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Folker Hellmeyer: "Anzeichen für einen Crash wie in 2008/2009 sehe ich derzeit nicht"

10.07.18 19:50 Uhr

Folker Hellmeyer: "Anzeichen für einen Crash wie in 2008/2009 sehe ich derzeit nicht" | finanzen.net

Chefanalyst der Fondsboutique Solvecon, Folker Hellmeyer, spricht über heiß gelaufene Märkte, den Handelskrieg sowie über Gold und Anlagestrategien.

Werte in diesem Artikel
Rohstoffe

2.311,70 USD -14,92 USD -0,64%

Indizes

17.860,8 PKT 123,4 PKT 0,70%

38.240,0 PKT 253,6 PKT 0,67%

5.010,6 PKT 43,4 PKT 0,87%

von Benjamin Summa

Ein Ende der deutschen Regierungskoalition konnte zu Beginn der Woche knapp abgewendet werden. Aber allzu viel Euphorie dürfte an den Finanzmärkten deswegen nicht aufkommen: Es zeichnet sich beispielsweise eine schrittweise Eskalation des Handelskonfliktes ab. Wie ist Ihre Lesart hierzu?
Folker Hellmeyer: Ich freue mich, dass dieser unsägliche Asylstreit vorerst beigelegt worden ist - und ich betone "vorerst". Denn hier ist eine nachhaltige Lösung - insbesondere im europäischen Maßstab - nicht erkennbar. Das Vertrauen in europäische Finanzwerte ist durch diese Thematik bereits stark untergraben worden.
Aber der Handelskonflikt stellt momentan das wesentlichere Störfeuer dar: Die Unsicherheit an den globalen Märkten ist deswegen sehr hoch. Aber an dem Feuer, mit dem Washington spielt, könnten sich die USA am Ende selbst verbrennen. Denn die Folgen dieser Handelskonflikte werden schlussendlich von den US-Verbrauchern getragen werden müssen. Die Zölle wirken wie eine Konsumsteuer. Amerika ist in seiner Wirtschaftsleistung zu 70 Prozent vom Konsum abhängig, also merklich verwundbar. Die positiven Effekte, die durch die US-Steuerreform generiert worden sind, könnten also wieder konterkariert werden. Zudem sind die USA gerade dabei, sich von internationalen Vereinbarungen und Verträgen loszulösen - das wird sich negativ auf den Investitionsstandort "Amerika" auswirken, denn "Verlässlichkeit und Vertragstreue" sind wichtige Werte.

An vorderster Front sehen Analysten die steigenden Leitzinsen als Verantwortliche für diese eher negative Stimmung am US-Aktienmarkt. Bringen Sie es bitte auf den Punkt: Welche Folgen hätten weitere US-Zinserhöhungen konkret?
Man hört häufig, die Zahlen aus den USA seien relativ gut; das ist unter quantitativen Gesichtspunkten durchaus gerechtfertigt. Wenn man aber in die Betrachtung miteinbezieht, dass dort für 2,5 Prozent Wachstum ein Haushaltsdefizit von 5,3 Prozent der Wirtschaftsleistung benötigt wird und wir in Amerika die höchste jemals gemessene Konsumverschuldung und die höchste jemals gemessene Unternehmensverschuldung haben, dann stellt sich schnell die Frage nach der Qualität dieses Modells. Eine schnellere Gangart bei Zinsanhebungen hätte vor dem Hintergrund der Verschuldung, insbesondere der privaten Haushalte, einen negativen Einfluss. Die Unfallgefahren für die US-Wirtschaft sind meiner Einschätzung nach erheblich, denn zahlreiche Unternehmen in Amerika hängen primär an der US-Binnennachfrage.

Zahlreiche Märkte sind nach neun Jahren Hausse inzwischen sehr teuer - der amerikanische mehr als die europäischen. Können Sie bitte die Bewertungsniveaus kurz analysieren?
Aktuell haben wir im S&P 500 ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von 20,7, im Vergleich dazu liegt der DAX bei 13,7. Auch die Bewertungsziffer "Dividendenrednite" zeigt dies: Im S&P liegt diese bei zwei Prozent bei einem Preisanstieg, der deutlich über zwei Prozent liegt. In der Eurozone haben wir eine Dividendenrendite von drei Prozent bei einem Preisanstieg von zwei Prozent. Das heißt, wir haben in den USA eine sportliche Bewertung gegenüber einer konservativen Bewertung beispielsweise im DAX. Manche Propheten sehen ja Crashgefahren wie in den Jahren 2008/2009 heraufziehen. Diese Einschätzung ist meiner Meinung nach vor dem Hintergrund dieser Bewertungsniveaus nicht gerechtfertigt. Die Unternehmen, die in den USA und in Europa in den Top-Indizes notiert sind, hängen alle an der globalen Wirtschaft. Und diese hat momentan noch eine hohe Widerstandskraft. Frühindikatoren wie der ifo-Index liegen noch immer auf einem sehr hohen Niveau.

