erfolgreich an der Börse agieren. Nichts ist nämlich schlimmer, als den gleichen Fehler zu wiederholen. Schauen wir uns also näher an, was psychologisch in uns vorgeht, wenn wir mit Verlusten konfrontiert werden.

Die kognitive Dissonanztheorie

Ein Verlust schmerzt, aber der Gedanke, einen Verlust zu realisieren, aus dem dann später doch noch mal ein Gewinn werden kann, ist nur schwer zu ertragen. Vor diesem Hintergrund wird ein Anleger auf unterschiedlichste Weise versuchen, und das völlig unbewusst, den Verlust anders wahrzunehmen, umzudeuten bzw. neu zu bewerten. In der Verhaltenspsychologie wird dieses Phänomen mit der kognitiven Dissonanztheorie erklärt. Danach versucht ein Individuum stets seine Erwartungshaltung sowie sein Anspruchsniveau (Kognitionen) in Einklang (Konsonanz) mit der Realität zu bringen. Oder anders gesagt, sollten Wunsch und Wirklichkeit auseinanderklaffen (Dissonanz), entwickelt die menschliche Psyche unterschiedliche Mechanismen und Strategien, um Wunsch und Wirklichkeit wieder zu harmonisieren. Dies geschieht entweder über die Anpassung individuellen Erwartungs- und Anspruchsniveaus oder aber über die Relativierung der Wirklichkeit. Ein einfaches Beispiel: Erfolge schreibt man sich immer gerne selber zu, die Verantwortung für einen Misserfolg wird aber gerne verdrängt. Entweder stimmten die Rahmenbedingungen nicht oder man hatte einfach nur Pech - oder aber der Misserfolg wird schöngeredet. Gerade diese Verdrängungsmechanismen machen es uns Anlegern so schwer, rational mit Verlusten umzugehen.

Phasen der Verlustverarbeitung

Die kapitalmarktspezifische Verhaltenspsychologie unterteilt den Prozess der individuellen Verlustverarbeitung in 5 Phasen. Bestimmt wird der eine oder andere sich hier wiederfinden bzw. eine dieser emotionalen Stufen - hoffentlich nicht alle - schon mal selbst erlebt haben:

A Abstreiten & Negieren

Erleidet der Anleger einen schmerzhaften Verlust, so wird er zunächst versuchen diesen als vorübergehenden Kursrückschlag anzusehen. Er wird nach Informationen suchen, die ihn in dieser Beurteilung bestätigen - sei es über die Medien via Marktkommentare oder Expertenanalysen oder direkt bei anderen Investoren, die in derselben Situation stecken und natürlich ebenfalls von recht bald wieder steigenden Kursen ausgehen. Kurzum filtert der Anleger all die Informationen aus seinem Umfeld heraus, die ihn in seiner Meinung bestätigen, dass die aktuellen Verluste nur temporärer Natur sind und die Aktie in Kürze wieder in die Gewinnzone dreht. Letzteres ist natürlich möglich, doch wie geht es weiter, wenn die Aktie weiter fällt!?

B Wut & Zorn

Nehmen die Verluste nun weiter zu, kann der Anleger den sich ausweitenden Verlust nicht mehr als temporären Zustand abtun. Der Investor wird wütend, seine falsche Markteinschätzung kann und will er sich nicht eingestehen. Die Verantwortung wird delegiert, nicht aber bei sich selbst gesucht: die anderen sind schuld. Man ist schlecht beraten worden oder ausgewählte Fachmagazine haben sich geirrt. Da er sich mit der Niederlage nicht abfinden will, wird aus Trotz an der Position festgehalten. Die Verluste werden noch größer…

C Feilschen & Betteln

Der Anleger nähert sich der Zielgerade der psychologischen Verlustverarbeitung. Er beginnt langsam zu realisieren, dass die Positionseröffnung ein Fehler war und ein Gewinn kaum noch möglich ist. Das muss jetzt auch gar nicht mehr sein. Das Gewinnziel wird relativiert. Der Einstandskurs ist nun das neue Ziel. Wenn schon nicht mit einem Gewinn, dann aber auch bitte ohne Verlust, also zumindest mit einer schwarzen Null möchte der Investor aus dem Markt. Doch der nimmt keine Rücksicht und fällt weiter. Die Verlustesteigen.

