31.07.2022 14:49

Bei Gas-Lieferstopp: Kann Flüssigerdgas Russlands Lieferungen im Winter ersetzen?

LNG-Terminals: Bei Gas-Lieferstopp: Kann Flüssigerdgas Russlands Lieferungen im Winter ersetzen? | Nachricht | finanzen.net
LNG-Terminals
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Um sich von Gaslieferungen aus Russland unabhängig zu machen, lancieren europäische Länder derzeit zahlreiche LNG-Projekte - so auch Deutschland. Doch wann gehen diese tatsächlich in Betrieb - und was bedeutet das für den kommenden Winter?
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• Ausbau von LNG-Netz
• Stromnetz bedroht?

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Mehrere Länder von Lieferstopp betroffen

Aktuell ist Europa noch weitgehend von russischen Gaslieferungen abhängig. Dies soll sich aber baldmöglichst ändern. Der russische Konzern GAZPROM drehte bereits Polen, Bulgarien, Finnland, Dänemark, der Niederlande und Frankreich den Gashahn zu, weil ein Großteil dieser Länder kein Rubel-Konto bei der Gazprombank eröffnen wollte, um Zahlungen an Russland vorzunehmen. Bis auf Frankreich seien die betroffenen Länder aber aufgrund geringerer Liefermengen und bestehender Alternativen weniger abhängig von russischen Gaslieferungen, wie ICIS-Analyst Andreas Schröder gegenüber der Tagesschau betonte. Und auch Frankreich gleicht die fehlenden Gasmengen durch Lieferungen aus Spanien aus. Darüber hinaus setzt die Grande Nation bereits auf Flüssigerdgas.

Gaslieferungen nach Deutschland kommen durch Nord Stream 1-Wartung ins Stocken

In Deutschland ist die Situation derzeit besonders brisant. Mitte Juni drosselte GAZPROM den Gasdurchfluss durch die Pipeline Nord Stream 1 bereits um 40 Prozent, offiziell weil eine Turbine von Siemens Energy zur Wartung nach Kanada transportiert wurde, aufgrund der Sanktionen gegen Russland aber nicht wieder an den Einsatzort bewegt werden konnte. In einem Schreiben von Mitte Juli sprach der russische Konzern gar von "höherer Gewalt", die für die niedrigeren Lieferkapazitäten nach Europa verantwortlich sein sollen, wie die Nachrichtenagentur Reuters berichtete. Am 11. Juli begannen dann die Wartungsarbeiten an der Ostsee-Pipeline. In der Folge saß Deutschland für zehn Tage auf dem Trockenen. Die Angst war groß, dass Russland die Gaslieferungen anschließend nicht wieder aufnehmen würde. Inzwischen pumpt Russland zwar wieder Gas durch Nord Stream 1, allerdings sank der Gasdurchfluss weiter.

Bisher keine betriebsfähigen LNG-Projekte in Deutschland

Im Gegensatz zu Frankreich verfügt Deutschland derzeit aber noch nicht über LNG-Terminals. Nach Informationen des Fachmagazins "CHEMIE TECHNIK" dürfte das Scheitern entsprechender Vorhaben bisher vor allem den regulatorischen Bestimmungen geschuldet sein. Darüber hinaus sei Flüssigerdgas bisher hochpreisiger gewesen als russisches Pipeline-Gas, was vor allem private Geldgeber abgeschreckt haben dürfte. Seit Kriegsbeginn in der Ukraine wurden aber vier schwimmende LNG-Terminals in Auftrag gegeben, die schnellstmöglich abgeschlossen werden sollen. Zwei der gecharterten Niederlassungen sollen zwischen Ende 2022 und Anfang 2023 in Betrieb genommen werden, so das Magazin weiter. Bislang muss sich Deutschland aber auf LNG-Importe verlassen.

LNG-Importe nehmen zu

Flüssigerdgas hat den Vorteil, dass der Transport des Heizstoffs vereinfacht wird: Während Gas lange Zeit nur durch Pipelines transportiert werden konnte, hat man heute die Möglichkeit, den Rohstoff auf minus 162 Grad Celsius abzukühlen, wodurch er sich verflüssigt. Sobald das LNG dann am Zielort angekommen ist, kann es mithilfe von Terminals wieder zu Gas umgewandelt werden.

