Lachen, um nicht zu verzweifeln

29.01.26 10:40 Uhr

Ein uniformierter Mann rennt auf mehrere Menschen zu, rutscht mitten auf der Straße auf einer glatten Eisfläche aus und fällt der Länge nach auf den Rücken. Ein Kameramann nimmt die Szene auf, im Hintergrund jubeln Menschen. Irgendwer ruft: „Meine Steuergelder finanzieren das!“ Videos des Vorfalls kursieren seit Wochen auf Social Media und zeigen immer neue Zusammenschnitte, unterlegt mit dramatischer oder lustiger Hintergrundmusik. Betitelt sind die Videos mit dem trendigen Hashtag #iceonice – also „ICE auf Eis“. Ausgerechnet ICE rutscht aus. Wortwörtlich.Das Video ist lustig. Die Realität dahinter nicht: ICE, die US-amerikanische Einwanderungsbehörde, zu der auch der Mann in dem Video gehört, steht seit Monaten wegen immer extremerer Methoden bei der Festnahme angeblicher illegaler Migranten und wegen teilweise gewalttätiger Einsätze in mehreren amerikanischen Städten heftig in der Kritik. Erst letzte Woche entführten ICE-Beamte einen fünfjährigen Jungen aus Minnesota nach Texas, nachdem sie zuvor noch versucht hatten, ihn als Köder zu nutzen, um weitere Familienmitglieder aus dem Haus zu locken. Die Regierung behauptet, die Eltern des Kindes seien illegal eingereist – eine Darstellung, die der Anwalt der Familie widerlegte. Der fünfjährige Liam ist damit eines von 3 800 Kindern, die momentan in ICE-Gewahrsam gehalten werden – in den meisten Fällen ohne rechtliche Vertretung, ohne Kontakt zu ihren Eltern.Nachdem Anfang Januar ein ICE-Agent die 37-jährige Mutter Renée Good in ihrem Auto erschossen hatte, versammelten sich in ganz Amerika Tausende von Menschen, um gegen ICE zu protestieren. Allein in Minnesota gingen rund 50 000 Menschen bei -25 Grad Celsius auf die Straße. Bei einem dieser Proteste wurde letzte Woche nun erneut ein 37-jähriger Intensivkrankenpfleger – Alex Jeffrey Pretti – erschossen. Die Begründung: Er habe die Beamten bedroht und sie hätten um ihr Leben fürchten müssen. Videos zeigen, dass Pretti von mindestens sechs Männern auf den Boden gerungen und festgehalten wurde. Erst dann fielen Schüsse.Es ist kaum noch möglich, mit der Anzahl negativer Nachrichten wie diesen Schritt zu halten. Besonders in den sozialen Medien ist die Nachrichtenfülle nicht zu überblicken. Und doch finden sich dort nicht nur Wut und Empörung – durchaus angebracht. Stattdessen stechen vor allem die Memes hervor.In einer Zeit, in der die GenZ jederzeit mit schlechten Nachrichten aus aller Welt konfrontiert ist, sind Memes ein Weg, mit dieser Überwältigung umzugehen.Memes sind ein Online-Phänomen, meist eine Kombination aus Text und Bild oder einem kurzen Video und fast immer mit einem witzigen oder satirischen Unterton. Als kulturelle Insider-Witze, besonders der Generation Z, kurz GenZ, verbreiten sich Memes rasant im Internet – so wie auch die #iceonice-Videos. Man könnte schnell meinen, es handele sich bei Memes lediglich um unpolitische Unterhaltung, um einen fraglichen Realitätsverlust oder die zynische Distanzierung vom Weltgeschehen. Sie sind aber sehr viel mehr. In Zeiten der Informationsüberladung auf Social Media, sind Memes eine schnelle Art der politischen Auseinandersetzung und Kommunikation: Was ist in der Welt passiert und was denken andere Menschen, besonders in meinem Alter, darüber?Und besonders wichtig: In einer Zeit, in der GenZ jederzeit mit schlechten Nachrichten aus aller Welt konfrontiert ist, sind Memes ein Weg, mit dieser Überwältigung umzugehen. Sie sind eine Überlebensstrategie.Schließlich ist GenZ die erste Generation, die mit einem permanenten Nachrichtenstrom aufgewachsen ist. Das Smartphone in der Tasche spuckt konstant neue Benachrichtigungen aus: ein neuer Krieg, eine Hungersnot, Polizeigewalt. Jede einzelne Nachricht für sich genommen ist bereits überwältigend. Zusammengenommen sind sie jedoch unerträglich. Und trotzdem kann man sie nicht ignorieren. Denn für die meisten ist das Smartphone nicht nur Nachrichtenquelle, sondern eben auch Kommunikationsmittel, Unterhaltung, soziale Lebensader. Man kann sich nicht