Hindenburg-Omen an der Wall Street: Warum der Indikator Anleger aufhorchen lässt

An der New Yorker Börse ist im Februar ein technisches Warnsignal aufgetaucht, das in der Vergangenheit großen Marktkorrekturen vorausging. Das steckt hinter dem sogenannten Hindenburg-Omen.
• An der NYSE traten Anfang Februar 2026 innerhalb von sechs Handelstagen drei Hindenburg-Omen-Signale auf
• Über die vergangenen sechs Monate gab es laut einem Experten insgesamt acht Hindenburg-Signale
• Das Hindenburg-Omen wurde in den 1990er-Jahren vom US-Analysten Jim Miekka als technisches Warnsignal entwickelt
Was hinter dem Hindenburg-Omen steckt
Das Hindenburg-Omen ist ein technischer Indikator, der in den 1990er-Jahren von dem US-Analysten Jim Miekka entwickelt wurde. Der Name geht auf die Katastrophe des deutschen Luftschiffs Hindenburg im Jahr 1937 zurück und soll die potenziell zerstörerische Kraft des Signals verdeutlichen. Die Grundidee ist einfach: In einem gesunden Aufwärtstrend sollten deutlich mehr Aktien neue 52-Wochen-Hochs als neue 52-Wochen-Tiefs erreichen. Wenn jedoch beides gleichzeitig in ungewöhnlich hoher Zahl auftritt, deutet das auf eine Spaltung im Markt hin.
Konkret müssen für ein Hindenburg-Omen mehrere Bedingungen gleichzeitig erfüllt sein: Sowohl die Zahl der neuen Hochs als auch der neuen Tiefs an der New York Stock Exchange (NYSE) muss einen Schwellenwert von 2,8 Prozent aller gestiegenen und gefallenen Aktien überschreiten. Zusätzlich muss der Gesamtmarkt sich in einem Aufwärtstrend befinden. Das erklärte Tom McClellan, Herausgeber des McClellan Market Report, in einer Analyse vom 5. Februar 2026 unter Verweis auf die Kriterien, die Miekka dem Analysten Greg Morris für dessen 2006 erschienenes Buch "The Complete Guide To Market Breadth Indicators" mitteilte. McClellan zieht als zusätzliche Bedingung noch den sogenannte McClellan-Oszillator heran, ein Maß für die Marktbreite, der für ein Hindenburg-Omen negativ sein muss.
Drei Signale in sechs Handelstagen
Anfang Februar 2026 hat das Hindenburg-Omen erneut ausgelöst, und zwar gleich mehrfach in kurzer Folge. Wie McClellan in seiner Analyse vom 5. Februar 2026 schreibt, traten innerhalb von nur sechs Handelstagen drei Hindenburg-Signale auf. Ein viertes Signal am 4. Februar 2026 scheiterte nur knapp daran, dass der McClellan-Oszillator an diesem Tag minimal positiv war. Bemerkenswert ist der Kontrast: Noch am selben 4. Februar erreichte die tägliche Advance-Decline-Linie der NYSE ein neues Allzeithoch, was eigentlich auf reichlich vorhandene Liquidität im Markt hindeutet. Dass trotzdem einen Tag später erneut ein Hindenburg-Omen ausgelöst wurde, zeige laut McClellan, dass der Markt trotz dieser scheinbar üppigen Liquidität ernsthafte Probleme habe.
Wie aus einem Bericht von MarketWatch vom 6. Februar 2026 hervorgeht, summierten sich über einen Zeitraum von sechs Monaten mittlerweile acht Hindenburg-Signale an der NYSE. Darin eingerechnet ist ein früherer Cluster von fünf Signalen zwischen dem 29. Oktober und dem 13. November 2025, den der Markt zunächst ohne größere Verwerfungen überstand. Bereits damals ordnete McClellan in einem Interview mit TheStreet die Häufung ein: Wer die vergangenen vier Jahrzehnte zurückblicke und jeden offensichtlichen großen Markthöhepunkt betrachte, finde das Hindenburg-Omen bei allen davon. Je mehr dieser Signale aufträten, desto wichtiger werde die Warnung.
Warnung, aber keine Garantie
Die Trefferquote des Hindenburg-Omens ist Gegenstand anhaltender Diskussionen. Je nach Berechnungsmethode und Zeitraum wird sie auf etwa 20 bis 25 Prozent geschätzt, was bedeutet, dass die Mehrzahl der Signale Fehlalarme sind. McClellan selbst formuliert es in seiner Analyse vom 5. Februar 2026 so: Ein Hindenburg-Omen oder eine Häufung davon sei eine Warnung, aber keine Garantie für Schwierigkeiten. Es sage lediglich: "Aufmerksamkeit erhöhen."
Entscheidend scheint dabei weniger das einzelne Signal als die Häufung über einen kurzen Zeitraum zu sein. Historisch betrachtet gingen den meisten größeren Marktrückgängen tatsächlich Cluster von Hindenburg-Signalen voraus: Vor dem Bärenmarkt des Jahres 2022 trat eine solche Häufung auf. Ende 2024, kurz nach der US-Präsidentschaftswahl, erschien ein weiterer Cluster, dem der heftige Kurseinbruch durch die Zollsorgen rund um US-Präsident Trump folgte. Gleichzeitig gibt es Gegenbeispiele: Im Jahr 2013 traten gleich zehn Signale auf, ohne dass der Aufwärtstrend endete. McClellan führt dies darauf zurück, dass die US-Notenbank damals mit ihrem dritten Anleihekaufprogramm (QE3) viele Probleme überdecken konnte. Auch aktuell betreibe die Fed mit QE5 ein weiteres solches Programm, wenngleich in geringerem Umfang als in früheren Phasen. Es sei daher möglich, dass die Fed auch diesmal die Probleme überdecke.
Was das aktuelle Cluster für Anleger konkret bedeutet, bleibt offen. Die Signale deuten darauf hin, dass unter der Oberfläche der großen Indizes eine zunehmende Divergenz herrscht: Während einige Aktien weiter auf Rekordjagd gehen, geraten gleichzeitig immer mehr Titel unter Druck. Ob daraus eine breitere Korrektur entsteht oder der Markt die Warnsignale erneut ignoriert, hängt von Faktoren ab, die der Indikator allein nicht erfassen kann. McClellan brachte es in seinem TheStreet-Interview vom November 2025 auf den Punkt: Es sei nicht unbedingt die Zeit, alles zu verkaufen und sich in einen Bunker zurückzuziehen, aber es sei die Zeit, klug damit umzugehen und nach weiteren bestätigenden Signalen Ausschau zu halten.
D. Maier / Redaktion finanzen.net
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