Wie die "Neue Zürcher Zeitung" unter Berufung auf Daten des Analysehauses Bernstein berichtet, nahmen die Importe für Flüssiggas in Europa zwischen Januar und Mai 2022 im Vergleich zum Vorjahr um mehr als 50 Prozent zu. Momentan arbeiten europäische Länder mit Hochdruck daran, die Gasversorgung sicherzustellen: Seit März wurden in Europa über 20 LNG-Projekte angekündigt bzw. beschleunigt. Ihr Gesamtvolumen soll den Löwenanteil von russischem Gas ersetzen. Kann sich Europa also bis zum Winter mit Flüssigerdgas eindecken und russische Lieferungen damit substituieren? Der NZZ zufolge halten Branchenkenner die straffen Zeitpläne für LNG-Projekte für sehr ambitioniert. So rechnet ein Händler der Zeitung zufolge damit, dass die schwimmenden Terminals, die Deutschland derzeit plant, erst im zweiten oder dritten Quartal 2023 nutzbar sein werden.

Importkapazitäten können nicht kurzfristig gesteigert werden

Darüber hinaus sind die Preise für Flüssigerdgas deutlich gestiegen. Laut NZZ wurde der Rohstoff in seiner Flüssigvariante zuvor hauptsächlich nach Europa geliefert, wenn in Asien ein Nachfragerückgang vorlag. Mittlerweile zahlt man in Europa aus Ermangelung an Alternativen aber deutlich höhere Preise für LNG. Am hohen Preisniveau dürfte sich in naher Zukunft aber auch nichts ändern, heißt es von Seiten von Branchenkennern und Strategen. Dies liegt mitunter daran, dass die Nachfrage nach Flüssiggas zwar sprunghaft angestiegen ist, gleichzeitig aber nur langsam neue Bestände auf den Markt gebracht werden können. Zwar erkannten einige Zulieferer den Bedarf bereits zeitnah und kündigten neue Projekte an, wodurch die Gasmenge aufgestockt werden könne - bis diese fertiggestellt sind, dürften aber noch einige Jahre ins Land ziehen. So soll etwa in Katar die Kapazität erhöht werden: Shell, Exxon Mobil, TotalEnergies, Eni und ConocoPhillips sind an dem Milliarden-Projekt beteiligt. Bis in der neuen Produktionsstätte aber tatsächlich Flüssigerdgas hergestellt wird, dürfte es bis 2027 dauern. Auch seien vorübergehende Erhöhungen der Produktion nicht ohne weiteres möglich, so die NZZ weiter. Um die hohen Kosten für den Bau solcher Projekte wieder reinzuholen, müssen diese in der Regel etwa 20 Jahre lang betrieben werden. Dies wird in einigen Ländern wohl mit den Emissionszielen der Regierungen in Konflikt geraten.

Flüssigerdgas nur als kurzfristige Lösung geeignet

Langfristig dürfte Flüssiggas für Europa also nicht der richtige Weg sein, heißt es bei der NZZ weiter. Zwar seien LNG-Lieferungen derzeit notwendig, um sich von Russland zu emanzipieren, der kommende Winter dürfte aber dennoch nicht sorgenfrei ablaufen. Denn auch wenn man die Gasspeicher bis zu den kalten Monaten füllen könnte, müssten die Lieferungen gleichzeitig aufrechterhalten werden. Einige Produktionsbetriebe dürften damit - zumindest teilweise - abgeschaltet werden.

Energieexpertin rät zur "ASSA"-Formel

Entwarnung kam jedoch jüngst von Seiten der Energie-Ökonomin Claudia Kemfert vom Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung. "Wir werden auch im Winter über 60 Prozent unseres Gases bekommen", lautet die Einschätzung der Expertin, die sie gegenüber "BR24" teilte. "Es ist sehr unwahrscheinlich, dass jetzt alle Gaslieferanten ausfallen, das heißt, wir auch die Speicher gut gefüllt haben werden." Um sich aber auf einen möglichen Notstand vorzubereiten, müsse sich die Bundesregierung zeitnah positionieren und Maßnahmen ergreifen. "Das Erste ist das Ausweichen, sprich, man muss aus anderen Ländern Gas beziehen", so Kemfert. Zwar beziehe Deutschland bereits Gas aus Norwegen und den Niederlanden, aber auch andere Länder könnten Gasmengen nach Deutschland exportieren. "Das Zweite ist das Speichern: Die Speicher müssen befüllt werden, möglichst voll bis zum Winter", erklärte sie weiter. "Das Dritte ist das Sparen, Sparen, Sparen." Dies betreffe sowohl die Industrie, die sich in diesem Fall von der Regierung entschädigen lassen könne, aber auch auf die Haushalte würden Sparmaßnahmen zukommen. "Und das Vierte ist Ausweiten, nämlich die erneuerbaren Energien müssen deutlich schneller ausgebaut werden", forderte die Ökonomin. Diesen Maßnahmenkatalog fasste sie als "ASSA"-Formel zusammen. Diskussionen über eine Gas-Triage erwartet Kemfert frühestens am Ende des Winters, sollte dieser besonders kalt werden.

