21.02.2011 06:00

Die nächste Finanzkrise ist im Anmarsch

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Die Unternehmensberatung Oliver Wyman malt das Schreckgespenst einer neuerlichen Finanzkrise im Jahr 2015 an die Wand. Deutschland-Geschäftsführerin Finja Kütz erklärt, wie realistisch dieses Szenario ist.
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€uro am Sonntag
von Sabine Gusbeth, €uro am Sonntag

Es war ein bedrohliches Sze­nario, das Barrie Wilkinson, Partner der Londoner Unternehmensberatung Oliver Wyman, Ende Januar beim Weltwirtschafts­forum in Davos skizzierte. „Die Finanzkrise von 2015: Eine vermeidbare Geschichte“, lautete der Titel.

Vermeidbar sind bei genauerem Hinsehen allerdings nur die schwe­ren Auswirkungen einer weiteren Finanzkrise wie etwa Bankenpleiten. Auch, weil die lockere Geldpolitik und die globalen Handelsungleich­gewichte heute noch schlimmer sind als vor der Lehman-Pleite.

Drei Hauptrisiken, die eine neue Krise auslösen könnten, hat das Unternehmen, das auch Banken berät, ausgemacht: Die strengere Regulierung führe dazu, dass riskante Finanzgeschäfte künftig nicht mehr von Banken betrieben werden, die der Aufsicht unterstehen. Das führe zu einem starken Wachstum des sogenannten unregulierten Schattenbankensystems, zu dem etwa Hedgefonds zählen. Zudem fließe aufgrund der historisch niedrigen Zinsen in den Industrieländern viel Geld in den Rohstoffsektor und in Schwellen­länder und verursache dort eine Spekulationsblase. Platzt diese, treffe es nicht nur die Schwellenländer selbst, sondern auch die Banken in Indus­trie­ländern und damit auch Staaten wie die USA, Großbritannien und Deutschland.

€uro am Sonntag sprach mit Finja Carolin Kütz, Geschäftsführerin von Oliver Wyman Deutschland, über dieses Szenario, unerwünschte Nebenwirkungen der neuen, strengeren Regulierungsvorschriften und eine drohende Finanzkrise.

€uro am Sonntag: Frau Kütz, die Unternehmensberatung Oliver Wyman warnt davor, dass es schon 2015 eine neue Finanzkrise geben könnte. Ist das Ihr Ernst, oder wollen Sie provozieren?
Finja Kütz:
Es handelt sich hier nicht um eine Prophezeiung, sondern um ein Szenario, das aber keineswegs aus der Luft gegriffen ist. Vergleicht man historische Daten etwa des Internationalen Währungsfonds (IWF) mit den aktuellen Entwicklungen, liegt es durchaus im Bereich des Möglichen, dass es in diesem Jahrzehnt zu einer weiteren Finanzkrise kommt. Ob das nun in drei, fünf oder acht Jahren geschieht, ist natürlich rein spekulativ.

Die zurückliegende Finanzkrise hatte ihren Ursprung am US-Immobilienmarkt. Wo wird beim nächsten Mal die Wurzel des Übels liegen?
Eine wichtige Rolle spielt das wachsende Schattenbankensystem, also bankähnliche Geschäfte im unregulierten Bereich, etwa durch Hedgefonds. Zum anderen sehen wir ein Risiko in den stark steigenden Rohstoffpreisen. Zudem gehen wir von einer Blase in den Schwellen­ländern aus, die eng mit dem Preis­anstieg bei den Rohstoffen zusammen­hängt. Besonders die Schnittmenge aus Schwellenländern und Rohstoff­preisen sehe ich sehr kritisch.

Das müssen Sie ­erklären.
China, wie auch andere Schwellenländer, kaufen Rohstoffe nicht mehr nur, weil sie diese für ihre schnell wachsende Industrie benö­tigen, sondern auch, um sich gegen Inflation abzusichern. Das ist keine echte Nachfrage der Realwirtschaft, sondern Spekulation. Wenn es aber keinen echten Bedarf gibt, existiert die Gefahr, dass die Luft aus der Preisblase, die sich bereits abzeichnet, irgendwann entweicht.

Das hört sich so an, als wären von der nächsten Finanzkrise besonders Schwellenländer betroffen.
In der ersten Phase ja. Aber ­Blasen sind meist fremdkapital­finanziert. Das Geld kommt zum Großteil von Banken aus den Industrienationen. Das sind dieselben, die auch jetzt in der Krise betroffen waren. Platzt die Blase, könnten abermals Milliardenabschreibungen nötig werden. Und notfalls müssen ­wieder die Staaten einspringen, von denen allerdings viele durch die ­aktuelle Schuldenkrise noch geschwächt sind.

Das heißt, dass trotz aller Maßnahmen seitens Regierungen und Aufsichtsbehörden eine neue Finanzkrise gar nicht verhindert werden kann?
Viele Initiativen von Regulatoren und Politikern laufen darauf hinaus, Finanzkrisen in Zukunft komplett zu vermeiden. Wir sind allerdings der Meinung, dass das nicht möglich ist.


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Aber was ist mit schärferen Gesetzen wie den höheren Eigenkapitalanforderungen von Ba- sel III? Sind die völlig nutzlos?
Nein, bestimmt nicht. Vieles, was angestoßen wurde, ist sehr wichtig. Aber eine strengere Regulierung ist immer eine Gratwanderung. Man muss aufpassen, dass die Nebenwirkungen nicht zu groß werden.

