16.08.2017 16:00

Warum ich fast 15.000 Euro in Netflix investiert habe

Kolja Barghoorn-Kolumne: Warum ich fast 15.000 Euro in Netflix investiert habe | Nachricht | finanzen.net
Kolja Barghoorn-Kolumne
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4 Punkte! Zu mehr bringt es Netflix Inc. aktuell nicht auf der Piotroski-Skala, welche Unternehmen quantitativ bewertet. Das ist immerhin solides Mittelfeld und besser als die Rocket Internet SE (3 Punkte), aber weit weg von den Aktienstrebern Ryanair Holdings oder Ferrari N.V. (beide 8 von möglichen 9 Punkten).
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Und dennoch gesteht der Markt Netflix ein hohes KGV-Multiple von 144 auf den erwarteten Gewinn für 2017 zu! Das heißt, wenn der Gewinn von Netflix gerade so ausfällt, wie er für 2017 vom Markt erwartet wird, dauert es 144 Jahre, um den aktuellen Aktienpreis zu erwirtschaften (Der Gewinn für 2016 lag bei knapp 187 Millionen US-Dollar) ...

Doch machen wir zunächst mal einen Schritt zurück. Was ist diese Piotroski-Skala und was kann sie uns über ein Unternehmen sagen? Und was nicht? Und warum habe ich für mehr als 14.000 Euro Netflix-Aktien im Depot, obwohl die Bewertung so hoch ist und die freien Cashflows seit 2014 immer negativer werden? Diese Fragen möchte ich hier beantworten.

Die Piotroski-Skala

Die Piotroski-Skala ist eine quantitative Möglichkeit, Unternehmen nach Profitabilität, Finanzstärke und Betriebseffizienz zu bewerten und zu anderen Unternehmen einen relativen Vergleich zu ziehen. Wie bei allen Kennzahlen und Formeln ist es wichtig, hier keine Apfel-Birnen-Vergleiche anzustellen, sondern möglichst nur Unternehmen aus demselben Sektor miteinander zu vergleichen. Aber auch als absolute Bewertungsmöglichkeit kann man Piotroski verwenden, denn Unternehmen, die nur 2 bis 3 von 9 Punkten bekommen oder sogar weniger, können ein ernsthaftes Risiko für uns Anleger darstellen. Ein Beispiel: Air Berlin PLC meldete gerade erst Insolvenz an, der Piotroski-Score der Fluggesellschaft betrug aber bereits im Jahr 2014/15 nur noch 2 Punkte.

Das Bewertungsverfahren geht auf einen Buchhaltungsprofessor aus Chicago namens Joseph Piotroski zurück, der die insgesamt 9 Punkte für die Profitabilität eines Unternehmens, die finanzielle Stabilität und die Effizienz festlegte. Einen Punkt gibt es jeweils dann, wenn sich ein Messwert seit dem vergangenen Jahr verbessert hat. Zum Beispiel gibt es 1 Punkt für Netflix, weil der Nettogewinn 2016 um 52,5 Prozent höher ausfiel als noch 2015. Dabei ist es aber egal, wie stark der Gewinn steigt, Hauptsache er steigt. Allerdings wurden von 2015 bis 2016 insgesamt 3 Millionen neue Aktien emittiert; und dafür gibt es dann 0 Punkte. Am Ende werden alle Punkte addiert. Die Einzelnen Werte sind dabei nicht Bestandteil dieser Kolumne aber eine genauere Erklärung findest du leicht via Google.

So viel zu Piotroski, jetzt zu Netflix

Quantitative Modelle sind für Wachstumsunternehmen nur begrenzt anwendbar. Man kann mit seinen Umsatz- und Gewinn-Annahmen so viel hin und her rechnen wie man will, wichtig ist vor dem Kauf einer Aktie, das Geschäftsmodell aber auch die Ziele des Managements genau zu verstehen! Sonst kommt es zu Fehleinschätzungen und leider auch Fehlkäufen, weil man sich eine Aktie ins Depot legt, die überhaupt nicht zur eigenen Strategie und der eigenen Persönlichkeit passt.

