02.07.2022 23:24

Aktienanlage in der Zeitenwende: Nicht nur Risiken - auch Chancen

Euro am Sonntag-Standpunkt: Aktienanlage in der Zeitenwende: Nicht nur Risiken - auch Chancen | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Standpunkt
Folgen
Hohe Inflation, steigende Zinsen und geopolitische Risiken sowie Wachstumssorgen setzen die Aktienmärkte unter Druck. Auch wenn die Volatilität gestiegen ist, bieten die niedrigeren Bewertungen trotz aller Risiken auch Chancen.
Werbung
€uro am Sonntag

von Benjardin Gärtner, Gastautor von Euro am Sonntag

Das Kapitalmarktumfeld ist von großer Unsicherheit geprägt. Die Diagnose indes ist weitgehend klar: Wir befinden uns in einer Zeitenwende. Als Folge der Corona-Pandemie und der eskalierten geopolitischen Spannungen ist es zu Trendverstärkungen, Trendbrüchen und dem Neubeginn von Trends gekommen. Das hinterlässt naturgemäß an den Aktienmärkten Spuren. Wohin die Reise geht, und wo sich neue Gleichgewichte finden lassen, ist dabei noch nicht völlig klar.

Aktuell dominieren Wachstums- und Inflationssorgen. Zugleich besteht Unsicherheit, ob die Notenbanken, die sich entschieden haben, der Inflation durch Zinserhöhungen die Stirn zu bieten, angesichts der vielfältigen bestehenden Risiken für das Wachstum über das Ziel hinausschießen. Unsere Volkswirte erwarten jedoch, dass die Inflation bald in einen leichten Sinkflug übergeht und es den Notenbanken damit erleichtert wird, eine "weiche Landung" zu schaffen, ohne den laufenden Konjunkturzyklus abzuwürgen.

Daher bietet die aktuelle Marktphase abgesehen von Risiken auch Chancen -doch sind Geduld und Umsicht gefragt. Die Gewinnerwartungen sind zwar gesunken, lassen aber weiter ein stabiles Wachstum erwarten. Die Anspannungen in den Lieferketten bestehen in einigen Weltregionen zwar weiter, dürften sich aber nach Einschätzung unserer Experten zunehmend auflösen. Kommt es aber nicht zu einem kompletten Lieferstopp von russischem Erdgas, dürfte nicht nur die US-Wirtschaft, sondern auch die Wirtschaft in Europa weiterhin wachsen. Anleger sollten dabei für ihre Anlagestrategie einige Punkte beherzigen:

Wachstumswerte, also Growth-Aktien, haben sich in der vergangenen Dekade überdurchschnittlich entwickelt, weil ihre Bewertung vom Zinsrückgang getrieben war. Da Wachstumsunternehmen einen Großteil ihrer Gewinne erst in weit entfernter Zukunft erwirtschaften, schlagen sich steigende Zinsen bei ihnen besonders stark auf die Bewertung nieder. Weniger betroffen sind Unternehmen von steigenden Zinsen, die ihre Gewinne absehbar vor allem in den kommenden Jahren erwirtschaften, wie Einzelhandels- oder Energieunternehmen. Die von den US-Investoren Benjamin Graham und David Dodd geprägte Anlagestrategie, die auf fundamental günstig bewertete Aktien setzt, erhält vor diesem Hintergrund ihre Attraktivität zurück. Wir erwarten, dass Value-Aktien künftig in der Wertentwicklung gegenüber Wachstumsaktien ihren Rückstand etwas aufholen können.

Der S & P 500 Index wie auch der DAX sind günstig bewertet

Die Zeit der Wachstumsaktien ist aber nicht grundsätzlich vorbei, nur verschieben sich die Schwerpunkte. Die Gewinndynamik im Techsektor hat ihren Höhepunkt überschritten - dieser Trend wird derzeit zusätzlich verstärkt durch Konsum- und Investitionsentscheidungen sowie durch einen zunehmenden Wettbewerbsdruck und mehr Regulierung. Andererseits werden immer mehr Branchen von der Digitalisierung und Automatisierung erfasst, wie der Industrie- oder Gesundheitssektor. Hier entstehen neue Wachstumsfelder.

Qualität punktet: Hochfliegende Trendaktien haben in den vergangenen Monaten markant an Wert verloren. Dagegen sind Unternehmen, die über starke globale Marktstellung, loyale Kundenbeziehungen und gute Preissetzungsmacht verfügen, vor dem Hintergrund einer strukturell erhöhten Inflation eine interessante Anlage. Viele qualitativ solide und innovative Unternehmen können Preissteigerungen an die Abnehmer ihrer Produkte oder Dienstleistungen weitergeben und so ihre Margen auch in einem Umfeld steigender Kosten schützen.

Teilweise waren große Investoren in den vergangenen Monaten gezwungen, Risiken abzubauen, und haben Aktienbestände reduziert. Dies hat die Bewertungen gedrückt. US-Standardwerte werden gemessen am S & P 500 Index derzeit mit dem rund 18-fachen Gewinn bewertet, der deutsche Leitindex DAX 40 sogar mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 11. Beides sind im historischen Mittel eher niedrige Werte. Mit einem aktiven, fundamental getriebenen Anlageansatz und striktem Augenmerk auf Bewertungsdisziplin sollten sich daraus vielversprechende Gelegenheiten ergeben.

Angesichts der Risiken für die Anlageklasse Aktien und auch neuen Chancen ist eine aktive Auswahl und enge Verfolgung des Marktgeschehens entscheidend, um - wenn nötig - rasch eingreifen zu können. Anleger sollten ihre Renditeerwartungen niedrig halten und sich auf eine weiter erhöhte Schwankungsintensität einstellen.

Benjardin Gärtner
Leiter Portfoliomanagement Aktien bei Union Investment

Gärtner ist Mitglied des Union Investment Committee, das auf monatlicher Basis die Kapitalmarktstrategie von Union Investment formuliert. Union Investment ist die Fondsgesellschaft der Volks- und Raiffeisenbanken und mit aktuell rund 370 Milliarden Euro verwaltetem Vermögen einer der größten deutschen Vermögensverwalter für private und institutionelle Anleger.











______________________________________
Bildquellen: Union Investment, peterschreiber.media / shutterstock.com
Werbung
Werbung
Werbung
Neue Funktionen als Erstes nutzen
Sie nutzen finanzen.net regelmäßig? Dann nutzen Sie jetzt neue Funktionen als Erstes!
Hier informieren!
Werbung
Börse Stuttgart Anlegerclub
Werbung

Heute im Fokus

DAX geht fester ins Wochenende -- US-Börsen schließen in der Gewinnzone -- BaFin beklagt Mängel bei Deutsche Börse-Tochter -- freenet mit starkem Halbjahr -- VW, Bayer, Rivian im Fokus

Geplanter Konzernumbau beflügelt Peloton. Uniper könnte Versorungslage in Europa mit Tauschgeschäft verbessern. Mercedes-Benz kooperiert mit CATL bei Herstellung von E-Auto-Batterien. SAF-HOLLAND kommt bei Haldex-Übernahme voran. Jungheinrich schlägt Erwartungen. Knorr-Bremse macht deutlich weniger Nettogewinn.

Umfrage

Worüber machen Sie sich derzeit die größeren Sorgen?

finanzen.net zero
finanzen.net zero

Oskar

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
Zur klassischen Ansicht wechseln