Japan als Vorbild für die Emerging Markets

Der jüngste starke Aufwärtstrend am japanischen Aktienmarkt lässt aufhorchen. Doch die Rekordjagd beim Nikkei darf nicht über die bewegte Vergangenheit der japanischen Wirtschaft hinwegtäuschen. Die kann als "Mahnmal" und "Vorbild" zugleich vor allem für Emerging Markets dienen. Was alles schiefgehen kann, was man besser lassen oder unbedingt machen sollte, die Entwicklung Japans bietet darauf viele Antworten.
Von einem rasanten Boom in den 1980er-Jahren ging es nahezu nahtlos in einen jahrzehntelangen nachhaltigen Sinkflug aus Stagnation und Rezessionen über. Doch seit einiger Zeit ist Japan zurück, auch wenn es hier und da noch "zwickt", es läuft wieder, auch an der Börse. Der Nikkei 225, Leitindex der japanischen Börse, ist auf Rekordniveaus geschossen. Dabei ist Japan vor allem für die Emerging Markets "Mahnmal" und "Vorbild" zugleich geworden. Doch der Reihe nach. Zuerst ein kurzer Blick auf Japans "Vergangenheit".
Nachkriegswunder und Niedergang
Der Boom der japanischen Wirtschaft und der Börse in Tokio in den 1980er-Jahren ist legendär. Das sprichwörtliche Nachkriegswunder fand nicht nur in Europa, sondern auch in Fernost statt. Japanische Elektrogeräte waren damals weltweit gefragt. Der Walkman von Sony avancierte in kurzer Zeit zu einer Kultmarke und steht damit quasi sinnbildlich für den Aufstieg der japanischen Wirtschaft. Doch dann kam der Niedergang. Spekulative Übertreibungen und eine hohe Verschuldung ließen die Bank of Japan, die BoJ, kräftig - möglicherweise zu kräftig - auf die Bremse treten. Zinsanhebungen führten zu Kreditausfällen und einem Verfall der Immobilienpreise. Eine Schulden-Deflationsspirale erfasste das Land, bestehend aus einem Mix aus zurückgehenden Preisen und einer steigenden Schuldenlast. Aus einer solchen Spirale ist schwer zu entkommen, wie sich in den folgenden Jahren, ja Jahrzehnten zeigte. Selbst massive Zinssenkungen gar in den Negativbereich konnten das Ruder nicht herumreißen.
Japan als Mahnmal, trotz Erholung
Erst über viele Jahre hinweg erholte sich die japanische Wirtschaft, langsam aber sicher. Strukturreformen, anfänglich nur sehr zögerlich angegangen - was sich im Nachhinein als Fehler entpuppte - und eine deutliche Abwertung des Yen trugen zur Besserung bei. Auch wenn Japans Wirtschaft aktuell immer noch nicht an die Wachstumsraten aus früheren Jahren anknüpfen kann - für 2026 liegen die Prognosen bei einem BIP-Plus von rund 0,6 Prozent, Mitte der 1980er-Jahre lag das Wachstum zeitweise bei über fünf Prozent -, eine Erholung der Unternehmensgewinne, begünstigt unter anderem durch einen schwachen Yen, führte zu einer Rally am japanischen Aktienmarkt. Allein 2025 machte der Nikkei einen Satz von rund 40.000 auf über 50.000 Zähler.
Allerdings: Betrachtet man den Nikkei über einen langen Zeitraum, muss man auch feststellen, dass er im Grunde genommen nur seinen alten Trend wiederaufgenommen hat. Denn schon Ende der 1980er-Jahre notierte der Index bei 40.000 Punkten. Stellt man in Rechnung, dass der Markt also unter dem Strich seit über 30 Jahren bis heute nur um 10.000 Punkte gestiegen ist, wird das Ausmaß der "verlorenen Jahrzehnte" deutlich. Japan ist damit vor allem auch "Mahnmal" für andere Nationen, insbesondere für die Emerging Markets: Das Beispiel Japan macht nämlich deutlich, welches Ausmaß wirtschaftliche Probleme bekommen können, wenn man sie zu zögerlich oder falsch anpackt.
