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07.08.2020 10:40

Soll man jetzt noch Gold kaufen, Robert Halver?

Interview exklusiv: Soll man jetzt noch Gold kaufen, Robert Halver? | Nachricht | finanzen.net
Interview exklusiv
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Der Leiter Kapitalmarktanalyse bei der Baader Bank, Robert Halver, spricht im Interview über Aktien, Gold sowie über Gewinner und Verlierer der Corona-Krise.
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Von Benjamin Summa

Herr Halver, der Goldpreis hat in Euro und Dollar neue Allzeithochs erreicht. Kann man Anlegern angesichts dieser Preisniveaus noch raten, in Edelmetalle zu investieren?
Robert Halver: Die Voraussetzungen für weiter steigende Edelmetallpreise sind gut. Die Instabilität der Finanzsysteme ist eine Einbahnstraße, die weltweite Verschuldung nimmt immer drastischer zu. Gleichzeitig gibt es keine Zinsen mehr, nach Abzug der Inflation sind sie sogar negativ. Das frühere Killerargument, Gold werfe keine Zinsen ab, ist damit auch längst vom Tisch. Das alles bringt viel Schwung in die alternativen Anlageklassen, zu denen auch Gold gehört. Wer einen längerfristigen Anlagehorizont hat, der kann weiterhin in Gold investieren. Anleger sollten sich nicht irritieren lassen, wenn es auch mal wieder zu einer stärkeren Korrektur kommt. Denn auch viele Notenbanken und große Vermögensverwalter sind beim Gold weiterhin auf der Käuferseite. Und wie üblich wird die Anlegermasse diesen Vorreitern nachfolgen und die Edelmetallpreise langfristig weiter steigen lassen. Gold ist kein Paradiesvogel mehr, sondern eine etablierte Anlageklasse. Wegen der leider anhaltenden Krisen kann Gold im nächsten Jahr 2.500 US-Dollar je Unze erreichen. Überhaupt, Gold ist ein knappes und damit teures Gut: Während die Weltschulden den Pazifik füllen könnten, passt Gold in einen Putzeimer.

Auch Silber hat deutlich zugelegt. Wie bewerten Sie das Weißmetall als Anlageklasse?
Einen kleinen Teil Silber ins Portfolio zu nehmen, schadet sicherlich nicht. Aber man muss wissen, dass Silber volatiler ist als Gold, zudem muss in Deutschland Mehrwertsteuer auf Barren und Münzen entrichtet werden. Aber Silber hat natürlich auch eine wichtige Funktion als Industriemetall: In der Umwelttechnik, beim Aufbau des 5G-Netzes und bei Photovoltaikanlagen wird Silber gebraucht. Das Weißmetall hat zudem den Charme, dass es deutlich günstiger ist als Gold, hier sind also die Einstiegshürden geringer. Als reines Edelmetall genießt Gold aber Priorität.

Die US-Konjunktur ist infolge der Corona-Krise in noch nie da gewesenem Ausmaß eingebrochen: Das Bruttoinlandsprodukt sank im zweiten Quartal aufs Jahr gerechnet um 32,9 Prozent. Insgesamt nehmen derzeit 17 Millionen Menschen in den USA Arbeitslosenunterstützung in Anspruch. Glauben Sie an eine rasche Erholung der größten Volkswirtschaft der Welt?
Die US-Wirtschaft und ihr Arbeitsmarkt sind dramatisch anpassungsfähiger, als dass in Deutschland der Fall ist. Die jetzt veröffentlichten Zahlen dürfen nicht überinterpretiert werden. Ohne Kurzarbeit hätten wir über sieben Millionen Arbeitslose. Ich gehe davon aus, dass man sich in Washington schon aus Gründen der anstehenden Präsidentschaftswahl auf ein neues Hilfspaket für Arbeitslose verständigen wird. Das wird Entspannung bei der Binnennachfrage bringen. Die USA haben zudem überhaupt kein Problem mit neuen Schulden. Es wird alles versucht werden, die Wirtschaft wieder auf die Beine zu stellen. Eine zweite Infektionswelle würde natürlich die Hoffnung auf eine schnelle Erholung der US-Wirtschaft zunichtemachen. Ich denke aber nicht, dass Amerika einen generellen Lockdown ausruft, sondern lediglich punktuell. Niemand sollte die amerikanische Wirtschaft abschreiben. Die USA sind mehr als ihre augenblicklich bizarre Persönlichkeit an der Staatsspitze. In Amerika sind alle wichtigen Hightech- und Digitalisierungsunternehmen beheimatet - also die Zukunft der Wirtschaft. Wir in Deutschland und Europa haben dagegen viel zu viel Old Economy.

Nach dem heftigen Einbruch im ersten Quartal wächst Chinas Wirtschaft wieder. Ist das Land der große Krisen-Gewinner?
In China wird mit einem riesigen Investitionsprogramm die Binnenkonjunktur gestärkt. Es gibt jetzt wieder Wirtschaftswachstum. Die Zahl der Infizierten und Toten lag und liegt deutlich unter dem Niveau der USA. China hat sich zudem als Lieferant von Masken und medizinischem Material, teilweise als Schenkung an Nato-Staaten wie Italien, durchaus profilieren können. Als fader Beigeschmack bleibt natürlich immer die sehr eingeschränkte Pressefreiheit, die keine wirkliche Transparenz schafft. Aber insgesamt muss festgehalten werden, dass China jetzt schon zu den Gewinnern der Krise gehört. Natürlich auch deshalb, weil China das Land ist, in dem die Krise zuerst ausgebrochen ist und insofern auch schneller wieder aus der Krise entkommt. Nicht zuletzt profitieren davon deutsche Exportaktien.

