14.07.2014 15:00

Ökonomin Bair: Das Geld fließt in die Spekulation

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Die ehemalige Leiterin des US-Bankeneinlagenfonds, warnt im Gespräch mit €uro am Sonntag vor den Konsequenzen des weltweit billigen Zentralbankgeldes für Anleger und Sparer.
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€uro am Sonntag
von Tim Schäfer, Euro am Sonntag

Sheila Bair hat im New Yorker American Museum of Finance gerade einen Vortrag über die aktuellen Gefahren für die Wall Street gehalten, bevor sie sich mit €uro am Sonntag zum ­Interview trifft. Die Ökonomin, die als Leiterin des US-Bankeneinlagenfonds selbst Finanzgeschichte geschrieben hat, spricht über Krisen, Zinsen und Kinderbücher.

€uro am Sonntag: Frau Bair, immer wieder wird behauptet, dass Finanzkrisen unausweichlich sind. Stimmen Sie dem zu?
Sheila Bair:
Nein. Ich glaube, Finanzkrisen kann man durchaus verhindern. Das Problem ist, dass sich in bestimmten Zyklen Preisübertreibungen bei Vermögenswerten bilden, die letztlich zu Krisen führen. Es entstehen dann Blasen an den Aktienmärkten, am Immobilienmarkt und, wer weiß, vielleicht gerade jetzt schon wieder bei Anleihen oder bei alternativen Investments wie Hedgefonds. Ich glaube, die Zentralbanken sollten hier sehr aufpassen.

Inwiefern?
Ich weiß, das billige Geld ist mit guten Absichten geschaffen worden. Aber wenn Sie Geld billig anbieten, um Menschen Kredite zu ermöglichen, werden diese sich verschulden. Wenn in der echten Wirtschaft keine Nachfrage besteht, das Geld nicht gebraucht wird, fließt es in die Spekulation. Das haben wir schon vor der Lehman-Krise gesehen. Wenn Sie billiges Geld zur Verfügung stellen, brauchen Sie im Gegenzug strikte Kapitalstandards.

Was meinen Sie konkret?
Sie müssen sichergehen, dass nicht nur Banken, sondern auch Kreditnehmer, also Menschen und Unternehmen, sich nicht exzessiv verschulden. Genau das ist aber während und vor der Lehman-Krise geschehen. Darauf haben wir damals nicht geachtet. Es war verrückt. Wir hatten nicht mal die Vorschrift, dass Hypothekennehmer ihr Einkommen dokumentieren mussten. Die Leute hatten einfach nicht die Ressourcen, ihren Kredit zurückzuzahlen. Einkommens- und Geldnachweis hätten damals bei der Kreditvergabe vorgeschrieben sein müssen. Noch mal: Ich glaube nicht, dass Krisen immer wieder passieren müssen. Es sind ganz klar Dinge nicht gemacht worden, die so etwas hätten verhindern können. Daher brauchen wir Politiker, die die Regulierer unterstützen und nicht dazu drängen, zu lax in der Aufsicht zu werden.

Wo sehen Sie die Ursachen für eine mögliche neue Blase im Anleihemarkt, die Sie vorhin erwähnten?
Ich glaube, beides - der Aktien- und der Anleihemarkt - ist zum Teil überbewertet. Das steht in einem direkten Zusammenhang mit der Geld­politik. Selbst hochriskante Anleihen sind unverschämt teuer. Denn die Renditen für sichere Anlagen sind aktuell sehr niedrig. Die Leute gehen mehr ins Risiko, weil sie höhere Renditen möchten. Sie nutzen etwa kreditfinanzierte Anlagen, was die Risiken sogar weiter erhöht. Diesen Zusammenhang sollten Zentralbanken rund um den Globus erkennen.

Würde es Sparern helfen, wenn die Leitzinsen leicht stiegen?
25 Basispunkte Rendite im Jahr für kurzfristige Staatsanleihen zu bekommen ist schon extrem wenig. Wie sollen Pensionskassen oder Versicherungen ihre langfristigen Verpflichtungen decken? Anleger kaufen daher puerto-ricanische oder griechische Staatsanleihen ohne angemessene Risikoprüfung. Sie verstehen das Risiko nicht, das sie eingehen. Es sollte aber verstanden werden. Was passiert, wenn dies nicht geschieht, haben wir bei den Subprime-Investments gesehen. Anleger haben wahllos Mortgage Backed Securities (Anm. d. Red: durch Hypotheken besicherte Wertpapiere) gekauft. So etwas passiert, wenn Zinssätze derart niedrig sind.

