Gericht bestätigt

Nach Rückzug von René Benko: SIGNA-Tochter SIGNA Real Estate Management Germany nun insolvent - Wohl weitere Insolvenzanträge zu erwarten

27.11.23 16:13 Uhr

Nach Rückzug von René Benko: SIGNA-Tochter SIGNA Real Estate Management Germany nun insolvent - Wohl weitere Insolvenzanträge zu erwarten | finanzen.net

Im Zuge der Schieflage des Immobilien- und Handelskonzerns SIGNA hat eine weitere Tochtergesellschaft Insolvenz angemeldet.

Wie am Montag aus einer Online-Veröffentlichung zu Insolvenzbekanntmachungen hervorging, ist nun die SIGNA Real Estate Management Germany GmbH betroffen, die Immobilien der SIGNA-Gruppe in Deutschland entwickelt und verwaltet. Demnach wird der Berliner Rechtsanwalt Torsten Martini zum Insolvenzverwalter bestellt. Über den Insolvenzantrag beim Amtsgericht Berlin-Charlottenburg hatten zuvor mehrere Medien berichtet. Die vom österreichischen Milliardär René Benko gegründete SIGNA Holding in Wien reagierte nicht auf wiederholte Anfragen der Deutschen Presse-Agentur.

Die SIGNA Real Estate Management Germany, die laut Bundesanzeiger 2021 etwa 140 Mitarbeiter hatte, ist innerhalb von Benkos Firmengeflecht ein Dienstleister, und nicht die Eigentümerin von SIGNA-Immobilien und -Projekten wie die Münchner Alte Akademie, die Hamburger Alsterarkaden oder das Berliner Hochhaus Stream. Mit den Problemen der SIGNA Real Estate Management Germany wird jedoch ein weiterer Riss in Benkos komplexem Firmenkonstrukt sichtbar, zu dem in Deutschland etwa die bereits zwei Mal restrukturierte Warenhausgruppe Galeria Karstadt Kaufhof oder der von einem Baustopp betroffene Elbtower in Hamburg gehören.

Baustopp in Hamburg und Insolvenz der Sporthandels-Sparte

Zumindest bei der derzeit ruhenden Wolkenkratzer-Baustelle Elbtower in der Hamburger Hafencity zeichnete sich am Montag ein Lichtblick ab. Logistik-Milliardär Klaus-Michael Kühne erwäge einen Einstieg in das Projekt, teilte eine Sprecherin der Kühne Holding AG auf dpa-Anfrage mit. Allerdings gebe es derzeit keine Gespräche mit der Stadt Hamburg.

Ende Oktober hatte die Sporthandelssparte von SIGNA Insolvenz angemeldet. Anfang November kündigte Benko unter dem Druck von Mitgesellschaftern seinen Rückzug als Vorsitzender des Beirates der SIGNA-Holding an, blieb aber über seine Familienstiftung Mehrheitseigentümer. Der deutsche Sanierer Arndt Geiwitz wurde ins Boot geholt und mit weitreichenden Management-Kompetenzen ausgestattet. Ob er wie angekündigt bis Ende November wesentliche Schritte zur Restrukturierung des Unternehmens präsentieren kann, und ob Miteigentümer oder andere Investoren noch rechtzeitig neues Geld für SIGNA zur Verfügung stellen, bleibt abzuwarten.

In Zeiten niedriger Zinsen konnte die SIGNA-Gruppe kräftig expandieren. Doch die Immobilienbranche hat seit dem Beginn des Ukraine-Krieges mit gestiegenen Bau- und Energiekosten sowie höheren Zinsen zu kämpfen. Wegen der gestiegenen Zinsen kam es bei der Gesellschaft SIGNA Prime Selection im Vorjahr zu einer Abwertung von 1,17 Milliarden Euro. Laut dem Konzernabschluss der Luxusimmobilienholding waren davon vor allem Objekte in Deutschland betroffen.

Kritik und Fragen zu Milliardär Benko

Mit der Krise von SIGNA ist auch der 46-jährige Benko erneut in den Fokus von Medien und Politik gerückt. Schon als Teenager begann er in seiner Heimatstadt Innsbruck, Dachböden auszubauen. Mit Hilfe finanzstarker Investoren gelang es ihm in prestigeträchtige Gebäude wie das Chrysler Building in New York oder das Luxushotel Bauer in Venedig einzusteigen, und zu einem der reichsten Österreicher aufzusteigen. Doch binnen Wochen soll sein geschätztes Vermögen stark geschrumpft sein. Das US-Magazin Forbes hatte Benko Anfang November noch auf 5,6 Milliarden Euro geschätzt, am Montag lag der Wert nur mehr bei 2,6 Milliarden Euro.

Benkos Geschäftsmodell hat immer wieder Kritik hervorgerufen. Gewerkschafter sowie Politiker wie Linksparteichef Martin Schirdewan haben Benko vorgeworfen, an Galeria Karstadt Kaufhof nur wegen der Immobilien interessiert zu sein. Ähnliche Fragen stellten sich im vergangenen Sommer, als SIGNA die österreichische Möbelkette Kika/Leiner verkaufte. Nur wenige Tage nach Bekanntgabe des Deals wurde vom neuen Eigentümer Insolvenz angemeldet und die Kündigung von 1900 Mitarbeitern angekündigt. Dieser Verkauf und Benkos Nähe zur österreichischen Politik werden in den kommenden Monaten Thema von zwei parlamentarischen Untersuchungsausschüssen in Österreich sein.

