finanzen.net
18.09.2013 03:00
Bewerten
(2)

Wer hat Angst vorm schwarzen Schwan?

Die Welt ist in der Dauerkrise. In der Investmentbranche sind Risikomanager daher gefragter denn je. Wie sie die Kundenportfolios gegen Verluste absichern.
€uro am Sonntag
von Tobias Aigner, Euro am Sonntag

An den 20. Juni 2013 erinnert sich Victor Bemmann noch genau. Als der 31-Jährige morgens um halb acht in sein Frankfurter Büro kam, war die Hiobsbotschaft schon um die Welt gegangen. Sie kam von Fed-Chef Ben Bernanke. Der hatte am Vorabend angekündigt, dass die US-Notenbank ihre ultralockere Geldpolitik ab Herbst einschränken könnte. Als die Frankfurter Börse öffnete, stürzten sowohl Aktien als auch Staatsanleihen ab. „An solchen Tagen geht es nur darum, das Risiko zu senken“, sagt Bemmann. „Wir haben unsere Portfolios sofort mit Derivaten abgesichert, um die größten Verluste zu vermeiden.“

Bemmann wacht bei der Fonds­gesellschaft DWS über 39 Milliarden Euro — als Risikomanager. Sein Berufsstand erlebt seit dem Lehman-Kollaps einen Aufschwung. Weltweit vernichtete die Finanzkrise in wenigen Monaten umgerechnet rund 40 Billionen Euro. Viele Geldprofis mussten feststellen, dass ihre Depots fast ungebremst mit in den Abgrund rauschten. Die Lehre aus dem Debakel war unmissverständlich: Ein gutes Risikomanagement ist das A und O für den Anlageerfolg. „Früher hatten Risikoexperten das Image von Berti Vogts, sie waren die Ausputzer für das Fondsmanagement. Heute gelten sie als strategische Berater“, sagt Bemmann.

Buch mit sieben Siegeln
Schwer zu vermitteln ist seine ­Arbeit trotzdem. Risikoexperten schwärmen nicht von üppigen Dividenden, unentdeckten Aktienperlen oder lukrativen Hochzinsbonds. Die meisten haben Statistik oder Mathematik studiert. Ihre Welt besteht aus komplexen Formeln und Kennzahlen, die für Privatanleger, aber auch für viele Finanzprofis ein Buch mit sieben Siegeln sind.

Einer dieser Spezialisten ist Thorsten Neumann, ein groß gewachsener 43-Jähriger mit festem Händedruck und Stakkatostimme. Er leitet das Risikomanagement in der Portfolioverwaltung von Union Investment, hat rund 1.000 Portfolios und ein verwaltetes Vermögen von 200 Milliarden Euro im Blick.
Seinen Job erklärt er so: „Es ist wie im Cockpit. Mit vielen Messinstrumenten sorgen wir dafür, dass unser Flugzeug nicht ins Trudeln gerät.“ Ein treffender Vergleich. Das Messen gehört zum Brot-und-Butter-Geschäft der Experten. Ihr Haupt­augenmerk gilt dem Marktrisiko. Vereinfacht gesagt, verbirgt sich dahinter das Risiko von Kursverlusten. Neumanns 14-köpfiges Team sammelt täglich Kursdaten von 40.000 Aktien, Bonds und Derivaten. Es ermittelt daraus Kennzahlen, die das Marktrisiko quantifizieren. Die wichtigsten sind die Volatilität, also die Schwankungsbreite der Kurse, und der Value at Risk (VaR).

Spiel mit Wahrscheinlichkeiten
Das Problem dabei: Das Verlustrisiko einer Aktie oder eines Portfolios ist keine eindeutige Größe wie die Marktkapitalisierung oder die Dividendenrendite. „Wir können nur Schätzungen anstellen“, erklärt Neumann. Das liege zum einen daran, dass Risikochecks stets ein Spiel mit Wahrscheinlichkeiten sind. Und zum anderen daran, dass man die Kennziffern auf zig Arten berechnen kann.

Ein Beispiel verdeutlicht die Unwägbarkeiten: Vor einer Woche lag der VaR der im Sommer stark gebeutelten K + S-Aktie bei 6,1 Prozent — auf Tagesbasis und mit einem sogenannten Konfidenzniveau von 95 Prozent. Das heißt, dass der Kurs von K + S mit einer Wahrscheinlichkeit von 95 Prozent innerhalb eines Tages nicht mehr als 6,1 Prozent fällt.