Hoffnung auf kurzen, milden Winter

Weniger optimistisch zeigt sich jedoch Egbert Laege, Geschäftsführer von Securing Energy for Europe (Sefe) - zuvor bekannt als GAZPROM Germania. Lage trat die Führungsposition Anfang April an, wenige Tage nachdem der russische Staatskonzern seine Deutschland-Tochter unerwartet abstieß. "Wir müssen uns in jedem Fall für das Szenario wappnen, dass gar nichts mehr geht", warnte der Sefe-Chef kürzlich gegenüber dem "manager magazin". Entscheidend sei dabei auch, wie kalt und lang der kommende Winter werde. "Wir können nur hoffen, dass die Heizperiode dieses Jahr spät einsetzt und nicht sehr lange dauert", betonte Laege.

Stromnetz durch Gasmangel unter Druck?

Mit dem Mangel an Gas wächst aber auch zunehmend die Angst vor Stromengpässen oder gar einer Überlastung des Stromnetzes. Zwar heißt es in einer Analyse des Wirtschaftsministeriums, "dass ein sicherer Betrieb des Elektrizitätsversorgungsnetzes im Winter 2022/23 gewährleistet ist", nun will die Bundesregierung aber einen weiteren Stresstest für das Stromnetz durchführen - und zwar unter "weiter verschärften Bedingungen". Denn als Risikofaktor gilt der Zustand der Atomkraftwerke im Nachbarland Frankreich, so das RND. Einige der Werke werden momentan gewartet oder überprüft und liefern gar keinen Strom. Sollten die Reaktoren nicht bald wieder an das Netz angeschlossen werden, könnten deutsche Versorger das Nachsehen haben, warnten Thorsten Lenck von Agora Energiewende und Christoph Maurer vom Energie-Beratungsunternehmen Consentec gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Besonders in Frankreich werde viel mit Strom geheizt, sodass die Kapazitäten wohl vorrangig für das Heimatland genutzt werden. Ebenfalls als problematisch könnte sich eine Wetterperiode herausstellen, in der kaum die Sonne scheine und es auch nicht besonders windig sei. Damit würden Solar- und Windkraftanlagen mehrere Tage keinen Strom produzieren können, so die Befürchtung von Tobias Federico, Geschäftsführer beim Beratungsunternehmen Energy Brainpool. Auch könnte die Versorgung von Gaskraftwerken unter dem Gesichtspunkt leiden, dass das wenige verfügbare Gas vor allem zum Heizen verwendet werde. Zwar ist der Anteil von Gaskraftwerken am gesamten Stromnetz relativ gering, Lenck zufolge könnte die Versorgung der Werke im Zweifelsfall aber eine Überlastung des Netzes verhindern.

Überlastung durch Verbraucher denkbar

Die hohe Nachfrage nach Heizlüftern und Konvektorheizungen in den letzten Wochen zeigte, dass sich auch die Verbraucher auf eine Gas-Knappheit vorbereiten. Wenn nun aber das Heizen mit Gas vollständig durch stromintensive Alternativen ersetzt würde, könnte dies das gesamte Stromnetz in Mitleidenschaft ziehen. "Das ist ein Szenario, das man fast um jeden Preis verhindern muss", warnte Maurer. Zu groß sei das Risiko, dass sowohl die Erzeugung als auch der Transport von Strom erschwert werde. Sollten diese Risiken aber nicht eintreten, dürfte es im Winter nicht zu großen Engpässen kommen, so Maurer und Federico. Lenck hingegen hält vorübergehende Einschränkungen jedoch für möglich: "Nach unseren bisherigen Analysen ist es durchaus möglich, dass es im Winter in einigen Stunden knapp werden könnte", so der Experte gegenüber der Agentur.

Redaktion finanzen.net

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