Skalierung neu gedacht

Ethereum in der Strategiedebatte: Vitalik Buterin rüttelt am Layer-2-Kurs

26.02.26 23:30 Uhr

Ethereum vor Kurswechsel? Buterin stellt Layer-2-Modell infrage | finanzen.net

Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin stellt die Rolle von Layer-2-Netzwerken infrage. Die rollup-zentrierte Skalierung hält er in ihrer Ausrichtung für nicht mehr zeitgemäß.

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• Vitalik Buterin erklärte am 3. Februar 2026, die rollup-zentrierte Skalierungsstrategie ergebe keinen Sinn mehr
• Der Fortschritt vieler Layer-2-Netzwerke verlief laut Buterin deutlich langsamer als erwartet
• Ethereum skaliert zunehmend auf Layer 1 mit historisch niedrigen Gebühren und geplanten Gaslimit-Erhöhungen

Das Ende des "Branded Sharding"

Ethereum verfolgte über Jahre eine klare Skalierungsstrategie: Das Mainnet sollte schlank bleiben, während Layer-2-Netzwerke den Großteil der Transaktionen übernehmen. Rollups galten dabei als eine Art ausgelagerte Erweiterung von Ethereum, die dessen Sicherheitsgarantien erben sollten. Dieses Modell, oft als "Branded Sharding" bezeichnet, stellte Ethereum-Mitgründer Vitalik Buterin am 3. Februar 2026 in einem ausführlichen Beitrag auf der Plattform X öffentlich infrage.

Die ursprüngliche Vision, Layer-2-Netzwerke als zentrale Skalierungslösung zu positionieren, ergebe so keinen Sinn mehr, erklärte Buterin. Wie aus seinem Beitrag hervorgeht, nennt er dafür zwei zentrale Gründe: Erstens sei der Fortschritt vieler Layer-2-Netzwerke in Richtung vollständiger Dezentralisierung deutlich langsamer und schwieriger verlaufen als erwartet. Einige Betreiber hätten sogar bewusst entschieden, nicht über frühe Dezentralisierungsstufen hinauszugehen, teils aus regulatorischen Gründen. Zweitens skaliere Ethereum selbst zunehmend auf Layer 1. Die Transaktionsgebühren auf dem Mainnet befinden sich auf historisch niedrigem Niveau, und für 2026 sind deutliche Erhöhungen des Gaslimits geplant. Das ursprüngliche Kostenargument zugunsten von Layer-2-Lösungen verliert damit an Gewicht.

Besonders deutlich formulierte Buterin seine Kritik an Netzwerken, die zwar hohe Transaktionszahlen liefern, deren Verbindung zu Ethereum aber über sogenannte Multisig-Bridges läuft. Wer ein EVM mit 10.000 Transaktionen pro Sekunde aufbaue, dessen Anbindung an Layer 1 jedoch über eine Multisig-Bridge vermittelt werde, skaliere nicht Ethereum, schrieb er sinngemäß. Echte Ethereum-Skalierung bedeute die Schaffung von Blockspace, der durch die volle Glaubwürdigkeit des Ethereum-Netzwerks abgesichert sei, einschließlich Garantien für Transaktionsvalidität, Zensurresistenz und Finalität.

Nutzer kehren auf Layer 1 zurück

Die Zahlen untermauern Buterins Argumentation. Laut Daten der Analyseplattform Token Terminal, auf die sich ein Bericht von BeInCrypto bezieht, sind die monatlich aktiven Adressen auf Layer-2-Netzwerken von rund 58,4 Millionen Mitte 2025 auf etwa 30 Millionen Anfang Februar 2026 gesunken. Gleichzeitig haben sich die aktiven Adressen auf dem Ethereum-Mainnet im selben Zeitraum von rund 7 Millionen auf etwa 15 Millionen mehr als verdoppelt.

Diese gegenläufige Entwicklung deutet darauf hin, dass Nutzer verstärkt auf die Basisschicht zurückkehren, sobald dort niedrige Gebühren und volle Sicherheitsgarantien gleichzeitig verfügbar sind. Auch die Token-Kurse vieler Layer-2-Projekte spiegelten die wachsende Unsicherheit wider. Führende Layer-2-Token verzeichneten allein im Januar 2026 Rückgänge zwischen 15 und 30 Prozent.

Native Rollups und die Neuordnung des Ökosystems

Statt Layer-2-Netzwerke gänzlich abzuschreiben, skizziert Buterin in seinem Beitrag eine neue Rollenverteilung. Rollups sollen sich nicht länger primär über Skalierung definieren, sondern über spezialisierte Mehrwerte: Datenschutzfunktionen, anwendungsspezifische Designs, besonders schnelle Transaktionsbestätigungen oder nicht-finanzielle Anwendungsfälle. Zugleich sollen sie transparent kommunizieren, welche Sicherheitsgarantien sie tatsächlich bieten.

Als technischen Lösungsansatz bringt Buterin die Idee eines sogenannten "Native Rollup Precompile" ins Spiel. Damit würde Ethereum direkt im eigenen Protokoll die Fähigkeit erhalten, sogenannte Zero-Knowledge-EVM-Beweise zu verifizieren, also kryptografische Nachweise, die belegen, dass Transaktionen auf einem Rollup korrekt ausgeführt wurden, ohne dass jede einzelne Transaktion erneut geprüft werden muss. Diese Verifikation würde automatisch mit Protokoll-Upgrades aktualisiert und im Fehlerfall per Hard Fork korrigiert. Die Abhängigkeit vieler heutiger Rollups von zentralen Sicherheitsgremien, sogenannten Security Councils, würde dadurch entfallen. Ergänzend dazu hat Buterin bereits im Januar 2026 auf der Ethereum-Forschungsplattform ethresear.ch einen Vorschlag veröffentlicht, der sogenannte Based Rollups mit Preconfirmations kombiniert, um schnelle Transaktionsbestätigungen bei gleichzeitiger enger Anbindung an das Mainnet zu ermöglichen.

Die Reaktionen aus dem Ökosystem fielen gemischt, aber überwiegend konstruktiv aus. Wie aus einem Bericht von CoinDesk hervorgeht, begrüßten führende Layer-2-Akteure die Klarstellung. Base-Leiter Jesse Pollak bezeichnete die Skalierung von Ethereum als Gewinn für das gesamte Ökosystem, betonte aber zugleich, dass Rollups ihren eigenständigen Mehrwert beweisen müssten. Polygon-CEO Marc Boiron erklärte, Buterins Aussage sei keine Absage an Rollups, sondern eine Anhebung der Erwartungen. Jing Wang, Mitgründer der Optimism Foundation, ging noch weiter und verglich Layer-2-Netzwerke mit eigenständigen Websites, die Ethereum lediglich als offenen Abwicklungsstandard nutzen. Insgesamt scheint sich die Branche einig, dass Buterins Neuausrichtung weniger eine Bedrohung als vielmehr einen notwendigen Reifeprozess darstellt, der Rollups dazu zwingt, ihre Positionierung neu zu definieren.

D. Maier / Redaktion finanzen.net

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