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01.07.2018 12:00
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Mega-Pleite mit Containern: Was Anleger daraus lernen

Euro am Sonntag-Meinung: Mega-Pleite mit Containern: Was Anleger daraus lernen | Nachricht | finanzen.net
Wolf Brandes
Euro am Sonntag-Meinung
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Wenige Regeln, hohes Risiko - das zeichnet den grauen Kapitalmarkt aus. Immer wieder kommt es zu Insolvenzen und spektakulären Skandalen. Jüngstes Beispiel ist die Pleite des Container-Anbieters P & R mit 54.000 Betroffenen.
€uro am Sonntag
von Wolf Brandes, Gastautor für €uro am Sonntag

Container sind das Rückgrat der Weltwirtschaft" - mit solchen Sprüchen sind die Anbieter von Container-Investments gern ­unterwegs. Von anhaltendem Wachstum und steigendem Kapitalbedarf konnte man vor einem Jahr auf der Website des Marktführers P & R lesen. Kurz: "eine solide Investition in echte Sachwerte" als "attraktive Anlagealternative zu klassischen Kapitalanlagen". Heute steht auf der Internetseite des Unternehmens davon nichts mehr. Stattdessen finden sich dort "Anlegerinformation zu den vorläufigen Insolvenzverfahren" mit einem Link zur Seite www.frachtcontainer-­inso.de. "inso" steht für Insolvenz. Seit Mitte März ist die Zahlungsunfähigkeit der P & R-Firmen das große Thema in der Anlagebranche.


Betroffen sind mehr als 54.000 Anleger mit einem Volumen von rund 3,5 Milliarden Euro. Die Pleite und möglicherweise der Betrug des Container-Vermittlers aus Grünwald bei München ist damit von weitaus größerer Dimension als die Insolvenz der Windanlagenfirma Prokon vor vier Jahren oder der Skandal um die Immobilienfonds-Gruppe S & K.


Firmenzusammenbrüche am grauen Kapitalmarkt treffen meistens Privatanleger, die ihr Geld im Vertrauen auf die Aussagen der Anbieter investiert hatten. "Erfolgreich, einfach und sicher" sollte ein Investment in Seefrachtcontainer über den Anbieter P & R sein. So stand es in jedem Werbeflyer. Oft war den ­Betroffenen gar nicht klar, dass sie am grauen Kapitalmarkt engagiert sind, ­einem Bereich des Kapitalmarkts, der viel weniger reguliert ist als Bankangebote oder Investmentfonds; und bei dem grundsätzlich von hohen Risiken auszugehen ist.

Verbraucher glauben ihr Geld in sicherer Anlage aufgehoben
Eines der Probleme in diesem Segment ist, dass die Werbung für Produkte des grauen Kapitalmarkts oft intransparent ist. Die Art der Geldanlage und ­damit verbundene Risiken bleiben für Verbraucher häufig unklar. Zu diesem Ergebnis kam eine Untersuchung der Verbraucherzentralen vor zwei Jahren. Viele Verbraucher, die am grauen Kapitalmarkt investieren, glauben ihr Geld in einer sicheren Anlage gut aufgehoben - nicht zuletzt weil die Anbieter und Vermittler ein zu vorteilhaftes Bild von den Produkten zeichnen. In den allermeisten Fällen werden die Risiken ­häufig nicht angemessen dargestellt. Bei einigen Angeboten ist nicht einmal erkennbar, um was für eine Art von ­Kapitalanlage es sich handelte oder in welches konkrete Produkt investiert werden sollte.


Beim aktuell Pleitefall P & R schien die Sache klar: Der Anleger kauft als Direktinvestment einen oder mehrere Con­tainer und vermietet diese an P & R; die Firma vermittelt die Boxen dann an Transportfirmen weltweit. Inzwischen mehren sich Zweifel an der Geschichte: Haben die Verbraucher auch wirklich Eigentum erworben? Waren die Con­tainer auch alle wie behauptet neu? Und: Gibt es die verkauften Container tatsächlich alle? Auf die letzte Frage gab kürzlich der Insolvenzverwalter die schockierende Antwort: Mehr als die Hälfte der 1,6 Millionen verkauften Container gab es nie. Noch bevor das eigentliche Insolvenzverfahren angefangen hat, ist klar, dass viele Container nur auf dem Papier existierten.