Welche Prognose wagen Sie in Bezug auf die Aktienmärkte: Profitieren diese weiterhin von dem kaum mehr steigerbaren Geldvermehrungsprozess oder nehmen diese doch noch größeren Schaden, wenn sich das ganze Ausmaß der Schäden für die Weltwirtschaft abzeichnet?
Die Liquiditätshausse ist das permanente Schmiermittel für die Aktienmärkte - und das wird auch künftig so bleiben. Die größte Angst der Politik ist es, dass es zu sozialen Unruhen und zu massenhafter Arbeitslosigkeit kommt. Die Bereitschaft, Geld zu drucken, wird deshalb sehr hoch bleiben. Und wenn wir eine zweite große Infektionswelle bekommen sollten, dann werden weitere Schulden gemacht. Die große Herausforderung ist, das viele billige Geld jetzt sinnvoll zu investieren. Amerika und Asien machen das in Form der Digitalisierung und von Investitionen in die Infrastruktur. Sie nutzen die Krise als Chance. Sie setzen auf "Wumms". Wir in Deutschland setzen zu sehr auf Wundheilung, weniger auf Stärkung der zukünftigen wirtschaftlichen Abwehrkräfte. Das ist zu viel "Bumms".
Niemand wird auch in Zukunft an Aktien vorbeikommen. Große Vermögensverwalter können sich nicht lange damit aufhalten, dass die Welt instabil geworden ist. Der Konkurrenzdruck ist gewaltig. Und durch die Liquiditätsschwemme als neue feste Realität an den Finanzmärkten kann gleichzeitig Anlagegeld nicht mehr in unattraktiven Zinspapieren geparkt werden. So wird ein immenser Anlagenotstand und eine Renditejagd fortgeschrieben, die den Aktienmärkten auch in Zukunft massiven Rückenwind geben.

Zu Beginn der Corona-Krise hatten sich viele Anleger noch auf den Dollar gestürzt. Davon ist nichts mehr übrig geblieben. Das Versagen der US-Regierung bei der Bewältigung der Corona-Pandemie hat das Vertrauen in die Großmacht weiter geschmälert und die US-Währung auf eine rasante Talfahrt geschickt. Verliert der Dollar gerade seine Rolle als Weltleitwährung?
Im Augenblick kommt vieles gegen den US-Dollar zusammen. Natürlich alles in den USA: ein drastischer Wirtschaftseinbruch aufgrund der Corona-Krise, ein bizarr agierender Präsident, der die Weltmachtfunktion nicht mehr ausfüllen will und immer weiter fallende und damit unattraktiver werdende Zinsen. Umgekehrt haben wir in China ein Land, das wirtschaftlich wieder aus dem Gröbsten heraus ist, und eine EU, die einstweilen durch einen Länderfinanzausgleich zusammengehalten wird. Insgesamt verleiht dies dem Dollar zurzeit wenig Auftrieb, was wiederum dem Euro Rückenwind gibt. Aber schreiben wir den Dollar nicht ab! Wenn Amerika wirtschaftlich, wenn auch mit vielen Schulden, wieder wächst und sich eventuell unter einem Präsidenten Biden wieder seiner Weltmachtfunktion bewusst wird, gewinnt der Dollar auch wieder an Stärke. Überhaupt, die Eurokrise bzw. Eurosklerose mögen ja zunächst in den Hintergrund gerückt sein. Doch für die Zertrümmerung der Stabilitätskriterien und die Einführung der Schuldenunion werden wir noch einen hohen Preis bezahlen. Welchen Anreiz, um Reformen zu machen, haben südliche EU-Länder, wenn ihnen das Geld geschenkt wird? Bei Reformrenitenz wird die gesamte EU langsam, aber sicher schwächer. Dass Europa das Leistungsprinzip durch den freien Mittagstisch ersetzt hat, wird dem Euro längerfristig nicht helfen.

Welchen Tipp haben Sie für einen Anleger, der 20.000 Euro auf der hohen Kante hat und diese jetzt investieren möchte?
Unser (Finanz-)System wird von der Politik erhalten werden, koste es, was es wolle, auch mit ewiger Abschaffung der Zinsen. Daher gibt es keine Alternative zu Sachwerten. Ein Viertel in Edelmetalle investieren und liegen lassen, den Rest in Aktien stecken, weiterhin Hightech, aber aufgrund der weltweit geschnürten und noch zu schnürenden staatlichen Hilfspakete sollten unbedingt die zyklischen, konjunkturabhängigen Werte Beachtung finden. Denn diese werden sozusagen kalt gestartet.

Disclaimer: Der Autor, Benjamin Summa, ist freier Mitarbeiter bei finanzen.net. Er interviewt regelmäßig Finanzexperten zu aktuellen Themen.






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Bildquellen: Robert Halver
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