15.08.2017 17:53

Air Berlin-Aktie bricht massiv ein: Air Berlin meldet Insolvenz an

Übergangskredit: Air Berlin-Aktie bricht massiv ein: Air Berlin meldet Insolvenz an | Nachricht | finanzen.net
Übergangskredit
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Deutschlands zweitgrößte Fluggesellschaft Air Berlin ist insolvent.
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Der Großaktionär Etihad, an dessen Tropf die Airline viele Jahre lang hing, hat den Hahn zugedreht und stellt keine finanzielle Unterstützung mehr zur Verfügung. Der Flugbetrieb wird aber fortgeführt. Die Bundesregierung unterstützt Air Berlin mit einem Übergangskredit von 150 Millionen Euro.

Air Berlin habe beim zuständigen Amtsgericht Berlin-Charlottenburg einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens in Eigenverwaltung gestellt, teilte das Unternehmen mit.

Mit der Deutschen Lufthansa, für die aktuell 35 Air Berlin-Maschinen im Rahmen einer sogenannten Wet-Lease-Vereinbarung fliegen, und mit einer weiteren, nicht namentlich genannten Gesellschaft verhandelt die Airline über die Veräußerung von Betriebsteilen.

Die Lufthansa bestätigte in einer separaten Mitteilung Verhandlungen und erklärte, diese "zu einem schnellen und positiven Ergebnis" führen zu wollen. Anfang August hatte Finanzvorstand Ulrik Svensson ein grundsätzliches Interesse an Air Berlin bekräftigt, allerdings nur zu den "richtigen Bedingungen". Derzeit sei die Verschuldung der Airline zu hoch und es dürfte kartellrechtliche Bedenken geben.

Slotportfolio wäre für Lufthansa sehr attraktiv

Die Aktie von Air Berlin war zunächst vom Handel ausgesetzt und brach dann in der Spitze um knapp 50 Prozent ein. Zum Börsenschluss notierte sie im Xetra-Handel 34,11 Prozent schwächer bei 0,51 Euro. Die Lufthansa-Aktie reagierte mit Kursgewinnen von rund 4,7 Prozent auf die Eröffnung des Insolvenzverfahrens beim Wettbewerber. "Die Anleger hoffen darauf, dass zusätzliche Slots an den Markt kommen", sagt ein Händler mit Blick auf die Zeitfenster für den Start- und Landebetrieb an Flughäfen. Davon würde die Branche insgesamt, Lufthansa aber im Besonderen profitieren, heißt es.

Laut einer Studie der Deutsche Bank ist das Slot-Portfolio des Wettbewerbers komplementär zu dem der Lufthansa, insbesondere an den Flughäfen in Düsseldorf, Wien, Zürich, Berlin-Tegel und Frankfurt, und damit für die Kranichairline "extrem attraktiv".

Nicht nur Lufthansa-Aktien reagieren mit Kursaufschlägen. Für die Titel der britisch-spanischen IAG geht es um 2,6 Prozent nach oben, Ryanair gewinnen 2,8 Prozent.

Unklar ist, was mit den Unternehmensanleihen von Air Berlin passieren wird, deren Notierungen massiv einbrachen. Den Inhabern drohen erhebliche Verluste. Es steht ein Volumen von mehr als 1 Milliarde Euro aus. Die Geldseite der ausstehenden 2019er-Anleihe mit einem Kupon von 6,75 Prozent stürzten laut Daten von Tradeweb auf 40 Prozent von zuvor 50 Prozent ab. Bei der in 8 Monaten fällig werdenden Anleihe mit einem Kupon von 8,25 Prozent hielt sich der Rückgang auf 71,4 Prozent von 76,4 Prozent in Grenzen.

Nicht von der Insolvenz betroffen sind die österreichische Tochter Niki und die Frachttochter Leisure Cargo. Es sei derzeit nicht beabsichtigt, einen Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzverfahrens für die beiden Unternehmen zu stellen.