Ich selbst habe diesen Fehler dieses Jahr begangen, als ich für insgesamt etwa 10.000 Euro Aktien der Aurelius Equity Opportunities SE erworben habe. Als kurze Zeit später ein umfassender Bericht über Aurelius von einem Short-Seller veröffentlicht wurde, bemerkte ich sehr schnell, dass die Reaktion des Managements von Aurelius nicht zu meiner Anlagestrategie passt und habe mit einem Verlust von knapp 4.000 Euro die Aktien wieder verkauft. Mein Fehler: Ich hatte das Management vorher nicht ausreichend recherchiert.

Netflix hatte für 2016 einen negativen, freien Cashflow von über 1,5 Milliarden US-Dollar! Dafür gibt es natürlich 0 Punkte nach Piotroski, denn auch der operative Cashflow lag mit -1,4 Milliarden Dollar deutlich unter dem ausgewiesenen Jahresgewinn.

Fragen wir dazu nun Reed Hastings, den Gründer und CEO von Netflix, dann behauptet er ganz nebenbei: "Na, und? Genau das ist ja unser Ziel und ein Zeichen dafür, dass wir weiter wachsen werden." (das Video mit dem entsprechenden Interview findest du hier: https://youtu.be/jYhP08uuffs).

Um die Aussage des CEOs zu verstehen, ist es nun wiederum wichtig, das Geschäftsmodell von Netflix zu verstehen. Denn Hastings ist der Piotroski-Score wahrscheinlich ziemlich egal, da er das Unternehmen nicht nach Quartals-Zahlen steuert, sondern nach seiner langfristigen Vision.

Das Netflix-Geschäftsmodell

Netflix ist mit über 100 Millionen Kunden weltweit der größte Streaming-Anbieter von Spielfilmen & Serien. Es gibt zwar auch Dokumentationen im Angebot, jedoch liegt darauf nicht der Fokus. Ein Kunde zahlt dabei in Deutschland beispielsweise zwischen 8 und 12 Euro pro Monat im Abo-Modell, welches jederzeit gekündigt werden kann und je nach Qualität und Anzahl an Accounts pro Abo im Preis variiert.

Als Netflix 1997 startete, gab es jedoch noch keine Möglichkeit über das Internet Filme zu streamen und erst recht keine Android-App für das Smartphone. Damals begann Netflix mit dem Verleih von DVDs, welche sie per Post an ihre Abonnenten versandten. In den USA gibt es diesen Dienst auch noch, jedoch kennen wir Netflix eher vom PC, TV, Tablet oder Handy.

Jetzt wissen wir also, wie Netflix Geld verdient. Nun bleibt die spannende Frage, woher die Filme kommen? Netflix kauft die Rechte an einem Film, zum Beispiel von Disney gegen eine jährliche Lizenzgebühr oder gleich als Package-Deal für fünf Jahre. Für jedes Land, in dem Netflix seinen Kunden einen Film zeigen will, fallen Lizenzgebühren an.

Aber es gibt auch eine weitere Möglichkeit, die Netflix nun immer mehr nutzt, nämlich die Eigenproduktion. Hier kauft sich Netflix also keinen Disney-Film mehr ein, sondern bezahlt mit den Gebühren der Abonnenten ein Produktionsstudio dafür, einen Film zu oder eine Serie zu produzieren. So kostete der Film "War Machine" mit Brad Pitt etwa 100 Millionen US-Dollar!

Es gibt also neben dem DVD Geschäft zwei weitere Geschäftsmodelle, nämlich auf der einen Seite das "Ausleihen" von Filmen und auf der anderen Seite die Produktion von eigenen Filmen.

Netflix: Mit Eigenproduktionen in die Zukunft?

