Optionsscheine & Co: Sekt, Selters oder K.o.-Tropfen
Für die Chance eines satten Gewinns zahlen Anleger oft einen hohen Preis. Worauf es bei spekulativen Produkten ankommt.
von Richard Pfadenhauer, €uro Redakteur
Jetzt bloß nicht ablenken lassen. Und den Bildschirm nicht aus dem Auge verlieren. Selbst für ein Mineralwasser reicht die Zeit nicht. Denn die Wette ist platziert. Und die Spannung atemlos: Der Euro soll gegen den Yen verlieren. Es hat geklappt. Am Ende des Tages fährt der Euro-Yen-Put 170 Prozent Gewinn ein. Dann gibt’s Sekt statt Selters.
An anderen Tagen laufen die Kurse in die falsche Richtung. Schnell ist ein großer Teil des Einsatzes verloren. Um beim Traum vom schnellen Gewinn wirklich erfolgreich zu sein, braucht der Anleger viererlei: das richtige Timing, ein passendes Produkt, hohe Risikobereitschaft und eine konsequente Anlagestrategie.
Wie sich das in der Realität auswirkt, konnten Anleger jüngst hautnah auf der Messe „World of Trading“ in Frankfurt miterleben. Dort demonstrierten sechs Day-Trader drei Stunden lang ihre Handelsstrategien und versuchten, mit kleinsten Bewegungen im DAX, Dollar oder Öl Gewinne zu erzielen. Am Ende lagen alle sechs Protagonisten im Plus. Der Handel mit hoch spekulativen Produkten ist kein Exklusivvergnügen für Profis. Tausende Anleger eifern ihnen nach. Primäre Investmentvehikel sind dabei Hebelprodukte wie Optionsscheine, K.o.-Papiere und seit einigen Jahren auch Contracts for Difference – kurz CFDs.
Der Dreh dabei: Nur ein relativ geringer Kapitalbedarf und kleinste Bewegungen in die gewünschte Richtung sind nötig, um in kurzer Zeit hohe Renditen erzielen zu können.
Die überdurchschnittlichen Gewinnchancen haben aber auch eine Kehrseite. Entwickelt sich der ausgewählte Basiswert – sprich Aktie, Index, Rohstoff oder Währung – in die falsche Richtung, droht ein empfindlicher Verlust. Im schlimmsten Fall ist sogar der ganze Einsatz im Eimer. „Wie hoch die Gewinnchance beziehungsweise das Verlustrisiko ist, können Anleger selbst mit der Wahl des Produkts und des Basispreises steuern“, sagt Funda Tarhan, Derivate-Expertin bei der Royal Bank of Scotland. Zudem lohnt es, vor dem Kauf die Produkte miteinander zu vergleichen und in verschiedenen Szenarien durchzurechnen, wie sich der Kurs verhalten könnte. Bitte nachrechnen. Unter den Hebelpapieren sind Optionsscheine die eher harmlosen Produkte. Hier haben Anleger die Möglichkeit, mit einem Call überdurchschnittlich an steigenden und mit einem Put überproportional an fallenden Notierungen des Basiswerts zu partizipieren.
Wie hoch die Hebelwirkung ist, bestimmt vor allem der Basispreis. Im Fachjargon bezeichnet der Basispreis den Kurs, zu dem ein Inhaber eines Call-Optionsscheins eine Aktie oder einen Index kaufen kann. Je höher die Aktie oder der Index nach dem Erwerb des Optionsscheins steigen, umso mehr Gewinn ist drin. Für Put-Optionsschein-Inhaber ist es genau umgekehrt. Hier gibt der Basispreis an, zu welchem Kurs die Aktie oder der Index verkauft werden kann. Für beide Typen gilt: „Je näher der aktuelle Kurs am Basispreis liegt, umso höher ist zwar die Hebelwirkung, aber auch das Risiko“, warnt Funda Tarhan. Die Tabelle auf der nächsten Seite zeigt einen Vergleich von drei Call-Optionsscheinen mit zwei K.o.-Produkten und zwei CFDs. Bezugsgröße ist in allen Fällen der DAX. Die Simulationen bringen aufschlussreiche Erkenntnisse.Zur Einschätzung der potenziellen Wertentwicklung eines Calls ist ein Optionsscheinrechner hilfreich. Dieser wird von den meisten gängigen Finanzportalen (etwa www.finanzen.net) angeboten. Dort können Anleger verschiedene Szenarien durchspielen. Per Mausklick erhalten sie einen Überblick über mögliche Gewinn- und Verlustentwicklung.Die hier ausgewählten DAX-Calls weisen Basispreise von 5500, 5700 und 6000 Punkten auf. Der Kurs bei Redaktionsschluss lag bei 5761 Punkten. Der erste Schein hat einen Basispreis von 5500 Punkten und ist vergleichsweise konservativ. Zum einen liegt die DAX-Notierung bereits deutlich über dem Basispreis von 5500 Punkten. Zudem hat das Wertpapier eine Restlaufzeit bis Mitte Juni. Die beiden anderen Produkte sind aggressiver. Dort ist der Basispreis höher und die Laufzeit deutlich kürzer. Eine Simulation verschiedener Szenarien ergibt: Zwar gewinnt der vermeintlich defensive Call nur 22,2 Prozent, wenn der DAX bis zum Jahresende auf 6000 Punkte steigt. Dafür verliert das Papier aber auch nur 30,9 Prozent, sollte das Aktienbarometer am Jahresultimo auf 5500 Punkte fallen.