Welche Nebenwirkungen meinen Sie?
Einerseits ist es enorm wichtig, dass Banken mit ausreichend Eigenkapital ausgestattet sind. Aber: Je strenger die Regulierung, desto größer ist der Anreiz, sich in nichtre­gulierten Schattenmärkten zu bewegen. Es ist eine Illusion zu glauben, dass man alles regulieren kann. Es gibt immer neue Formen, die von den bestehenden Vorschriften nicht erfasst werden. Deshalb ist es manchmal besser, die Regulierung an der einen oder anderen Stelle etwas weniger streng zu formulieren, um zu verhindern, dass das Geschäft in den unkontrollierbaren Schattenbereich abwandert.

Heißt das, dass die neuen, strengeren Vorschriften, mit denen eine Finanzkrise verhindert werden soll, deren Entstehung sogar fördern?
Das kann man so nicht sagen. Auch weil eine Finanzkrise ja immer erst durch das Zusammenspiel mehrerer Faktoren entsteht. Deshalb ist es wichtig, dass Regulierung so ­robust ist, dass sie auch unter verschiedenen Vorzeichen funktioniert. Denn eine Krise wie die aktuelle, ausgelöst durch forderungsbasierte Wertpapiere (CDOs), werden wir nicht noch einmal bekommen. Die nächste Krise wird eine andere Grundlage haben. Die Frage ist, ob die Regulierer in der Lage sind, das auch frühzeitig zu erkennen.

Worauf müssen sie achten?
Grundsätzlich muss man da genauer hinschauen, wo es nach einem Hype aussieht und extrem profitabel erscheint. Da sind bestimmte Risi­ken oft nicht erkannt und dementsprechend durch Regulierung noch nicht begrenzt. So war es auch bei den CDOs. Die hatten ein „AAA“-Rating und gleichzeitig unrealistisch hohe Gewinnspannen. Man konnte sehr viel verdienen, angeblich ohne Risiko. Solche Konstellationen, in denen man scheinbar etwas umsonst bekommt, sind verdächtig.

Das klingt gar nicht so schwer. Warum klappt es trotzdem nicht, Risiken frühzeitig in den Griff zu bekommen?
Es gibt schlicht zu viel Spieler mit unterschiedlichen Interessen.

Meinen Sie damit zum Beispiel die Zentralbanken, etwa die amerikanische Notenbank, die ja nicht nur die Inflation bekämpfen soll, sondern auch die Arbeits­losigkeit in den USA?
Ja. Zahlen des Währungsfonds zeigen, dass eine lockere Geldpolitik in Industrieländern häufig ein Hauptmotor für die Bildung von Blasen in Schwellenländern ist. Denn die niedrigen Zinsen in den entwickelten Staaten führen dazu, dass stärker in die aufstrebenden Nationen investiert wird, weil es dort höhere Ren­diten gibt.

Unsere Leser legen ihr Geld ebenfalls in Rohstoff- oder Schwellenländerfonds an. Tragen sie eine Mitschuld, wenn sich auf diesen Märkten Blasen entwickeln?
Streng genommen ja. Aber rea­listisch gesehen sind die Summen, die Privatanleger investieren, meist relativ klein und bewegen keine Märkte. Dennoch sind sie Teil der Herde, die in dieselbe Richtung läuft und dadurch die Entwicklung verschärft. Hier liegt es vor allem an den Banken, Führungsstärke zu beweisen, dem Herdentrieb zu widerstehen und Anlegern eben nicht zu empfehlen, Geld dort zu machen, wo alle investieren. Damit würden sie es auch vermeiden, dass ihre Kunden das Platzen der Blase miterleben müssen.

Aber der einzelne Anleger, die einzelne Bank oder sogar ein einzelnes Land kann da doch nicht viel bewirken.
Das stimmt. Deswegen ist es so wichtig, dass Staaten, aber auch einzelne Institute schon heute anfangen, sich auf die nächste Finanzkrise vorzubereiten. Mit unserem Szenario für 2015 wollen wir genau das durchspielen, um Instrumente zu identifizieren, die die Auswirkungen künftiger Krisen lindern. Auf diese Weise können wir beim nächsten Mal schneller reagieren und damit den Schaden eindämmen.

Sie meinen mit Stresstests?
Ja, die sind das richtige Mittel, sowohl für Regulierer als auch für Banken. Dadurch können sie sehen, wo sie anfällig sind und sich dann überlegen, wie sie diese Schwäche in den Griff bekommen.

Was empfehlen Sie unseren Lesern?
In unserem Szenario platzt die Blase bei Rohstoffen und Schwellenländern 2015. Geht man davon aus, dass das realistisch ist, sollte man sich 2013 über Alternativen Gedanken machen.

zur Person:

Finja Carolin Kütz
Oliver Wyman

Die 39-Jährige ist Geschäftsführerin der Unternehmensberatung Oliver Wyman in Deutschland und verantwortet das Finanzdienstleistungsgeschäft des Unternehmens in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Die Mathematikerin hat in Münster und Oxford studiert. Seit 1997 arbeitet Kütz bei Oliver Wyman und ist spezialisiert auf die Beratung von Banken. Schwerpunktmäßig befasst sie sich damit, wie die Finanz­institute die Profitabilität im Firmenkundengeschäft steigern können. Sie ist ausgewiesene Expertin für die Bereiche Risikomethoden und Infrastruktur.

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