Nun haben die Eigenproduktionen den Nachteil, dass sie viel mehr Geld kosten. Zumindest kurzfristig. Denn übliche Filme kosten heute zwischen 30 und 100 Millionen Dollar. Und genau das ist der Grund, warum der Cashflow negativ ist. Nicht etwa, weil der CFO von Netflix zu viele Serien anschaut statt zu arbeiten, sondern weil sie bewusst massiv investieren.

Wie sieht es aber langfristig aus? Das ist wesentlich interessanter, denn wenn Netflix eine eigene Produktion, wie die hoch erfolgreichen Serien "House of Cards" oder "Orange is the new black" ausstrahlt, müssen sie dafür keine jährlichen Lizenz-Gebühren mehr zahlen. Sie können einen Film produzieren und per Knopfdruck in der gesamten Welt (exklusive China und Nord-Korea) zur selben Zeit ausstrahlen. Das heißt für mich, langfristig können pro investiertem Dollar immer mehr Abonnenten-Gebühren verdient werden.

Zukunftsprognose: Warum bin ich in Netflix investiert?

Ich habe mich für Netflix entschieden, weil meiner Meinung nach die Grenzkosten langfristig immer weiter sinken werden und die Mitgliedschaftsgebühren neuer Abonnenten fast komplett als Profit verbucht werden können. Hierbei hat Netflix einen gewaltigen Vorsprung vor allen anderen Anbietern (auch Amazon). Als Kunde schaue ich mir nämlich schon lange nicht mehr nur Serien aus den USA an, sondern aus Brasilien (3%), aus Mexiko (Ingobernable), aus Kolumbien (Narcos) und aus Israel (Fauda).

Das Angebot kann hierbei wesentlich besser auf die Vorlieben eines Zuschauers zugeschnitten werden, als im Kino. Ich will im neuen Transformers Teil kein 13-Jähriges Mädchen als Weltretter sehen oder bei den Avengers von Marvel ein paar Superhelden, die aussehen wie Gummi-Bärchen. Ich will knallharte, düstere Action und die bekomme ich bei den Serien "Daredevil " und "The Punisher".

Netflix kann viel zielgerichteter Inhalte erstellen lassen, als ein Produktionshaus für ein Kino, welches eine möglichst breite Zielgruppe ansprechen muss, um profitabel zu sein. In Zukunft erwarte ich sogar, dass Kinofilme direkt zum Start auch bei Netflix gegen eine Zusatzgebühr oder ein Premium-Abo-Modell verfügbar sind. Weitere Einnahmequellen ergeben sich aus Merchandise-Verkäufen und Produktplazierungen, wie sie bereits bei "House of Cards" getätigt werden.

Fazit

Natürlich hat das Geschäftsmodell von Netflix auch Risiken und die Konkurrenz schläft nicht. Insgesamt war es mir jedoch eine Investition wert.

Ich möchte dich mit diesem Artikel nicht überzeugen Netflix-Aktien zu kaufen. Ich hoffe aber, ich konnte dir das Geschäftsmodell vorstellen und einen Anreiz geben, bei deinen Aktieninvestments nicht nur auf die reinen Zahlen oder Analysten-Berichte zu schauen, sondern selbst zu recherchieren. Vor allem in Bezug auf das Management solltest du deine Hausaufgaben machen, denn es gibt nichts Schlimmeres als eine Aktie mit den falschen Erwartungen zu kaufen.

Rationale Grüße, Kolja Barghoorn, Privatanleger von Aktien mit Kopf

Nicolas "Kolja" Barghoorn ist Investor und YouTuber. Sein Börsenkanal "Aktien mit Kopf" wurde inzwischen mehr als zwölf Millionen Mal aufgerufen. Mit seinen kurzweiligen, lehrreichen und auch kritischen Clips erreicht der Fitnessfachwirt und studierte Animatonsfilmer Tag für Tag mehr Menschen. Schauen Sie doch mal auf seinem Kanal vorbei: Aktien mit Kopf


Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.

Bildquellen: Nicolas Barghoorn

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