C Frust & Depression

Emotional befindet sich unser Anleger nun in der Talsohle. Nachdem eine kurze Kurserholung noch einen Hoffnungsschimmer andeutete, ist die Aktie letztendlich aber nur noch mehr gefallen. Wie sich unser Investor fühlt, kann wohl jeder gut nachvollziehen: er ist frustriert und deprimiert.

D Resignation & Akzeptanz

Schließlich resigniert der Anleger und fügt sich in sein Schicksal. Die Verdrängung seiner Niederlage ist nun nicht mehr möglich. Er findet sich mit der Wirklichkeit ab, akzeptiert den Verlust und verkauft die Position.

Sicher handelt sich hier um einen idealtypischen Prozess hinsichtlich der psychologischen Dynamik der Verlustentwicklung. In der Realität sind die einzelnen Phasen, abhängig von der tatsächlichen Kursentwicklung, mehr oder weniger intensiv ausgeprägt.

Graphik: Psychologische Dynamik der Verlustentwicklung

Handlungsalternativen

Wie also kann der Anleger nun auf Verluste reagieren. Realisiert ein Investor, dass sein Trade nicht nur nicht aufgeht, sondern auch eine Ausweitung der Verluste droht, hat er grundlegend vier Handlungsalternativen:

1. Er handelt spekulativer und geht mit anderen Investments ein noch höheres Risiko, um die Verluste die Verluste zu kompensieren.

2. Oder aber er kauft nach, in der Hoffnung auf wieder steigende Kurse, um so seinen Einstandskurs zu verbilligen.

3. Er macht gar nichts, negiert die die Verluste und hofft dass doch noch alles gut wird

4. Er reagiert schnell, stellt die Position glatt und realisiert nur kleine Verluste

Die ersten drei Varianten sind sehr riskant. Sollten die Kurse weiter fallen, wird es dann richtig brenzlig. Dies gilt vor allem für die ersten beiden Handlungsalternativen, da sich die Verluste hier schnell potenzieren können. Die letzte Option, schnell zu reagieren und die Aktie schnell wieder abzustoßen, macht durch bisherige Verlustpositionen gebundenes Kapital frei für einen Neuanfang.

Fazit

Eine der ältesten Börsenweisheiten besagt, dass die ersten Verluste stets die geringsten sind. Letzteres kann durch konsequentes Risikomanagement sichergestellt werden. Vor jedem Trade sollte der Anleger genau abstecken, was er maximal bereit ist zu riskieren, um dann entsprechend seinen Stop zu platzieren. So kennt er im Vorfeld ganz genau das mögliche Verlustpotential eingrenzen. Ganz wichtig: Ein einmal gesetzter Stop ist in Stein gemeißelt - er gilt unwiderruflich. Wenn überhaupt, werden Stops nur nachgezogen um das Risiko weiter zu reduzieren oder Gewinne sukzessive abzusichern. Auf diese Weise disziplinieren Sie sich selbst und werden niemals in Gefahr kommen, sämtliche 5 Stufen der psycholgischen Verlustverarbeitung hinabsteigen zu müssen.

Als Senior Manager leitet Gregor Kuhn bei IG Markets u.a. das Ressort Education. Als Diplombetriebswirt zeichnet er sich durch sein kompetentes Fachwissen im Bereich aktives Trading börsennotierter Produkte aus. Herr Kuhn ist seit Jahren auf dem Finanzsektor tätig und verfügt über umfassendes Know How, welches er im Rahmen von Fachpublikationen sowie CFD Seminaren zu den Themen Börsenhandel, Charttechnik, Risiko- & Moneymanagement und Handels-Strategien vermittelt.

Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Smarthouse Media GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

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