Schon im Vorfeld war es mit der Transparenz nicht weit her. Mitte 2017 schrieb die Stiftung Warentest über P & R: "Die Gruppe äußert sich aber nicht konkret dazu, woher die Mittel für die eingegangenen Verpflichtungen kommen sollen. Zu Marktpreisen und -mieten findet sich ohnehin nichts Konkretes in den Prospekten. Wie günstig oder teuer Anleger kaufen und vermieten, können die Anleger nicht herauslesen." Auf solche kritische Stimmen antwortete der Anbieter seinerzeit, dass die P & R-Gesellschaften seit mehr als 40 Jahren alle Versprechen erfüllt hätten.

Die Anbieter machen Verbrauchern den Durchblick nicht leicht. Dies führt im schlimmsten Fall dazu, dass viele Produkte des grauen Kapitalmarkts nicht als solche zu erkennen sind. Das bestätigt eine Umfrage des Marktwächters, eines Projekts der Verbraucherzentralen. Ergebnis: Die überwiegende Mehrheit der Verbraucher kennt den Begriff "grauer Kapitalmarkt" nicht (66 Prozent) oder nur dem Namen nach (27 Prozent). Lediglich sechs Prozent der Befragten können erklären, worum es sich beim grauen Kapitalmarkt handelt. In der Umfrage gelingt weniger als der Hälfte aller Befragten die richtige Zuordnung konkreter Finanzprodukte zum grauen Kapitalmarkt.

Irreführende Werbung und fehlendes Finanzwissen sind zwei Erklärungen für die wiederkehrenden Pleiten. Ganz entscheidend ist bei der Geldanlage aber der Vertrieb. Der Hauptvertrieb der Produkte wurde laut P & R durch professionelle Finanzdienstleister, Vermögensberater, Banken und unabhängige Finanzberater geleistet. Zuletzt ­waren rund "200 Hauptvermittler mit insgesamt circa 2000 Untervermittlern für P & R tätig". Dazu gehörten wohl lange Zeit auch Anlageberater in Banken und Sparkassen.

Wie wichtig die Beziehung zwischen Verbraucher und Berater ist, zeigt eine Untersuchung der Verbraucherzentrale Hessen von 2017. Das Marktwächter-­Team dokumentierte dazu 358 Rechtsberatungen der Verbraucherzentralen zu Schadensfällen auf dem grauen ­Kapitalmarkt. Die Ergebnisse: In 70 Prozent der Fälle standen die Anleger in einer engeren Beziehung zum Vermittler. Offensichtlich nutzen einige Berater und Vermittler das ihnen entgegen­gebrachte Vertrauen aus.

Verkäufer nutzen die gute Beziehung zu den Anlegern aus
Erklärt das, warum mehr als 54.000 ­Anleger Milliarden versenkt haben? Schnell ist auch zu hören, dass die Kunden, angelockt von hohen Renditen, ihr Investment nicht genauer geprüft haben. Nach dem Motto: Gier frisst Hirn. Bei den Angeboten von P & R ist es jedoch fraglich, ob die hohe Rendite das vorherrschende Anlagemotiv war. Je nach Tranche wurden bei dem Investment zwischen vier und fünf Prozent geboten. Gier sieht anders aus.

Für die meisten Verbraucher sind eine sichere Anlage und der Werterhalt das wichtigste Anlagemotiv. Es folgt laut Marktwächter-Umfrage Altersvorsorge mit 48 Prozent. Eine höhere Rendite spielte als Motiv eine geringere Rolle (27 Prozent). Das zeigt: Allein die hohe Rendite ist es nicht, die zu den Fehlinvestitionen der Verbraucher am grauen Kapitalmarkt führt. Eine wichtigere Rolle spielt oft das Beziehungsgeflecht zwischen Verbraucher und Vermittler und eine überzeugende Geschichte. Etwa so: Container, die werden gebraucht, es wird wieder mehr auf Seewegen transportiert, und auch der TÜV hat das ­abgenommen. Nur eines haben die ­Geschichten am grauen Kapitalmarkt selten: ein Happy End.

Kurzvita

Wolf Brandes
Teamleiter der Verbraucherzentrale Hessen
Verbrauchern eine Stimme zu geben, ist Wolf Brandes wichtig. Deshalb war seine erste berufliche Station nach dem Volkswirtschaftsstudium die Stiftung Warentest, deshalb hat er als Finanzjournalist bei "Börse Online", ­"Capital" und "Financial Times Deutschland" für Anleger geschrieben. Seit vier Jahren arbeitet Brandes als Finanzreferent und Teamleiter im Marktwächter-Projekt bei der Verbraucher­zentrale Hessen.




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Bildquellen: Jan Zappner/Raum11, donvictorio / Shutterstock.com
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