Fortschrittlich

Warum Estland den digitalen Thron erklimmt

19.01.26 03:38 Uhr

Estlands Erfolgsrezept: Der steinige Weg zum globalen Digital-Pionier | finanzen.net

Ein kleines Land im Baltikum mischt die Welt der Digitalisierung auf. Estland hat in den vergangenen drei Jahrzehnten einen technologischen Vorsprung aufgebaut, der selbst große Industrienationen ins Grübeln bringt.

Neustart mit Wagemut

Als Estland 1991 seine Unabhängigkeit wiedererlangte, war die Ausgangslage denkbar bescheiden. Die Infrastruktur stammte aus sowjetischen Zeiten, moderne Kommunikationsnetze existierten praktisch nicht. Doch statt den Rückstand mühsam Schritt für Schritt aufzuholen, entschied sich die junge Republik für einen radikalen Weg nach vorn. Schon 1996 ging das Programm "Tiger Leap" an den Start, das Schulen landesweit mit Computern und Internet ausstattete. Laut educationestonia.org waren im Jahr 2000 bereits alle Schulen mit Computern ausgestattet und im darauffolgenden Jahr verfügten sie über Internetzugang.

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Das Rückgrat der Verwaltung

Heute gilt X-Road als das Herzstück der estnischen Digitalstrategie. Das System vernetzt öffentliche und private Datenbanken so, dass Informationen sicher und in Echtzeit ausgetauscht werden können. Die e-ID-Karte, Pflicht für alle Bürger, dient als Schlüssel zu dieser Welt. Sie ersetzt Ausweise, ermöglicht digitale Unterschriften und macht es möglich, Steuererklärungen in weniger als fünf Minuten zu erledigen, so laut Estlands Angaben. Das "Once-only-Prinzip" sorgt dafür, dass einmal hinterlegte Daten nicht mehrfach eingereicht werden müssen - ein Konzept, das den Verwaltungsalltag spürbar verschlankt.

Alltag im Netz

Wer in Estland ein Unternehmen gründet, ein Rezept einlöst oder einen neuen Pass beantragt, erledigt das in der Regel online. Auch sensiblere Vorgänge wie eine Scheidung lassen sich digital anstoßen. Die Digitalisierung hat den Behördenapparat schlanker gemacht und der Bevölkerung Zeit und Wege erspart. Bürokratie wirkt hier nicht wie ein Hemmschuh, sondern wie ein Service.

Demokratie aus der Ferne

Auch in der Politik ist der digitale Weg längst Alltag. Seit 2005 können Estinnen und Esten ihre Stimme bei Wahlen online abgeben. Etwa ein Drittel macht davon Gebrauch. Die Technik gilt als sicher, die Beteiligung hoch. 2014 ging das Land einen weiteren Schritt: Mit dem E-Residency-Programm können Menschen aus aller Welt eine digitale Identität beantragen und in Estland Geschäfte betreiben. Mehr als 120.000 E-Residenten aus über 185 Ländern haben inzwischen rund 33.000 Unternehmen gegründet, berichtet baltictimes.com.

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Glasfaser als Fundament

Die Grundlagen dafür wurden nicht dem Zufall überlassen. 2009 startete Estland mit EstWin ein ehrgeiziges Projekt: Glasfaserkabel sollten bis in den letzten Winkel des Landes reichen. Bis 2015 war der Ausbau so weit abgeschlossen, dass selbst abgelegene Dörfer schnelles Internet bekamen. Auf diesem Fundament wuchs ein Start-up-Ökosystem, das in Europa seinesgleichen sucht. Namen wie Skype, Wise oder Bolt haben ihren Ursprung in Tallinn und Tartu. Die Politik unterstützt Gründer mit schlanken Verfahren und offenen Technologien.

Sicherheit als Staatsaufgabe

Ein massiver Cyberangriff im Jahr 2007 war für Estland ein Weckruf. Seither investiert das Land kontinuierlich in den Schutz seiner digitalen Infrastruktur. In Tallinn hat die NATO ihr Zentrum für Cyberabwehr eingerichtet. Für die Sicherung sensibler Daten kommt eine Blockchain-Technologie namens KSI zum Einsatz, die Manipulationen praktisch ausschließt. Außerdem betreibt Estland sogenannte Data Embassies - ausgelagerte Datenzentren im Ausland, die im Krisenfall den Betrieb der Verwaltung gewährleisten.

Redaktion finanzen.net

Bildquellen: Peera_stockfoto / Shutterstock.com

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