Aber erstens bleiben dabei immer noch fünf Prozent Restrisiko. Und zweitens kann man für K + S auch einen VaR von 4,8 oder 3,2 Prozent ermitteln. Das Ergebnis hängt davon ab, ob man den Computer mit den Aktienkursen der vergangenen 500 oder 2.000 Handelstage füttert, ob man komplizierte Simulationen durchführt oder sich auf klassische Rechnungen verlässt. Die Aufgabe des Risikomanagers ist es, die passende Methode zu wählen und das Ergebnis korrekt zu interpretieren.

Thorsten Neumann nutzt beispielsweise die VaR-Zahlen, um die kurzfristige Verlustgefahr in den Wertsicherungsfonds zu bestimmen. Die Kennziffern berechnet er mit aufwendigen Monte-Carlo-Simulationen, die Tausende mögliche Marktkapriolen durchspielen.

So legt er Stoppkurse für risikoreiche Anlagen wie Aktien fest. Fegt ein Sturm über die Börse, zieht das Fondsmanagement konsequent die Reißleine. Das Verfahren hat sich bewährt — sogar in der Finanzkrise.
Dass die vielen Kennzahlen allein kein Schutz vor Fehlern sind, weiß Stefan Mittnik, Finanzprofessor an der Ludwig-Maximilians-Universität München. „Viele sogenannte Risikomanager verstehen nicht, was die Kennziffern bedeuten und wo deren Grenzen liegen“, moniert er.

Und nicht nur die falsche Interpretation von Kennzahlen birgt Gefahren. Trotz aller Finessen müssen sich Risikoprofis eingestehen: Einen perfekten Schutz vor schwarzen Schwänen gibt es nicht. So nennen Fachleute überraschende Extrem­ereignisse wie den 11. September oder den Lehman-Crash. „Solche Schocks lassen sich nie vorhersagen“, erklärt Neumann. „Wir können die Portfolios nur so steuern, dass die Verluste ein vorher gesetztes Limit nicht überschreiten.“

Risiken zu kontrollieren ist eine Disziplin, die ein guter Risikomanager beherrschen sollte. Eine andere ist, Portfolios von vornherein möglichst risikoarm zu stricken. Das beste Werkzeug dafür ist Diversifikation. Der Fachbegriff steht für den Grundsatz, nicht alles auf eine Karte zu setzen, sondern das Anlagevermögen breit zu streuen. Fällt ein Wertpapier, steigt ein anderes und gleicht das Minus zumindest teilweise aus, so die Idee. In der Summe sinkt so die Verlustgefahr.

Wie gut die Diversifikation funktioniert, wird mithilfe der Korrelation bestimmt. Diese Maßzahl gibt den Gleichlauf zweier Wertpapiere an und liegt zwischen minus und plus eins. Eine Eins signalisiert exakten Gleichschritt, bei null ist keine Abhängigkeit erkennbar, bei minus eins laufen die Kurse genau entgegengesetzt.

Die Krux ist: Wenn die Börsen in Panik verfallen, steigen die Korrelationen sprunghaft an. Die Investments neigen also dazu, gemeinsam abzustürzen, auch wenn sie in ruhigen Zeiten nicht parallel laufen. „Trotzdem rechnen viele Finanz­profis stur mit konstanten Korrelationen“, warnt Mittnik, „und unterschätzen das Verlustrisiko im Crashfall dramatisch.“

Das weiß auch DWS-Experte Bemmann. In die Berechnung der Korrelationen lässt er heute nur noch die Kurse der vergangenen zwölf Monate einfließen, damit sich Schwankungen schnell niederschlagen. Früher wurden Zeitreihen von bis zu 30 Jahren genutzt — und die Veränderungen gingen unter.

Was Risikomanager heute ebenfalls umtreibt, ist die Politik. „Die Regierungen schnüren Rettungspakete für Eurostaaten, die Notenbanken kaufen Staatsanleihen: Was da alles passieren kann, ist mit Kennzahlen allein nicht zu erfassen“, sagt Peter Schenk, Risikochef bei der Investmentgesellschaft MEAG in München. Deshalb setzen Risikomanager verstärkt auf Stresstests und Szenarioanalysen. Man könnte auch sagen: Sie schicken ihre Portfolios durch die Finanzhölle und schauen, wie stark sie leiden. Wenn der Euro auseinanderbricht oder die Inflation auf sechs Prozent hochschießt. Wenn die Zinsen für zehnjährige Staatsanleihen um 100 Basispunkte steigen oder der DAX um 20 Prozent abschmiert. „Ich muss wissen, auf welche Einflüsse ein Portfolio sensibel reagiert, wenn ich es absichern will“, erklärt Schenk.

