KI greift das Geschäftsmodell der Softwarehäuser an

Der Februar 2026 könnte als Wendepunkt in die Wirtschaftsgeschichte eingehen. Zwei Jahrzehnte lang galt Software als perfekte Anlageklasse: geringe Kapitalbindung, hohe Skalierbarkeit, starke Margen, planbare Lizenz-Erlöse. Ein Traum für Investoren. Doch der Nimbus bröckelt. Im Februar kam es zu einem massiven Ausverkauf im Software-Sektor.
Unternehmen bauen sich ihre Lösungen zunehmend selbst - per Sprachbefehl. "Vibe Coding" heißt das Zauberwort. Software entsteht nicht mehr Zeile für Zeile, sondern aus einer klar formulierten Zielvorgabe. Wer seinen CRM-Prozess beschreiben kann, lässt ihn generieren. Das standardisierte Produkt verliert an Relevanz. Die Eintrittsbarrieren zur Eigenentwicklung sinken drastisch. Die Wissensasymmetrie, auf der viele Geschäftsmodelle beruhen, schmilzt dahin.
Der besondere Wert vieler Software-Häuser lag darin, komplexe Abläufe in elegante Oberflächen zu verpacken. Finanzdatenbanken, Workflow-Tools, Marketing-Dashboards - sie strukturierten Daten und machten sie nutzbar. Doch autonome KI-Agenten recherchieren, analysieren und programmieren selbst. Wenn ein Team erkennt, dass sein 18.000-Euro-Dashboard vor allem Zahlen farbig visualisiert, während ein eigener KI-Agent weitergeht, indem er Datenquellen verknüpft, Hypothesen testet und Budgets optimiert, gerät das Preisschild unter Druck. Die Oberfläche allein trägt kein Geschäftsmodell mehr.
Das Ende der Lizenz-Logik
Besonders heikel ist das "Seat-Based Pricing". Jahrzehntelang wuchs der Umsatz mit jedem neuen Mitarbeiter des Kunden. Mehr Köpfe, mehr Lizenzen. Wenn aber nun KI-Agenten die Produktivität vervielfachen, wächst der Personalbestand nicht mehr mit. Im Extremfall schrumpft er. Weniger Seats, weniger Umsatzdynamik.
Die Börse reagierte prompt. Kapital floss aus dem scheinbar unendlichen Angebot an Software-Code in das begrenzte Angebot von Chips, Energie und Infrastruktur. Bewertungen klassischer Softwarehäuser gerieten relativ zu Halbleitern massiv unter Druck.
Probabilistisch versus deterministisch
Doch Märkte übertreiben. Kritische Systeme ersetzt niemand über Nacht durch selbst gebaute Agenten. Compliance, Haftung und Sicherheit setzen Grenzen. Ein Flugzeughersteller akzeptiert kein System, das "meistens" richtig liegt.
Hier verläuft die neue Trennlinie: zwischen probabilistischen und deterministischen Systemen. KI-Modelle arbeiten mit Wahrscheinlichkeiten. Gleicher Input kann unterschiedliche, plausible Outputs liefern. Für Marketing, Vertrieb oder Projektmanagement ist das oft ausreichend. Geschwindigkeit schlägt hier Perfektion.
In der Buchhaltung oder im Kernbankensystem sieht das anders aus. Dort zählt Reproduzierbarkeit. Gleicher Input muss zwingend denselben Output erzeugen - Ohne Interpretationsspielraum. Diese deterministischen Systeme werden nicht entwertet. Im Gegenteil: Ihr Wert steigt, je mehr Unsicherheit rundherum entsteht.
Was heißt das für Anleger?
"Software" ist keine homogene Anlageklasse mehr. Wer pauschal kauft, kauft auch das Risiko struktureller Obsoleszenz. Geschäftsmodelle, die primär auf Oberfläche, Bequemlichkeit und Lizenzzählung beruhen, stehen unter Druck. Anbieter mit tief integrierten, regulatorisch verankerten, deterministischen Systemen besitzen dagegen Preissetzungsmacht und hohe Wechselkosten. Vielleicht markiert der Februar 2026 nicht das Ende der Software-Ära. Aber er zwingt zur Differenzierung.
von Tobias Wagner, KSW Vermögensverwaltung AG, Nürnberg
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