Reform

Griechenland führt 13-Stunden-Arbeitstag als neues Modell gegen Fachkräftemangel ein

09.01.26 20:17 Uhr

Griechenlands neue Arbeitswelt: Wie 13-Stunden-Schichten die Wirtschaft retten sollen | finanzen.net

Als Antwort auf gravierenden Personalmangel, insbesondere in der Tourismusbranche, erlaubt Griechenland mit einer neuen Arbeitszeitregelung künftig Arbeitstage von bis zu 13 Stunden. Die Reform spaltet: Während die Regierung von einem modernen praxisnahen Modell spricht, warnen Gewerkschaften vor Ausbeutung und steigender Belastung für Beschäftigte.

Hintergrund und Ziele

In Griechenland wurde im Herbst 2025 eine Arbeitszeitreform beschlossen. Ganz nach dem Motto "Mehrarbeit gegen bessere Bezahlung" erlaubt es Beschäftigten, an bis zu 37 Tagen im Jahr 13 Stunden pro Tag zu arbeiten, freiwillig und bei beidseitigem Einverständnis. Hintergrund ist ein massiver Personalmangel, vor allem im Hotel- und Gastgewerbe. Laut der WirtschaftsWoche fehlen dort rund 300.000 Arbeitskräfte. Doch auch Schwarzarbeit soll damit eingedämmt und Steuereinnahmen gesteigert werden.

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Ziel der Reform ist es, mehr Flexibilität zu ermöglichen, ohne die Gesamtarbeitszeit zu erhöhen. Die gesetzliche Wochenarbeitszeit von 40 Stunden bleibt bestehen. Dank der angestrebten quartalsweisen Bilanzierung dürfen zusätzlich bis zu acht Überstunden pro Woche geleistet werden. Die maximale Arbeitszeit liegt jedoch bei 13 Stunden pro Tag. Damit können einzelne Wochen mehr oder weniger Stunden umfassen. Doch auch die Gesamtzahl der Überstunden ist mit 150 Stunden pro Jahr limitiert.

Rechtliche Grenzen

Laut der Reform sind 13-Stunden-Tage nur unter bestimmten Voraussetzungen erlaubt. Neben der Begrenzung auf 37 Tage jährlich müssen elf Stunden Ruhezeit zwischen zwei Schichten sowie mindestens ein freier Tag pro Woche gewährleistet sein. Überstunden, also Arbeitszeit über acht Stunden am Tag, werden mit einem Lohnzuschlag von 40 Prozent pro Stunde vergütet. Laut der griechischen Arbeits- und Sozialministerin Niki Kerameos seien das 119 Euro zusätzlich pro Tag, wie sie bei einem Fernsehauftritt beispielhaft berichtete.

Zusätzlich kündigte Kerameos an, die Umsetzung über eine staatliche App zu erleichtern. Unternehmen sollen Saisonarbeiter schneller und papierlos anmelden können. "Wir bauen Bürokratie ab, ersetzen Papiere durch digitale Dokumente und vereinfachen viele Verfahren, etwa für Fast-Track-Einstellungen von Saisonkräften", erklärte sie gegenüber Business Punk.

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Chancen, Kritik und offene Fragen

Die griechische Regierung betonte, das neue Modell ermögliche nicht nur längere, sondern auch geblockte Arbeitszeiten. So könnten Beschäftigte etwa an vier Tagen länger arbeiten und drei Tage freibekommen - quasi eine Vier-Tage-Woche ohne Reduktion der Wochenarbeitszeit. Damit könne eine bessere Work-Life-Balance für Angestellte gewährleistet werden. "Im Alltag holt das Gesetz etwas nach, was für viele Menschen bereits Realität ohne Rechtsgrundlage war", erläuterte Jens Bastian, Ökonom und Griechenland-Experte von der Stiftung Wissenschaft und Politik, gegenüber der WirtschaftsWoche.

Doch nicht alle sind überzeugt. Tourismusverbände und Gewerkschaften kritisieren vor allem die potenziell hohen Lohnkosten durch Überstundenzuschläge und die gesundheitlichen Risiken durch lange Arbeitszeiten. Sie sprechen von einem symbolischen Schritt ohne echten Mehrwert. So betonte beispielsweise der Gewerkschafter Christos Goulas gegenüber Medien die mangelnde Nachhaltigkeit von Arbeitstagen, die von acht Uhr morgens bis neun Uhr abends reichen. Besonders in Branchen, in denen ohnehin schon hohe Belastung herrscht, sei ein 13-Stunden-Tag nur schwer realisierbar. Ferry Batzoglou, Korrespondent für deutschsprachige Medien in Athen, bezeichnete die Änderungen in einem Beitrag von taz.de als "Moderne Sklaverei. Verpackt im teuflisch verharmlosenden Schlagwort ‚Flexibilität‘ samt digitalem Schnickschnack".

Redaktion finanzen.net

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