Mit am Verhandlungstisch sitzt bei Air Berlin auch der Touristikkonzern Tui, der mit Niki geschäftlich eng verbunden ist: 14 Maschinen der konzerneigenen Fluggesellschaft Tuifly, die langfristig an Air Berlin vermietet wurden, fliegen derzeit für Niki. Der für die TUI lukrative Vertrag sollte noch bis 2019 laufen.

Ein geplantes Joint Venture zwischen Tuifly und Niki war im Juni geplatzt, weil Eithad nicht mehr mitzog. Tui erklärte seinerzeit, der Konzern werde die Neupositionierung der deutschen Tuifly weiter vorantreiben und sei offen für Partnerschaften oder die Gründung von Gemeinschaftsunternehmen.

Bundesregierung rechnet mit kurzem Engagement

Der Übergangskredit der Bundesregierung wird durch die KfW zur Verfügung gestellt und sei durch eine Bundesbürgschaft abgesichert, wie die Bundesministerien für Wirtschaft und Energie sowie Verkehr gemeinsam mitteilten.

Die Bundespolitik hat dabei auch die Sommerurlauber im Blick: "Wir befinden uns in einer Zeit, in der sich mehrere Zehntausend Reisende sowie Urlauberinnen und Urlauber an verschiedenen internationalen Urlaubsorten und Destinationen aufhalten", hieß es in der Mitteilung. "Der Rückflug dieser Reisenden nach Deutschland mit Air Berlin wäre andernfalls nicht möglich gewesen. Kurzfristige Alternativen für einen Rückflug dieser Reisenden nach Deutschland waren nicht zu gewährleisten."

Die Ministerien gehen jedoch davon aus, dass das staatliche Engagement nur ein kurzes Intermezzo bleiben wird. Die Verhandlungen zum Verkauf von Unternehmensteilen seien "sehr weit fortgeschritten, so dass in den nächsten Wochen eine Entscheidung durch Lufthansa sowie eine weitere Airline finalisiert werden kann", hieß es.

Die Gewerkschaft Verdi sprach von einem "harten Schlag für die Beschäftigten". Sie forderte das Management von Air Berlin auf, Konzepte zu entwickeln, mit deren Hilfe möglichst viele Arbeitsplätze gerettet würden. Per Ende März beschäftigte Air Berlin 8.600 Mitarbeiter.

Pilotengewerkschaft kritisiert vergangene Fehlentscheidungen

Die Pilotengewerkschaft Vereinigung Cockpit (VC) sprach von einem Schock für die Belegschaft, keilte aber auch gegen die Unternehmensführung: Hauptgrund für die Insolvenz seien falschen strategischen Weichenstellungen und Managemententscheidungen, die bereits viele Jahre zurückliegen. Auch der Hauptinvestor Etihad, dem es primär um seine eigenen strategischen Interessen und die Anbindung an den europäischen Markt gegangen sei, habe seit Jahren Fehlentscheidungen getroffen.

Noch im Juni hatte eine Sprecherin von Air Berlin Gerüchte über eine drohende Pleite zurückgewiesen. Das Unternehmen verfüge über ausreichend liquide Mittel und Etihad sei ein "verlässlichen Partner, der uns bis Oktober 2018 seine Unterstützung zugesagt hat", sagte sie seinerzeit. Nun aber kündigte die arabische Airline ihre kurz- und mittelfristigen Finanzierungszusagen auf.

Air Berlin steht seit einiger Zeit unter erheblichem Druck. Nachdem die Airline unter dem Gründer Joachim Hunold zügig gewachsen war und die Wettbewerber dba, LTU und auch Niki übernommen hatte, bereitete ihr die zunehmende Konkurrenz im Luftfahrtsektor seit langem enorme Schwierigkeiten. Gestützt wurde Air Berlin von der arabischen Airline Etihad, die sich vor einigen Jahren an Air Berlin beteiligt hat und knapp 30 Prozent der Anteile hält.

Am Freitag wollte Air Berlin eigentlich ihre Geschäftszahlen für das zweite Quartal vorlegen.

DJG/sha/kla/smh/jhe

Dow Jones Newswires

Bildquellen: bellena / Shutterstock.com, Nordroden / Shutterstock.com

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