30.03.2022 16:04

EZB-Chefin Lagarde erwartet weiter zunehmende Inflation - Zinswende zum Jahresende?

Drei Gründe: EZB-Chefin Lagarde erwartet weiter zunehmende Inflation - Zinswende zum Jahresende? | Nachricht | finanzen.net
Drei Gründe
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Die Europäische Zentralbank (EZB) rechnet nach den Worten ihrer Präsidentin Christine Lagarde damit, dass die Inflation im Euroraum weiter zunehmen wird.
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In einer Veranstaltung der Zentralbank Zyperns wies Lagarde zugleich darauf hin, dass der Ukraine-Krieg mit zunehmender Dauer auch den wirtschaftlichen Schaden für Europa vergrößern dürfte. Die EZB müsse auf alle Szenarien reagieren können und werde den Prozess der Bilanzvergrößerung über Anleihekäufe im dritten Quartal nur beenden, wenn die Voraussetzungen dafür vorlägen.

Die EZB-Präsidentin nannte drei Gründe für ihre Annahme steigender Inflationsraten:

1. Die Energiepreise werden voraussichtlich länger hoch bleiben. Die Gaspreise sind seit Jahresbeginn um 52 Prozent und die Ölpreise um 64 Prozent gestiegen.

2. Der Druck auf die Lebensmittelpreise dürfte zunehmen. Auf Russland und die Ukraine entfallen fast 30 Prozent der weltweiten Weizenexporte, während Weißrussland und Russland rund ein Drittel der weltweiten Kaliproduktion, eines wichtigen Bestandteils der Düngemittelherstellung, erzeugen und damit die Versorgungsengpässe noch verschärfen.

3. Die Produktionsengpässe in bestimmten Sektoren werden wahrscheinlich anhalten. Russland ist der weltweit größte Exporteur von Palladium, das für die Herstellung von Katalysatoren wichtig ist. Die Ukraine liefert rund 70 Prozent des weltweiten Neongases, das für die Halbleiterherstellung von entscheidender Bedeutung ist.

Die Wachstumsrisiken des russischen Überfalls auf die Ukraine ergeben sich Lagarde zufolge über die hohen Energiepreise und über Vertrauenseffekte. Die hohen Energiepreise kämen den öl- und gasproduzierenden Ländern zugute. Laut Lagarde zufolge minderten sie das Einkommen des Euroraums schon im vierten Quartal um 1,2 Prozent des BIP, verglichen mit dem vierten Quartal 2019. Auf das Jahr hochgerechnet wären das 150 Milliarden Euro.

Private Haushalte rechnen nach Angaben der EZB-Präsidentin mit sinkenden Realeinkommen, Unternehmen stellten Investitionen zurück.

Die Reaktion der EZB auf die Unsicherheit infolge des Kriegs folgt Lagarde zufolge drei Prinzipien:

1. Optionalität - die EZB sei bereit, auf eine Reihe von Szenarien zu reagieren, der EZB-Kurs wird von den eingehenden Daten abhängen. "Insbesondere wenn die Daten die Erwartung stützen, dass sich die mittelfristigen Inflationsaussichten auch nach dem Ende unserer Nettokäufe von Vermögenswerten nicht abschwächen, werden wir die Nettokäufe im Rahmen des APP-Programms im dritten Quartal beenden", sagte Lagarde in bekräftigte damit einen Schlüsselsatz aus dem geldpolitischen Statement vom 10. März.

Sollten sich jedoch die mittelfristigen Inflationsaussichten ändern und die Finanzierungsbedingungen gegen ein Erreichen des mittelfristigen Inflationsziels von 2 Prozent sprechen, würde die EZB ihre Pläne für die Nettoanleihekäufe in Bezug auf Umfang und/oder Dauer überdenken. Mit dieser Bemerkung spielte Lagarde allerdings nicht auf die derzeit sehr hohe Inflation an. Viele Ökonomen erwarten weiterhin, dass die Inflation mittelfristig wieder unter die Zielmarke der EZB von 2 Prozent fallen wird.

2. Gradualismus - die EZB wird vorsichtig vorgehen und ihre Politik anpassen, sobald sie Rückmeldungen über deren Wirkung erhält. "Etwaige Anpassungen der EZB-Leitzinsen werden einige Zeit nach dem Ende unserer APP-Nettokäufe erfolgen und schrittweise vorgenommen", sagte Lagarde.

3. Flexibilität - die EZB will ihr Instrumentarium nutzen, um sicherzustellen, dass ihre Politik gleichmäßig auf alle Teile des Euroraums übertragen wird. Lagarde spielte damit auf die Gefahr an, dass die Differenzen zwischen den Staatsanleiherenditen innerhalb des Euroraums stark steigen könnten, wenn die EZB mit Zinserhöhungen beginnt. Zur Lösung dieses Problems könnte die EZB neue Instrumente konstruieren, wie Lagarde kürzlich in Aussicht stellte.

EZB-Ratsmitglied bringt Zinswende zum Jahresende ins Spiel

Die EZB könnte aus Sicht von Ratsmitglied Peter Kazimir gegen Ende des Jahres die Zinswende einleiten.

Dies gelte aber nur für den Fall, dass es zu keiner dramatischen Eskalation des Krieges in der Ukraine komme, sagte der slowakische Notenbankchef am Mittwoch. Er sei dafür, dass sich die EZB binnen eines Jahres beim sogenannten Einlagesatz aus dem negativen Bereich herausbewege. Derzeit liegt er bei minus 0,5 Prozent. Dies bedeutet, dass Banken Strafzinsen zahlen müssen, wenn sie überschüssiges Geld bei der Notenbank parken.

Österreichs Notenbankchef Robert Holzmann dringt auf eine Abschaffung dieser Strafzinsen bereits bis zum Jahresende. Man habe dann mehr Möglichkeiten, sagte er jüngst der "Börsen-Zeitung". Die Überlegung dahinter: Wenn die EZB gegen Jahresende feststellen sollte, dass die Inflation auch noch länger höher bleibe, müsse die EZB die Zinsen deutlicher anheben. "Wenn wir dann nicht schon bei null Prozent beim Einlagenzins wären, wären wir zu spät dran", so Holzmann.

FRANKFURT / PRAG (Dow Jones / Reuters)

Bildquellen: Albert H. Teich / Shutterstock.com, Yiannis Kourtoglou / Shutterstock.com
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