08.08.2013 20:47

Landeszeitung Lüneburg: Tiefgreifende Veränderungen prophezeit der Trendforscher Sven Gábor Jánszky im Interview der Woche mit der Landeszeitung Lüneburg in den Bereichen Handel und Arbe

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Lüneburg (ots) - Der Fachhandel beklagt zunehmend die Konkurrenz des Online-Handels, offenbar leiden auch große Ketten wie die Pleite-Gänger Bahr und Praktiker darunter. Was läuft schief?

Sven Gábor Jánszky: Es läuft genau so wie Trendforscher es schon seit mindestens acht Jahren prognostizieren: Jene Segmente des Handels, die sich sehr auf rationale Kaufentscheidungen des Kunden fokussieren, etwa gute Qualität zu gutem Preis, wandern immer mehr in den Online-Handel ab, in elek"tronische Systeme, die diese Berechnungen und Empfehlungen besser machen. Auf der anderen Seite entsteht ein Premiumsegment im stationären Handel in Richtung Erlebnis-Shopping. Diejenigen, die sich für den falschen Weg entscheiden, die -- wie im Falle von Praktiker oder auch Schlecker und Karstadt -- nur auf das Preisbewusstsein setzen, die müssen mit wegbrechenden Margen rechnen.

Sie prophezeien die Aufteilung in Premium- und Economy-Märkte. Doch Loewe, Hersteller von Edel-TV-Geräten, geht es schlecht, er holte sich unlängst einen Partner aus China ins Boot. Muss Premium auch billig sein, oder wo liegt der Fehler?

Jánszky: Hier liegt der Fehler woanders. Im Consumer-Electronics-Segment haben wir ganz klar mit asiatischen Herstellern zu tun, die ordentliche Qualität zu einem sehr guten Preis anbieten. Was Loewe sehr richtig erkannt hat, ist, dass das Mithalten hier schwierig ist. Auch das Fokussieren auf das Premiumsegment ist richtig. Nur wird der Begriff hier rein technokratisch gesehen. Premium bedeutet in Zukunft nicht mehr: "neueste Technologie" und "teuer". In den neuen Premium-Märkten muss man Emotionen wecken, ein sogenanntes Identitätsmanagement schaffen. Es dreht sich um die Frage, kann der Kunde mit diesem Gerät seine persönliche Identität ausdrücken, kann er durch die Nutzung dieses Produktes seinen Mitmenschen zeigen, dass er zum Beispiel besonders öko, sportlich, reich oder innovativ ist. Hier gibt es viele, viele Nischen, in denen Identitätsmanagement greift. Diese hat Loewe offensichtlich noch nicht erkannt.

Der Umsatz der Online-Händler stieg von 2011 auf 2012 um 27,5 Prozent, betrug 27,6 Milliarden Euro. Dennoch entstehen weiterhin auf den grünen Wiesen unserer Städte große Einkaufszentren und Outlet-Dörfer. Werden die bald leer stehen?

Jánszky: Es kommt darauf an, ob diese Anbieter es schaffen, den stationären mit dem Online-Handel zu verbinden. Dann haben sie eine Chance, sonst droht ihnen der Praktiker-Weg. Diese Verbindung schafft, wer sein Ladengeschäft als Show"room versteht, als einen Erlebnisort, in dem der Kunde sich inspirieren lässt und dann trotzdem über den digitalen Weg einkauft. Wem hier die Verzahnung gelingt, der wird Erfolg haben.

- Große Pleiten setzen Tausende Arbeitsplätze frei und bei fast allen Großen wie Bosch, Bayer, Siemens, SAP, Autoherstellern heißt es sparen, also Stellen streichen. Auf der anderen Seite ist großes Stöhnen über Fachkräftemangel zu hören. Haben Arbeitgeber Scheuklappen auf?

