20.06.2021 01:02

Funkmasten: Deshalb bringen Telekoms ihre Funktürme an die Börse

Hohe Leistung: Funkmasten: Deshalb bringen Telekoms ihre Funktürme an die Börse | Nachricht | finanzen.net
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Neue Besitzer für hohe Türme: Telekomriesen müssen ihre Türme verkaufen, um Investitionen zu stemmen. Was das Geschäft für die Betreiber - und für Anleger - so lukrativ macht.
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von Klaus Schachinger, Euro am Sonntag

Hohe Investitionen, hohe Schulden - mit dem Ausrollen des Mobilfunkstandards 5G wächst bei Europas Telekomriesen der Druck, ihre Position im künftigen Markt zu behaupten. Sie investieren deshalb deutlich mehr als bisher in Mobilfunk und Glasfaser. Um die milliardenschweren Ausgaben zu stemmen und dabei die ohnehin hohe Verschuldung im Griff zu behalten, müssen Konzerne wie die Deutsche Telekom, Spaniens Telefónica, Frankreichs Orange oder Großbritanniens Vodafone nun einen Teil ihrer Infrastruktur zu Geld machen: ihre Mobilfunktürme.

Telefónica verkaufte seinen Mastenbetreiber Telxius mit weltweit 31.000 Standorten für 7,7 Milliarden Euro an den größten Funkmastenkonzern American Tower. Er betreibt weltweit mehr als 187.000 Masten. Die Deutsche Telekom überließ ihr Mastengeschäft in den Niederlanden der spanischen Cellnex Telecom, Europas Primus in diesem Geschäft. Daneben lagerten die Bonner 35.000 Standorte in die Tochter GD Towers aus. Auch Orange, die ehemalige France Telecom, packte ihre Masten in eine eigene Firma.

Betreiber von Funkmasten sind wegen der nachhaltigen Mittelzuflüsse aus dem Geschäft bei institutionellen Anlegern als Infrastruktur-Investments sehr gefragt. Gemessen am Verhältnis des Unternehmenswerts zum operativen Gewinn (Ebitda) werden diese Firmen deutlich höher bewertet als Telekomkonzerne selbst. Deutsche Telekom und Vodafone erreichen hier jeweils Werte von knapp sieben. Vodafones Vantage Towers und Cellnex liegen mit 19,5 und 22,5 bei einem Vielfachen der Bewertung. Funkmasten an die Börse zu bringen oder zu verkaufen, lohnt sich also.

Orange und Deutsche Telekom wägen weiter ab, wie sie ihre Sparten zu Geld machen können, ohne zu viel Kontrolle abzugeben. Vodafone nutzte bereits das gute Börsenumfeld und schickte Vantage im März aufs Parkett.

Cellnex und Vantage klar vorn

Mit europaweit 82.000 Telekommasten in zehn Ländern ist der in Düsseldorf angesiedelte Börsendebütant auf dem Kontinent die Nummer 2 hinter Cellnex mit 87.000 Standorten in zwölf Ländern. Spaniens Infrastrukturkonzern Abertis hatte Cellnex bereits im April 2015 an die Börse gebracht und damals 55 Prozent der Anteile bei institutionellen Investoren platziert.

Die Aktie des Telekomdienstleisters aus Barcelona glänzt als aussichtsreicher Wachstumswert. Edizione, die Holding der italienischen Unternehmerdynastie Benetton, zu deren Portfolio auch Abertis gehört, hält heute noch etwas mehr als acht Prozent an Cellnex. Chef Tobías Martínez Gimeno formte durch eine Serie von Zukäufen in Europa aus einem Pionier den Primus auf dem Kontinent. 1,56 Milliarden Euro Umsatz und 1,2 Milliarden Euro operativer Gewinn fielen zuletzt an.

5G-Netze bringen frisches Wachstum. Anders als bei den bisherigen Technologien können bei ihnen auch große Unternehmen Betreiberlizenzen für das eigene Firmengelände erwerben. Damit sollten die Erlöse der Funkmastendienstleister mittelfristig deutlich zulegen. Nach Schätzungen des schwedischen Netzwerkausrüsters Ericsson wird die durchschnittliche Datennutzung via Mobilfunk zum Beispiel in Deutschland von aktuell 5,6 Gigabyte pro Monat bis 2026 auf 22,3 Gigabyte zulegen. Das entspricht einer jährlichen Zuwachsrate von 27 Prozent.

Anderen europäischen Ländern werden ähnliche Wachstumsraten prophezeit. Größe wird deshalb schon bald ein wertvoller Vorteil im Geschäft mit den Funkmasten sein. Vantage und Cellnex liegen klar vorn. Die Deutsche Telekom zeigt keine Ambitionen aufzuschließen. Für den Vorstand des Bonner Konzerns haben die Tochter T-Mobile US und höhere Investitionen in die eigene Infrastruktur Vorrang.