Die offensiveren Calls steigen im positiven Szenario mit rund 11,0 beziehungsweise 13,7 Prozent stärker. Entwickelt sich der Index negativ, verlieren die Scheine jedoch 57,4 beziehungsweise 70,2 Prozent ihres Wertes. Käufer von Hebelpapieren sollten jedoch bedenken, dass auch eine Kursstagnation ein schlechtes Szenario ist. Sollte der Aktienindex bis Ende Dezember auf dem aktuellen Niveau verharren, verliert jeder Schein. „Der Preis eines Optionsscheins setzt sich aus dem inneren Wert und dem Zeitwert zusammen“, erklärt Tarhan. „Je näher das Ende der Laufzeit rückt, umso stärker nimmt der Zeitwert ab. Dies drückt den Kurs.“ Verfall und K.o. Der Schein mit Basispreis 5500 Punkte hat einen inneren Wert von 2,11 Euro. Er errechnet sich aus aktuellem Kurs minus Basispreis – korrigiert um das Bezugsverhältnis von 100:1. Der Restbetrag von 3,87 Euro ist der Zeitwert. Bei dem Papier mit Basispreis 6000 ist der Zeitwert null. Etwas defensiver orientierte Anleger würden in einem solchen Fall also den Call mit dem Basispreis von 5500 Punkten kaufen. Risikofreudigere wählen den Schein mit Basispreis bei 5700 Punkten. Das Papier mit dem Basispreis 6000 rechtfertigt das höhere Verlustrisiko nicht. Notiert der DAX am Laufzeitende auf der Höhe des Basiswertes oder darunter, verfällt der Schein.
K.o.-Papiere und CFDs sind im Vergleich zu Optionsscheinen deutlich günstiger, da ihr Kurs primär vom inneren Wert bestimmt wird. Aufgrund des geringeren Kapitaleinsatzes ergibt sich eine wesentlich höhere Hebelwirkung. So weist das K.o.-Papier mit dem aktuellen Basispreis von 5410,52 Punkten einen Hebel von 15,5 auf. Das bedeutet: Steigt der Index um ein Prozent, legt der Wert des K.o.-Papiers um knapp 15,5 Prozent zu. Notiert der DAX am Jahresende bei 6000 Punkten, winkt Inhabern dieses Papiers ein Gewinn von rund 63,4 Prozent. Im Falle einer Stagnation des DAX sind die Verluste meist etwas niedriger. Sollte der Index allerdings während der Laufzeit die Stop-Loss-Marke von derzeit 5490 Punkten berühren, wird das Papier automatisch ausgeübt. Dann erhalten Inhaber nur noch den Restwert von 60 bis 70 Cents – ein potenzieller Verlust von mehr als 80 Prozent. Endlos laufende K.o.-Papiere haben noch eine weitere Tücke: Mit jedem Handelstag erhöht sich der Basispreis. Beim DAX-Papier ist es derzeit rund ein Punkt pro Börsentag. Hochgerechnet auf drei Wochen sind das rund 15 Punkte. Diese regelmäßige Anpassung drückt auf die Rendite und erhöht gleichzeitig das Verlustrisiko.
Der zweite K.o.-Call weist einen Hebel von über 37 auf. Im Gegensatz zum vorgenannten Papier hat dieses Produkt eine festgelegte Laufzeit. Auch Basispreis und Stop-Loss-Marke bleiben fix. Da der Basispreis nur 126 Punkte beziehungsweise 2,2 Prozent vom aktuellen DAX-Kurs entfernt ist, eignet sich das Wertpapier nur für sehr risikofreudige Anleger. Wird die kritische Marke berührt, bedeutet das Totalverlust. Steigt der Index allerdings bis Jahresende auf 6000 Punkte, winken auf Grund des hohen Hebels Gewinne von etwa 161 Prozent. Voraussetzung für ein erfolgreiches Handeln mit Wertpapieren wie dem 5650er-K.o.-Call ist jedoch die Möglichkeit, die Positionen im Depot kontinuierlich zu beobachten und zeitnah zu handeln.
Dies gilt noch mehr für Contracts for Difference. Statt eines fixen Basispreises wählt der Anleger bei CFDs die Höhe der gewünschten Margin. Diese Größe gibt an, wie hoch die zu hinterlegende Sicherheitsleistung ist. Je kleiner die Margin, umso höher ist der Hebel. Allerdings auch das Verlustrisiko.Bei einem DAX-Stand von 5761 Punkten kostet ein Kontrakt 5761 Euro. Wählt der Anleger einen CFD mit einer Margin von drei Prozent, muss er nur 172,83 Euro hinterlegen. Der Betrag wird automatisch vom Konto beim CFD-Anbieter abgebucht. Der CFD hat einen Hebel von 33,3. Steigt der Index bis Ende Dezember auf 6000 Punkte, winken nach Abzug der Finanzierungskosten – rund drei Prozent pro Jahr – rund 133 Prozent Gewinn. Damit schneidet der CFD deutlich besser ab als die drei Optionsscheine und der K.o.-Call mit einem Basispreis bei 5410,52 Punkten. Anleger sollten jedoch bedenken: Fällt der Index in Richtung 5500 Punkte, droht der Totalverlust. Und greift der bei den meisten Anbietern eingebaute Stop-Loss nicht, weil die Kurse etwa über Nacht stark gefallen sind, kann der Anleger aufgefordert werden nachzuschießen. Für Neueinsteiger erscheint es ratsam, zunächst Produkte mit einer höheren Margin zu wählen. Wie der Blick auf den Bildschirm zeigt, kann sich die Hebelwirkung des CFDs mit zehn Prozent Margin trotzdem sehen lasssen. Und wäre zumindest ein Gläschen Sekt wert.