Welche Anlagestrategie empfehlen Sie Privatanlegern?
Es ist kein Geheimnis, dass ich Aktien unter mittel- bis langfristigen Gesichtspunkten für das beste Investment halte. Wir haben es momentan aber durch exogene Effekte in der Geo- und Handelspolitik mit hohen Schwankungsbreiten zu tun. Man braucht aus meiner Sicht deswegen Investment-Tools, die aktiv gemanagt sind.
Infrastrukturprojekte wie "One Belt, One Road" zeigen, dass man insbesondere auch die Emerging Markets auf dem Investment-Plan haben sollte. Die Wachstumsprognose des IWF für die aufstrebenden Länder liegt bei 4,9 Prozent, die für die Industrieländer weist im Vergleich dazu 2,3 Prozent aus.
Bald treffen sich Putin und Trump in Helsinki. Sollte es hier zu einer Annäherung kommen, dann hätte der russische Markt, der seit einigen Jahren mit Sanktionen belegt ist, enormes Aufholpotenzial. Die Welt wird ohne Russland nicht auskommen. Der Westen überschätzt sich doch maßlos - er hat heute noch 34 Prozent an der Weltwirtschaft, 1990 hatte er 80 Prozent. Die USA sind nicht mehr der Taktgeber der Weltkonjunktur, es sind die aufstrebenden Länder.
Ein weiterer Aspekt: Ich bin nicht als Freund von Staatsanleihen bekannt. Aber wenn ich welche kaufen müsste, dann würde ich Rentenpapiere aus solchen Ländern kaufen, die gute Konjunktur- und Strukturdaten aufweisen und mir ein gutes Chance-Risiko-Profil bieten. Die russischen Staatsanleihen haben eine Rendite von sieben Prozent bei einer Preisinflation von 2,4 Prozent, das ist ein Realzins von 4,6 Prozent. Davon träumt man in westlichen Industrienationen. Darüber hinaus hat Russland eine Staatsverschuldung von 18 Prozent, eine Neuverschuldung von null Prozent der Wirtschaftsleistung, zwei Prozent Wachstum und eine Arbeitslosenquote von 4,9 Prozent. Das ist vielleicht nicht politisch korrekt, was ich sage, aber hier liegt aus meiner Sicht Werthaltigkeit.

Wir haben darüber gesprochen: Der Handelsstreit der USA mit dem Rest der Welt eskaliert, an den Börsen herrscht Nervosität. Trotzdem flüchten die Anleger nicht in das als Krisenwährung geltende Gold. Was sind die Gründe hierfür?
Gerade bei zurückgehenden Goldpreisen sehen wir nach wie vor eine starke Nachfrage aus dem asiatischen Raum. Insofern liegt es sicherlich nicht an den physischen Märkten, dass der Goldmarkt nicht anspringt. Der physische Markt ist nicht der Preisgeber für die Edelmetallmärkte, der Preistreiber liegt an der New York Commodities Exchange, also in der Hand weniger Banken, die die Futuremärkte bestimmen. Dort werden die Anomalien an den Märkten schlussendlich erzeugt. Trotz alledem betone ich seit mehreren Jahren: Es ist wichtig, einen gewissen Goldanteil im Portfolio zu haben. Das gilt für mich privat, das handhaben wir aber auch bei Solvecon für unsere Fonds so, die aktiv gemanagt sind. Gold ist am Ende die einzig wahre Währung. Das Edelmetall hat einen Track Record von 5.000 Jahren. Die Feldversuche, die wir mit dem Fiat-Währungssystem unternehmen, gibt es seit 1971 mit fragwürdigen Resultaten, siehe Dynamik der Staatsverschuldung der USA seit 1971. Ich setze da eindeutig auf die 5.000-jährige Erfolgsgeschichte von Gold. Das sehen smarte Zentralbanken, unter anderem in China und Russland, ebenso.



Disclaimer: Der Autor, Benjamin Summa, ist freier Mitarbeiter bei finanzen.net. Er interviewt regelmäßig Finanzexperten zu aktuellen Themen.




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Bildquellen: Chefvolkswirt der Bremer Landesbank

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