Jánszky: Auch Arbeitgeber sind nicht davor gefeit, die Zeichen der Zeit falsch zu deuten. Sie schauen manchmal zu sehr auf die aktuellen Zahlen und kündigen aus Sparzwängen. Das ist aus Sicht eines Trendforschers selten nachvollziehbar. Allein der Blick in die Statistik der Bundesagentur für Arbeit genügt, um zu sehen, dass in wenigen Jahren so wenig Menschen als Arbeitskräfte zur Verfügung stehen, dass ein Kampf um Mitarbeiter herrschen wird. Für diesen Fall müsste man heute schon Vorsorge treffen. Aber das ist natürlich schwierig, wenn die Bilanzen negativ ausfallen.

Sie prophezeien, dass 2025 bis zu 6,5 Millionen Arbeitskräfte fehlen. Von Arbeitnehmern wird heute Flexibilität verlangt, der Staat hilft mit Umschulungs-, Eingliederungs- und Anwerbeprogrammen. Muss nicht auch der Arbeitgeber sich schon heute bewegen und eigene Modelle entwickeln, um Arbeitskräfte zu rekrutieren?

Jánszky: Stellenausschreibungen werden in der Zukunft ganz anders aussehen. Ein Jobprofil zu entwerfen und genau dafür passgenau einen Mitarbeiter zu finden, das wird Geschichte sein. Arbeitgeber müssen die nehmen, die da sind. Das hat zur Konsequenz, dass sie sehr intensiv in Aus- und Weiterbildung investieren müssen. Und selbst das wird nicht reichen. Sie müssen die Strukturen in ihren Unternehmen so flexibilisieren, dass zwischen einzelnen Tätigkeiten oder Abteilungen ganz schnell hin- und hergeswitcht werden kann. Dahinter steckt der Begriff ,,fluides Unternehmen". Gemeint ist, dass innerhalb der Unternehmen die Zeit der starren Abteilungen und Aufgabenteilungen passé ist. Es müssen fließende Firmenkonstrukte entstehen.

Dann wird es also Arbeit für alle geben?

Jánszky: Ja, zumindest für alle, die halbwegs gut ausgebildet sind.

Deutschland hat die Wirtschafts- und Finanzkrisen vor allem überstanden, weil auch hier noch produziert wird, doch der Industriestandort Deutschland wankt. Ist er noch zu retten oder entwickelt er sich zu einem Friedhof der deutschen Wirtschaft?

Jánszky: Das lässt sich pauschal so nicht sagen. Zu einem Friedhof wird er sich wohl nicht entwickeln. Das produzierende Gewerbe, das viel ,,Handarbeit" einsetzt, wird noch stärker ins Ausland abwandern. Und selbst in Asien wechseln die Produktionsstandorte von einem Billiglohnland zum nächsten. Irgendwann vielleicht auch nach Nord"afrika. Auf der anderen Seite ist eine gewisse Rettung in Sicht, nämlich dann, wenn wir es schaffen, die Menschen so auszubilden, dass sie in der Masse hochqualifiziert sind und höherwertige Arbeiten ausführen können. Der Publizist Professor Gunter Dueck geht sogar so weit zu fordern, dass jeder Mensch in Deutschland studieren sollte. Denn für Hochqualifizierte wird es immer Arbeit geben.

Wenn Hightech und Assis"tenzsysteme immer mehr Aufgaben übernehmen, werden dann nicht auch Sekretärinnen oder sogar Manager arbeitslos?

Jánszky: Ja, natürlich. Zumindest diejenigen, die einfache Aufgaben haben wie Zuarbeiten, Kalender führen, Konferenzen organisieren. Obwohl ein heutiger Sekretariatsarbeitsplatz schon völlig anders aussieht als vor 20 Jahren. Auch einfache Berater, Makler oder andere Experten werden überflüssig, weil Kollege Computer, das alles sehr viel schneller und sogar umfassender erledigen kann. Die Konkurrenz der elektronischen Systeme ist uneinholbar, weil sie viel mehr Wissen aufnehmen und zusammenfügen können. Nur wer mit komplexen Fakten und Informationen umgehen und Ideen liefern kann, wird gewinnen.

Arbeiten auch im Rentenalter ist eine weitere Trendvoraussage. Eine kürzlich veröffentlichte Umfrage zeigt, dass 87 Prozent der Bundesbürger sich wünschen, vor 65 in Rente zu gehen. Wird hier die Rechnung ohne den Wirt gemacht?