Es wird argumentiert, die niedrigen Leitzinsen sicherten den ­wirtschaftlichen Aufschwung.
Ja, das hören wir immer wieder. Aber was wir brauchen, ist vor allem nachhaltiges Wachstum. Schulden allein können keine echte Nachfrage schaffen. Echte Nachfrage, echtes ökonomisches Wachstum muss von fiskalpolitischer Seite angestoßen werden. Zentralbanken können zwar jede Menge billiges Geld anbieten, aber wenn in der Realwirtschaft kein Bedarf besteht, fließt das Geld in die Spekulation.

Was würden Sie Anlegern denn in dieser Situation raten?
Ich gebe keine Anlageratschläge. Ich glaube, es ist sehr schwierig zurzeit, weil mit einer sicheren Anlage nach Abzug der Inflation nichts zu verdienen ist. Sie legen Ihre Ersparnisse bei der Bank an und verlieren Geld. Die Leute sollten verstehen, dass es im System derzeit sehr viele Unsicherheiten gibt.

Und haben Sie Ihr Geld bei der Bank angelegt?
Ja, ich habe mein Geld auf der Bank, selbst wenn ich derzeit real etwas verliere. Hauptsache, meine Einlage ist sicher. Mein langfristiges Geld habe ich in Indexfonds investiert.

Die US-Banken standen nach der Lehman-Pleite vor dem Abgrund. Wie stehen die Finanzinstitute heute da?
Alles in allem haben wir heute ein viel sichereres System. Die Bank­bilanzen sind inzwischen gestärkt worden. Ich meine aber, dass Banken auch heute noch weiterhin mehr Kapital brauchen. Es besteht leider immer noch eine zu große Abhängigkeit von der kurzfristigen Finanzierung der Institute.

Sind die US-Banken nach ­etlichen Übernahmen denn nicht zu groß?
Ich finde, die Komplexität ist eher ein Problem als die Größe. Banken möchten überall tätig sein. Sie wollen Kredit- und Investmentbanken, Derivate- und Rohstoffhändler sein. Ich finde, das sind sehr unterschiedliche Geschäftsfelder. Soll heißen: Die sehr großen Institute müssen sich auf weniger Geschäftsbereiche konzentrieren.

Auf welche?
Traditionelles Banking schnitt auch während der Krise recht gut ab. Es waren die wertpapierbasierten Schulden, die vielen Derivate und esoterischen Produkte, die die Probleme verursacht haben. Es geht darum, zu den Ursprüngen des Geschäfts zurückzukehren: Sicher sein, dass für die Darlehen genug Finanzmittel vorhanden sind und dass der Kreditnehmer seinen Kredit zurückzahlt. Ich hoffe, dass das Bank­geschäft wieder in die Richtung geht, der realen Wirtschaft Kredite zu geben. Und die Banken sollten nicht wieder versuchen, das schnelle Geld mit spekulativen Aktivitäten und risikoreichem Trading zu machen.

Stehen Europas Banken schlechter da als die US-Konkurrenz?
Das ist ein wenig so, als würden Sie Äpfeln mit Birnen vergleichen wollen. In den USA sind die Banken besser kapitalisiert. Dagegen ist in Europa der Reformprozess etwa im Bereich der Geldmarktfonds weiter fortgeschritten.

Sie schreiben Kinderbücher zum Thema Sparen. Ist das schwer unter diesen Rahmenbedingungen?
Es ist wirklich schwierig, Kindern die Bedeutung des Zinseszinses zu erklären, wenn sie nur 25 Basispunkte an Zinsen auf ihre Einlagen auf dem Bankkonto bekommen. Ich hoffe daher, dass wir langfristig zu einem normalen Zinsniveau zurückkehren. Denn das Geld durch Zinsen zu vermehren ist extrem wichtig. Es handelt sich um eine wichtige Grundlage für das Finanzwissen, die Kinder verstehen sollten.

zur Person:

Die Risikoexpertin
Sheila Bair leitete den amerikanischen Einlagensicherungsfonds FDIC während der Finanzkrise. Der Fonds stellt sicher, dass Sparer ihre Einlagen bis zu 250 000 Dollar garantiert bekommen. 2011 wurde die Ökonomin Beraterin der Non-Profit-Organisation Pew-Stiftung in Washington. Die 60-Jährige hat dort den Vorsitz einer Stabsstelle zur Kontrolle des systematischen Risikos in der Finanzbranche übernommen. Bei der spanischen Santander Bank ist sie Aufsichtsrätin. Das Magazin "Forbes" kürte sie in den Jahren 2008 und 2009 jeweils zur zweitmächtigsten Frau der Welt nach Bundeskanzlerin Angela Merkel. Die verheiratete Mutter zweier Kinder hat Kinder­bücher übers Sparen geschrieben.

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