einfach ausklinken. Genauso wenig kann man aber konstant mitfühlen. Psychologen sprechen dabei von „compassion fatigue“, also Mitgefühlsmüdigkeit. Wenn das Leid zu groß und zu überwältigend wird, schaltet das Gehirn ab. Nicht aus Gleichgültigkeit, sondern aus Selbstschutz. Und genau da setzen Memes an: Sie sind eine Möglichkeit, das Unerträgliche erträglich zu machen, ohne es zu verdrängen. Einmal über die Situation lachen – und für einen kurzen Moment fühlt man sich nicht nur ohnmächtig.Man kann sogar noch weiter gehen: Durch die Kreation von Memes betreibt die GenZ zum Teil digitalen politischen Aktivismus. Memes machen Themen sichtbar durch Millionen geteilte Bilder und Videos und erreichen auch Menschen, die sich nicht mit Politik auseinandersetzen wollen. Sie können die Filterblase der ohnehin schon Informierten durchbrechen, indem sie die politische Realität in eine Sprache übersetzen, die das Internet versteht. Und besonders unter Trump, der Politik zur Entertainment-Show erklärt hat, in der Emotionen wichtiger sind als Fakten, spielt die GenZ damit nach ihren eigenen Regeln. Wenn die Mächtigen Politik zur Show machen, dann wird eben auch Widerstand zum Entertainment. Über Macht wird sich lustig gemacht.Wer kontrolliert, worüber geredet wird, kontrolliert auch, wie über etwas gesprochen wird, und bestimmt damit die Deutung der Realität.Dabei wird nicht behauptet, ein paar Videos und Likes würden reichen, um die Welt zu verändern. Vielmehr zeigen sie, dass der digitale Raum ein neues politisches Terrain ist. Während Öffentlichkeit früher auf Marktplätzen stattfand, findet sie sich heute im Netz. Wer dort Narrative kontrolliert und Aufmerksamkeit lenken kann, macht Politik. Auch deswegen sind Menschen wie Trump online so erfolgreich – gleichzeitig aber eben auch der Widerstand gegen Trump. Schließlich war Politik schon immer eine Frage von Erzählungen: Wer kontrolliert, worüber geredet wird, kontrolliert auch, wie über etwas gesprochen wird, und bestimmt damit die Deutung der Realität. Im Kampf um die Deutungshoheit ist die Sichtbarkeit bestimmter Themen daher besonders wichtig. Und genau da wird es interessant: Ein virales Video erreicht Millionen von Menschen in wenigen Stunden und über Ländergrenzen hinweg – und zwar ohne dabei an offizielle Kommunikationskanäle und vorgegebene Meinungen gebunden zu sein. Und plötzlich reden Leute über Nachrichten, mit denen sie sich sonst nie auseinandergesetzt hätten.Allerdings hat eine Generation, die mit Dauerkrise aufgewachsen ist, auch gelernt, dass Empörung und Frustration allein zermürben. Klimawandel, Pandemie, Rechtsruck, Krieg in der Ukraine, in Gaza, im Sudan, Massaker im Iran …  alles gleichzeitig, alles permanent, immer sichtbar auf dem Smartphone. Niemand kann 24/7 mit allen Nachrichten aus der ganzen Welt umgehen, ohne Schaden zu nehmen, und doch gibt es online kein Entkommen. Also werden Strategien entwickelt. Memes sind inzwischen genau das: der Versuch, das Unverarbeitbare zu verarbeiten.Wenn die USA unter Trump also völkerrechtswidrig in Venezuela einfallen und Maduro entführen, dauert es keinen Tag, bis auf Instagram die Memes dazu viral gehen. Genauso verbreiten sich Videos von fallenden ICE-Agenten, unterlegt mit humoristischer Musik, wie ein Lauffeuer. Das ist keine Ablenkung vom Problem. Vielmehr ist es eine Möglichkeit, sich mit dem Problem auseinanderzusetzen, ohne daran kaputtzugehen. Lachen, um nicht zu verzweifeln – eine psychologisch relevante Strategie: Humor spielt nun einmal eine wichtige Rolle, um mit Wut, Angst und Unruhe umzugehen.Zurück zu #iceonice und Männern, die ausrutschen: Die Millionen Menschen, die solche Bilder und Videos teilen, wissen genau, was ICE tut. Sie wissen von den verängstigten Kindern, von der Gewalt, von den Toten. Und doch ist das der Hintergrund, vor dem online gelacht wird. Vielleicht braucht es gerade im Angesicht der politischen Verzweiflung die Lächerlichkeit. Oder – wie in dem Video – den Moment, in dem der Mächtige fällt.Weiter zum vollständigen Artikel bei IPG Journal

Quelle: IPG Journal