Jánszky: Die Menschen unserer heutigen Gesellschaft können sich noch nicht vorstellen, wie lange sie selbst leben werden. Dadurch werden die falschen Schlüsse gezogen, nicht nur in der Politik und der Wirtschaft, sondern auch in der Gesellschaft. Die Lebenserwartung steigt schon lange sehr, sehr konstant Jahr für Jahr um ein Vierteljahr, so dass wir es 2025 mit einer Lebenserwartung von knapp 90 Jahren zu tun haben. Die Frage, was machen wir zwischen 65 und 90, die haben wir alle noch nicht im Kopf. Das wird sich ändern, sogar ziemlich schnell, wenn wir sehen, dass 90 oder 100 Jahre alt zu werden, keine Besonderheit mehr ist. Und dann kommt die Frage auf: Machen wir dann 25 Jahre nur Urlaub, lesen, heimwerken und bas"teln? Das wird vielen schnell langweilig werden. So wird Schritt für Schritt ein Bewusstsein dafür einsetzen, dass wir nicht nur länger arbeiten müssen -- wer soll das alles sonst finanzieren -- sondern auch wollen. Schließlich ziehen wir einen großen Teil des Selbstwertgefühls aus dem gebraucht und gefragt werden.

Wenn der Mensch immer älter wird und zudem dank medizinischen Fortschritts länger fit und arbeitswillig bleibt, sind dann nicht auch Gewerkschafter gefordert, andere Felder wie Renteneintrittsalter und Tariflohn zu besetzen?

Jánszky: Auf jeden Fall. Die Rolle der Gewerkschaften betrachte ich mit einem weinenden Auge. Denn in der Historie sind die Gewerkschaften über Jahrhunderte hinweg die Progressiven, die zukunftsgewandten Institutionen gewesen. Doch inzwischen sind sie zu trägen Verwaltern vom Status quo geworden, sie hängen an Beharrungstendenzen. Aber die Welt verändert sich und damit auch die Arbeit, und das haben die Arbeitnehmervertreter noch nicht verinnerlicht. Dabei gibt es zahlreiche Felder, auf denen eine Interessenvertretung auch in Zukunft großen Sinn macht.

Selbstlenkende Autos, vo"rausdenkende Handys, interaktive Tapeten
- das klingt faszinierend, aber auch teuer. Wird das Leben in der Google-Welt die Kluft zwischen Arm und Reich vergrößern?

Jánszky: Nein, das glaube ich nicht. Dass neue Technologie in die Gesellschaft kommt, ist nicht neu. Das kennen wir seit Jahrhunderten. Ob Auto, Farbfernseher, Computer oder Handy -- alles war am Anfang teuer. Aber die Hersteller haben immer den Massenmarkt im Visier und die Absicht, möglichst schnell in eine Massenproduktion zu kommen. Und sie wissen genau, dass die Preise dafür so stark sinken müssen, dass sie für viele attraktiv sind.

Birgt die Individualisierung nicht auch Gefahren wie Verdummung und Kritikunfähigkeit?

Jánszky: Natürlich sorgt diese zunehmende ,,Intelligenz der Technik" dafür, dass wir dieser Technik mehr und mehr vertrauen oder sogar blind vertrauen, Navis zum Beispiel vielleicht sogar mehr vertrauen, als dem Beifahrer. Das führt sicherlich dazu, dass wir gewisse Fähigkeiten verlernen. Genau das ist die Konsequenz, die noch nicht genügend berücksichtigt wird. Die Kompetenz, um diese Systeme souverän, also selbstbestimmt, zu nutzen, die muss ebenfalls vermittelt werden. Wobei wir es auch hier nicht mit ganz neuen Phänomenen zu tun haben. Denn schon heute gibt es Menschen, die sich gedanken- und kritiklos von TV-Programmen und Werbung berieseln lassen.

Das Gespräch führte Dietlinde Terjung

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Pressekontakt: Landeszeitung Lüneburg Werner Kolbe Telefon: +49 (04131) 740-282 werner.kolbe@landeszeitung.de

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