Insider - Weitere Insolvenzanträge bei SIGNA zu erwarten

Bei der angeschlagenen SIGNA-Gruppe des österreichischen Investors Rene Benko könnten Insidern zufolge weitere Insolvenzanträge für Konzerngesellschaften in Deutschland folgen.

Solche Insolvenzanträge seien in Vorbereitung, sagte eine mit dem Vorgang vertraute Person am Montag der Nachrichtenagentur Reuters. Von SIGNA war zunächst keine Stellungnahme zu erhalten. Die SIGNA Real Estate Management Germany hat bereits beim Amtsgericht Charlottenburg einen Insolvenzantrag gestellt, wie das Gericht am Mittag mitteilte. Zum vorläufigen Insolvenzverwalter wurde der Rechtsanwalt Torsten Martini bestellt.

SIGNA leidet Insidern zufolge unter Liquiditätsproblemen. Finde sich nicht kurzfristig ein Kreditgeber, könnte die gesamte Gruppe fallen, hatten mehrere mit dem Vorgang vertraute Personen gesagt. Dem Nachrichtenmagazin "Spiegel" und dem Magazin "News" zufolge verhandelt SIGNA nun nur noch mit dem US-Hedgefonds Elliott über einen Finanzspritze. Dies sei Benkos "letzte Chance", hieß es dem Bericht zufolge aus seinem Umfeld. Bei anderen Investoren sei SIGNA abgeblitzt. Ein Elliott-Sprecher wollte sich nicht äußern. Zu SIGNA gehören große Immobilienbestände und unter anderem auch der Warenhausriese Galeria.

Nur bei einem Erfolg der Gespräche um eine weitere Finanzierung könnte eine umfassende Sanierung der Gruppe angegangen werden, sagten mehrere Insider. Für diese soll eigentlich der deutsche Restrukturierungsexperte Arndt Geiwitz sorgen, der bereits Galeria aus der Insolvenz geführt hatte und bei SIGNA auf eine Brückenfinanzierung poche. SIGNA hatte am 8. November erklärt, Benko ziehe sich aus der Führung zurück und Geiwitz übernehme den Vorsitz des Gesellschafter-Komitees der Holding. Einen Insider zufolge ist dies aber noch nicht geschehen. Geiwitz habe formell noch nicht den Posten inne und nehme damit nach wie vor nur die Rolle eines Beraters bei SIGNA ein. Ein Geiwitz-Sprecher wollte dies nicht kommentieren. Die "Lebensmittel Zeitung" hatte bereits über den Vorgang berichtet. Von SIGNA war auch dazu keine Stellungnahme zu erhalten.

In Benkos Imperium hatten sich bereits vor einigen Wochen erste Risse gezeigt. Die SIGNA Sports United hatte im Oktober Antrag auf Insolvenz stellen müssen. SIGNA hatte ihr zuvor eine Kapitalspritze verweigert. Benko hatte sich kurz darauf SIGNA zufolge aus der Führung zurückgezogen. Die Familie Benko Privatstiftung blieb allerdings weiterhin größter Gesellschafter bei SIGNA. Er sei "sicher, dass das Unternehmen eine sehr gute Zukunft haben kann", hatte Benko versichert. Weniger rosig sah indes die US-Ratingagentur Fitch die Zukunft - sie stufte kürzlich eine SIGNA-Tochter auf "hochriskant" herab und warnte vor Ansteckungsrisiken für weitere Teile der Gruppe. Bei mehreren großen Bauprojekten in Deutschland, etwa dem Elbtower in Hamburg, liegen derzeit die Bauarbeiten auf Eis.

Kredite hat die SIGNA unter anderem von österreichischen Banken erhalten. Das Gesamt-Exposure der Finanzinstitute habe sich auf rund 2,2 Milliarden Euro belaufen, hatte eine Person mit Kenntnis der Situation zu Reuters gesagt und sich dabei auf Daten von der Mitte des Jahres bezogen. Die größten Kreditgeber seien die Raiffeisen Bank International (RBI), die ihr Engagement bei SIGNA in den vergangenen Jahren deutlich reduziert habe, und die zur italienischen UniCredit gehörende Bank Austria. Auf diese beiden Geldhäuser entfielen den Daten zufolge beinahe zwei Drittel des Kreditvolumens, so der Insider. Nach Gesprächen mit den Aufsichtsbehörden der Europäischen Zentralbank (EZB), die über die Aussichten der SIGNA Gruppe besorgt sind, hätten sich die Banken entschlossen, ihr Engagement bei der Immobilien-Gruppe zu reduzieren, sagte ein weiterer Insider.

Der Schweizer Vermögensverwalter Julius Bär hatte zudem am Montag ein Kreditrisiko von gut 600 Millionen Franken bei einer Unternehmensgruppe eingeräumt. Einem Insider zufolge soll Julius Bär bei SIGNA exponiert sein und dürfte wohl einige dieser Kredite abschreiben. Ein Sprecher der Bank kommentierte dies nicht. Insider hatten gesagt, auch deutsche Landesbanken hätten bei SIGNA Kredite ausgereicht. An SIGNA beteiligt ist unter anderem die Familie Haselsteiner aus Österreich, an der SIGNA Prime ist unter anderem auch die Essener RAG-Stiftung mit rund fünf Prozent beteiligt.

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BERLIN (dpa-AFX) / (Reuters)

Bildquellen: Sebastian Widmann/Getty Images, Gisela Schober/Getty Images