China stemmt sich gegen eine Schulden-Deflationsspirale
Zu den Ländern, denen Japan als Mahnmal dient, dürfte auch China zählen. Pekings Wirtschaft wird in diesem Jahr um voraussichtlich vier Prozent wachsen. Das ist mehr als die klassischen Industrienationen melden können, aber weniger als in den Vorjahren und weniger als die Regierung sich wünscht. Das offizielle Ziel lautet fünf Prozent, und die sollen die Weiterentwicklung des Landes garantieren. Doch China hat Probleme, die hier und da durchaus an die Situation Japans in den 1980er-Jahren erinnert. Denn der Boom in China hat zu spekulativen Übertreibungen und Fehlallokationen geführt. Die Pleite des Immobilienentwicklers Evergrande ist dabei wohl nur die Spitze des Eisberges. Neue Pleitewellen drohen. So sollen unter anderem in der Elektroautoindustrie massive Überkapazitäten bestehen. Um eine Kettenreaktion und das Abrutschen der gesamten Volkswirtschaft in eine Schulden-Deflationsspirale à la Japan zu vermeiden, hat die Pekinger Regierung bislang beherzt zugegriffen, mit Erfolg. Trotz enormer Schulden - die Gesamtschulden der chinesischen Wirtschaft werden derzeit auf 300 Prozent des Bruttoinlandsprodukts geschätzt - konnte eine dauerhafte Abwärtsspirale verhindert werden. Neben vielen "Geldspritzen" haben dabei auch Strukturreformen - vor allem die Abkehr vom investitions- und exportgetriebenen Wachstum hin zu einer qualitäts- und innovationsbasierten Wirtschaft - und eine Abwertung des Yuan geholfen, ähnlich wie nun in Japan. Letzterer wird durch die chinesische Notenbank durch verschiedene Maßnahmen tief gehalten.
Veralterung der Gesellschaft in den Griff bekommen - zumindest ein wenig
Doch Japan kann auch "Vorbild" sein. Denn noch in einem anderen Punkt gibt es zwischen Japan und China Parallelen. Die Niedergang Japans ab den 1980er-Jahren war nämlich auch einer zunehmenden Veralterung der Gesellschaft geschuldet. Das Durchschnittsalter (Altersmedian) in Japan liegt aktuell bei fast 50 Jahren, was Japan zu einem der "ältesten" Länder der Welt macht. Und auch China hat mit dieser Problematik zu kämpfen. Vor allem die über Jahrzehnte praktizierte Ein-Kind-Politik hat am Ende zu einer "Vergreisung" geführt. Um das Jahr 2030 wird ein Drittel der Bevölkerung in China älter als 60 Jahre sein. Der Anteil der arbeitenden Bevölkerung schrumpft bereits seit 2012. Auch wenn Japan das Problem noch nicht vollständig im Griff hat - hierzu wäre unter anderem eine aktive Einwanderungspolitik nötig, die aber gesellschaftlich nicht durchzusetzen ist - zahlreiche kleinere Maßnahmen haben zu einer Entspannung geführt. Dazu gehört unter anderem die Einbindung von Frauen in das Wirtschaftsgeschehen und ein starker Einsatz von Robotern. Bei der Roboterdichte liegt Japan mit 397 Robotern auf 10.000 Einwohner auf dem vierten Platz. China schafft es mit 392 Robotern hier immerhin schon auf den fünften Platz, wobei Peking große Anstrengungen unternimmt, die Dichte auszubauen.
Von Japan können die Emerging Markets lernen, sowohl im negativen wie auch im positiven Sinne. Verbunden ist damit auch die Hoffnung, dass Fehler, die in Japan in der Vergangenheit begangenen hat, nicht wiederholt werden. Emerging Markets, die dies scheinbar berücksichtigen, sind auch für Anleger interessant.
von Dr. Markus C. Zschaber, Gründer der V.M.Z. Vermögensverwaltungsgesellschaft in Köln, www.zschaber.de
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