Obama / Romney: Michael Dukakis zur Schlacht des Geldes
Heute wird der nächste US-Präsident gewählt. Mehr denn je entscheidet die Größe der Kriegskasse über Sieg oder Niederlage. Wer wird der mächtigste Mann der Welt? €uro am Sonntag sprach mit dem Demokraten Michael Dukakis.
von Daniela Meyer, Euro am Sonntag
€uro am Sonntag: 1988 wurden Sie schon als der nächste Präsident der USA gefeiert. Doch dann haben Sie mit Pauken und Trompeten gegen George Bush senior verloren. Können Sie das rückblickend erklären?
Michael Dukakis: Mein größter Fehler war, nicht auf die Attacken der Bush-Kampagne zu reagieren. Sie haben meinen Ruf ruiniert, und ich habe dabei zugesehen — weil ich eine positive Kampagne machen wollte. Aber das funktioniert nun einmal nicht, man muss zurückschlagen.
Haben die Demokraten, hat Präsident Obama aus Ihren Fehlern gelernt?
Das hat er. Obama greift gelegentlich sogar selbst an. Man muss heute im Wahlkampf noch aggressiver sein als zu meiner Zeit. Das ist nicht schön — vor allem wenn die Gegenseite Milliarden von Dollar aus Firmenkapital zur Verfügung hat —, aber man muss es tun, um zu gewinnen.
Woher kommt denn dieses Firmenkapital?
Romney hat mächtige Super-Pacs hinter sich, die Geld aus der Wirtschaft beziehen. Bislang durften Unternehmen die Kandidaten nicht finanziell unterstützen. Über die Super-Pacs ist das nun möglich. Der Oberste Gerichtshof hat festgelegt, dass Spenden gleichgesetzt sind mit dem Recht auf freie Meinungsäußerung und dass diese auch Unternehmen zusteht. Geld gleich Freiheit. Eine Katastrophe, die unser System korrumpiert. Ein Angriff auf die Demokratie!
Das hört sich so an, als hielten
Sie einen Sieg Romneys für wahrscheinlich.
Noch vor ein paar Wochen hätte ich gesagt, Romney verliert. Ganz klar. Nun bin ich mir nicht mehr sicher. Die Wirtschaft läuft schlecht, die Amerikaner sind unzufrieden. In so einem Klima kommt es leichter zum Wechsel.
Was für ein Präsident wäre Romney denn, sollte er gewinnen?
In Massachusetts haben wir ihn schon als Gouverneur erlebt. Daher liegt er hier auch hinter Obama. Nach seiner Amtszeit war die Infrastruktur in schlimmem Zustand, die Arbeitslosigkeit so hoch wie noch nie. Romney ändert seine Meinungen täglich. Der Kerl ist ein Betrüger, die Ideen der Republikaner sind rückschrittlich.
Auch das Wirtschaftsprogramm, mit dem Romney derzeit punktet?
Das an erster Stelle. Präsident Herbert Hoover hat schon 1929 geglaubt, dass eine finanzielle Unterstützung der Regierung schädlich ist für den Individualismus, und die Wirtschaftskrise damit nur verschlimmert. Man sollte aus Fehlern lernen und sie nicht wiederholen. Aber genau das tut Romney. Er meint, Sparen soll das Vertrauen der Unternehmen stärken und sie zu Investitionen ermutigen.
Wie stimuliert man denn die Wirtschaft?
Wir hätten mehr investieren sollen, zum Beispiel in Infrastruktur. Wir haben in den USA kein modernes Schienennetz. Warum fangen wir nicht an, eines aufzubauen? Das würde vielen Leuten Arbeit geben und der Wirtschaft langfristig dienen. Das hätte ich schon damals gemacht, wenn ich Präsident geworden wäre.
Denken Sie noch oft darüber nach, was gewesen wäre, wenn?
Ich habe manchmal das Gefühl, mich für meine Niederlage entschuldigen zu müssen. Hätte ich Bush senior damals geschlagen, hätten die USA und die Welt nie von seinem Sohn, George W. Bush junior, gehört — dem schlechtesten Präsidenten, den wir je hatten. Uns allen wäre eine Menge Ärger erspart geblieben.
Was zum Beispiel?
Nach der Amtszeit von Bill Clinton war das Land in einem großartigen Zustand. Bush hat es heruntergewirtschaftet. Er hat unser internationales Ansehen beschädigt und uns die Invasion im Irak eingebrockt. Romney unterstützt die Invasion übrigens auch heute noch. Er will im Irak und in Afghanistan bleiben. Wie er das bezahlen will — weiß der Himmel. Ich würde mich nicht wundern, wenn er auch den Iran bombardiert.
Mitt Romney wäre also wirklich ein zweiter Bush junior?
Sollte Romney Präsident werden, fürchte ich um die Beziehung zu Europa. Bush hat sie bereits auf eine harte Probe gestellt, Obama ist es gelungen, sie wieder zu verbessern. Wenn man sich aber Romneys Europa-Reise in diesem Jahr anschaut, graut es einem. Da kann man sich vorstellen, wie rückschrittlich auch seine Auslandspolitik sein wird. Aber das wundert mich nicht: Er ist ja umgeben von all den alten Bush-Beratern.
Und warum sollten die Amerikaner Obama weitere vier Jahre ihr Vertrauen schenken?
Obama hatte sowohl mit den extremen Anfeindungen seiner Gegner als auch mit den fast übermenschlichen Erwartungen zu kämpfen, die viele Wähler an ihn hatten. Ich höre, viele seien enttäuscht. Nachvollziehen kann ich das nicht. Denn er hat allen widrigen Umständen zum Trotz fantastische Arbeit geleistet. Er ist der erste Präsident, der es geschafft hat, ein sinnvolles Gesundheitssystem durchzusetzen. Er hat unter anderem den wirtschaftlichen Absturz verhindert, den Irak-Einsatz beendet, den Truppenabzug aus Afghanistan beschlossen und Osama bin Laden unschädlich gemacht.