Und dann sind da noch die Gefahren, die ein Risikomanager nur mithilfe anderer Experten abschätzen kann. Ausfall- und Liquiditätsrisiken zum Beispiel (siehe Risikoarten links unten). Letztere sind seit dem Lehman-Kollaps wieder verstärkt ins Blickfeld gerückt. Denn in der da­rauffolgenden Vertrauenskrise waren sogar deutsche Pfandbriefe kaum noch handelbar, weil die Geld- und Briefkurse weit auseinanderdrifteten.

Dieses Phänomen hatte vorher so gut wie niemand auf dem Radarschirm. Das zeigt, dass eine große Krise stets neue Gefahren aufdecken kann. Eines scheint damit auch in Zukunft sicher: Risikomanager wie Bemmann werden noch mehr Tage erleben, an die sie sich lange erinnern können.

Was ist Risiko?

Marktrisiko
Das Marktrisiko kommt dem intuitiven Risikobegriff des Privatanlegers am nächsten. Vereinfacht ausgedrückt ist es das Verlustrisiko, das durch Kursschwankungen von Wertpapieren entsteht. Marktrisiken lassen sich mithilfe von Kennzahlen abschätzen — für einzelne Wertpapiere, aber auch für ganze Portfolios. Absichern kann man ein Portfolio gegen Marktrisiken typischerweise mit Derivaten und Stoppkursen. Mindern lässt sich das Marktrisiko eines Portfolios, indem der Fondsmanager die Anlagen breit streut.

Ausfallrisiko
Argentinien machte es im Jahr 2001, der Windparkausrüster Siag im Jahr 2012: den Bankrott erklären. Beide hatten Anleihen ausgegeben, die sie nicht oder nur teilweise bedienten. Das Risiko dafür nennt man Ausfallrisiko. Es besteht nicht nur bei Anleihen, sondern auch bei Derivaten. Aufschluss über die Wahrscheinlichkeit einer Insolvenz können die Bonitätsnoten der Ratingagenturen geben — oder ein eigenes intensives Bilanzstudium. Dass auch Staatsanleihen ein Ausfall­risiko bergen, ist spätestens seit Beginn der Eurokrise wieder ein Thema. Im Portfolio lässt sich das Ausfallrisiko am besten durch Diversifikation abfedern oder durch konsequenten Verzicht auf Problemfälle.

Liquiditätsrisiko
Das kam unerwartet: Nach dem Lehman-Kollaps waren deutsche Pfandbriefe kaum noch handelbar, die Geld- und Briefspannen liefen auseinander. Die Gefahr, Verluste durch die Nichthandelbarkeit von Wertpapieren zu verbuchen, nennt man Liquiditätsrisiko. Es ist schwer abzuschätzen — und eher ein Fall für erfahrene Marktbeobachter als für komplexe Rechnungen. Wolf Peters, Leiter Risikomanagement bei Allianz Global Investors, meint: „Gutes Risikomanagement ist immer eine Kombination aus der Analyse von Fakten und Erfahrung.“

Nachrichten zu K+S AG

  • Relevant
    1
  • Alle
    1
  • vom Unternehmen
  • Peer Group
  • ?

Um Ihnen die Übersicht über die große Anzahl an Nachrichten, die jeden Tag für ein Unternehmen erscheinen, etwas zu erleichtern, haben wir den Nachrichtenfeed in folgende Kategorien aufgeteilt:

Relevant: Nachrichten von ausgesuchten Quellen, die sich im Speziellen mit diesem Unternehmen befassen

Alle: Alle Nachrichten, die dieses Unternehmen betreffen. Z.B. auch Marktberichte die außerdem auch andere Unternehmen betreffen

vom Unternehmen: Nachrichten und Adhoc-Meldungen, die vom Unternehmen selbst veröffentlicht werden