Währenddessen erhöht Europas größter Betreiber von Funk- und TV-Sendemasten sein Tempo bei Zukäufen. In Frankreich erwarb Cellnex ein Joint Venture des US-Finanzinvestors KKR mit Altice Europe, der Telekomfirma aus dem Portfolio des Milliardärs Patrick Drahi. Für den Betreiber von 10.500 Funktürmen zahlte der Marktführer aus Barcelona 5,2 Milliarden Euro. Zur Finanzierung des Deals sammelten die Katalanen via Kapitalerhöhung sieben Milliarden Euro ein. 2020 hatte Cellnex für zehn Milliarden Euro Türme von CK Hutchinson erworben.

Noch viel Potenzial für Wachstum

In Europa sind nach Einschätzung von Vantage Towers noch mehr als 190.000 Standorte verfügbar, die von Betreibern von Funk- und TV-Sendemasten erworben werden können. Das Potenzial lockt auch US-Konzerne wie American Towers. Börsenneuling Vantage hält sich mit Zukäufen vorerst zurück, außer bei guten Gelegenheiten. So ist Vantage in Großbritannien an Cornerstone, einem Joint Venture von Vodafone und Telefónica, maßgeblich beteiligt und hält 30 Prozent an Italiens Infrastrutture Wireless Italiane (Inwit). Sollte Telefónica bei Cornerstone oder Telecom Italia den 30-Prozent-Anteil an Inwit verkaufen wollen, dürfte Vantage zugreifen.

Beim Wachstum aus eigener Kraft ist Deutschland sehr wichtig. Von 7.000 geplanten Standorten liegen 5.500 in der Bundesrepublik. Vodafone ist mit knapp 82 Prozent der Anteile der dominierende Großaktionär bei Vantage und kommt bei den Mietverträgen auf 85 Prozent. Um als unabhängiger Dienstleister besser ins Geschäft zu kommen, wird Vodafones Anteil bei Mietverträgen zügig verringert. Von 1.800 neuen Vereinbarungen im abgelaufenen Geschäftsjahr wurden 1.300 mit anderen Mobilfunkern geschlossen. 660 Vertragspartner kamen dazu. Funkstandorte sollen an mehrere Mobilfunker vermietet werden. Der Telekomkonzern 1&1 aus Maintal bei Frankfurt, der mit 5G erstmals ein eigenes Netz aufbaut, dürfte heftig umworben werden.

In den USA ist der Markt wesentlich weiter als in Europa. Im Schnitt ist der Platz an einem Masten dort an zwei Mieter vergeben, in Europa sind es 1,5. Von den Telekomkonzernen unabhängige Dienstleister fahren 90 Prozent der Erlöse im US-Markt ein, in Europa sind es laut Bloomberg erst 42 Prozent.

Hier ist also noch einiges möglich. Das wissen auch die Amerikaner und stehen in den Startlöchern.


INVESTOR-INFO

Vantage Towers

Stark aufgestellt

Bis zu einer Milliarde Euro könne man sich für Zukäufe leisten, "wenn sich uns etwas in der richtigen Größe und Form und zum richtigen Preis präsentiert", sagte Vantage-Chef Vivek Badrinath kürzlich. Die Basis des Geschäfts sei jedoch organisches Wachstum. Bis 2025 sollen die Erlöse im Durchschnitt sechs Prozent zulegen. Bis März 2022 sollen es eine Milliarde Euro sein. Mit einem Zuschlag für das 5G-Netz von 1&1 kämen ab 2025 zwischen 3,5 und sieben Prozent dazu.

Inwit

Starkes Übernahmeziel

Im November erhöhte der italienische Funkturmbetreiber seine Ziele bis 2023 und stellt nun bei Umsatz und operativem Gewinn jeweils jährlich acht Prozent mehr in Aussicht. Für 2021 erwarten Analysten gut 792 Millionen Euro Umsatz und knapp 364 Millionen Euro Gewinn. Netto sollen davon knapp 200 Millionen Euro in der Kasse bleiben. Das ist beeindruckend. Sollte Telecom Italia seinen Anteil von 30 Prozent verkaufen, dürfte Vantage als zweiter Großaktionär zuschlagen. Aktie mit hoher Dividendenrendite.

Cellnex Telecom

Stark zugelegt

Mit der Serie von Zukäufen hat Europas größter Funkturmbetreiber auf den Börsengang von Vantage und die Telxius-Übernahme durch American Towers früh reagiert. Auch in Deutschland wäre Cellnex gern. Bei 2,4 Milliarden Euro Erlös für 2021, 50 Prozent mehr als 2020, erwarten Analysten 1,8 Milliarden Euro operativen Gewinn, netto jedoch 72 Millionen Euro Verlust. Aktuell ist die Aktie hoch bewertet. Kursrückschläge abwarten.










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Bildquellen: THINK b/stock.adobe.com, Vantage Towers

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