Peer Group: Nachrichten von Unternehmen, die zur Peer Group gehören

Analysen zu K+S AG

  • Alle
  • Buy
  • Hold
  • Sell
  • ?
12:26 UhrK+S HoldWarburg Research
18.11.2019K+S HaltenIndependent Research GmbH
15.11.2019K+S UnderweightJP Morgan Chase & Co.
15.11.2019K+S HoldDeutsche Bank AG
15.11.2019K+S NeutralCredit Suisse Group
14.11.2019K+S kaufenDZ BANK
14.11.2019K+S kaufenNorddeutsche Landesbank (Nord/LB)
14.11.2019K+S buyKepler Cheuvreux
14.11.2019K+S buyBaader Bank
06.11.2019K+S buyBaader Bank
12:26 UhrK+S HoldWarburg Research
18.11.2019K+S HaltenIndependent Research GmbH
15.11.2019K+S HoldDeutsche Bank AG
15.11.2019K+S NeutralCredit Suisse Group
14.11.2019K+S HoldWarburg Research
15.11.2019K+S UnderweightJP Morgan Chase & Co.
14.11.2019K+S UnderweightJP Morgan Chase & Co.
24.09.2019K+S UnderweightJP Morgan Chase & Co.
18.09.2019K+S UnderweightMorgan Stanley
12.09.2019K+S UnderweightJP Morgan Chase & Co.

Um die Übersicht zu verbessern, haben Sie die Möglichkeit, die Analysen für K+S AG nach folgenden Kriterien zu filtern.

Alle: Alle Empfehlungen

Buy: Kaufempfehlungen wie z.B. "kaufen" oder "buy"

Hold: Halten-Empfehlungen wie z.B. "halten" oder "neutral"

Sell: Verkaufsempfehlungn wie z.B. "verkaufen" oder "reduce"
mehr Analysen
Werbung
Werbung
Börse Stuttgart Anlegerclub

Die richtige Strategie für die Börsenkrise

Stecken Sie nicht den Sand in den Kopf, sondern kaufen Sie die richtigen Aktien. Erfahren Sie im aktuellen Anlegermagazin mehr über attraktive Qualitätsaktien und zyklische Aktien
Kostenfrei registrieren und lesen!

Heute im Fokus

DAX schließt kaum verändert -- Dow schwächer -- Aroundtown: Offerte für TLG -- thyssenkrupp beauftragt Bank mit Untersuchung von Industrial Solutions -- Drägerwerk, easyJet, VW, MorphoSys im Fokus

EU-Kommission hat Bedenken gegen Metallo-Übernahme durch Aurubis. Galeria Karstadt Kaufhof übernimmt Teile von Thomas Cook. Gerresheimer-Aktie mit deutlichem Minus: Sanofi kündigt Projekt. Merck KGaA erwägt angeblich Verkauf des Pigment-Geschäfts. Home Depot senkt Prognose für Umsatzwachstum im Gesamtjahr.

Die 5 beliebtesten Top-Rankings

Hohe Ausgaben
Die beliebtesten Weihnachtsgeschenke 2019
Das Schwarzbuch 2019
Wo 2019 sinnlos Steuern verbrannt wurden
Die wertvollsten Marken der Welt 2019
Diese Unternehmen sind vorne mit dabei
Die beliebtesten Arbeitgeber in Deutschland
Hier arbeiten die Deutschen am liebsten
Die Performance der TecDAX-Werte im Oktober 2019.
Welche Aktie macht das Rennen?
mehr Top Rankings

Umfrage

Wo sehen Sie den Bitcoin-Kurs Ende 2019?

Online Brokerage über finanzen.net

finanzen.net Brokerage
Handeln Sie für nur 5 Euro Orderprovision* pro Trade aus der Informationswelt von finanzen.net!

ETF-Sparplan

Oskar ist der einfache und intelligente ETF-Sparplan. Er übernimmt die ETF-Auswahl, ist steuersmart, transparent und kostengünstig.
Zur klassischen Ansicht wechseln
Kontakt - Impressum - Werben - Pressemehr anzeigen
Top News
Beliebte Suchen
DAX 30
Öl
Euro US-Dollar
Bitcoin
Goldpreis
Meistgesucht
Wirecard AG747206
NEL ASAA0B733
Ballard Power Inc.A0RENB
Daimler AG710000
Deutsche Bank AG514000
Aurora Cannabis IncA12GS7
Microsoft Corp.870747
CommerzbankCBK100
EVOTEC SE566480
Apple Inc.865985
Volkswagen (VW) AG Vz.766403
BASFBASF11
Amazon906866
K+S AGKSAG88
Plug Power Inc.A1JA81