ROUNDUP: Auftakt für die Zuerst-zum-Hausarzt-Reform
BERLIN (dpa-AFX) - Wie schnell kann man zur Orthopädin oder zum Hautarzt gehen? Häufig müssen Kassenpatienten darauf wochenlang warten. Für verlässlichere Termine bei Fachärztinnen und Fachärzten soll nach Plänen der schwarz-roten Koalition künftig eine gezieltere Patientensteuerung sorgen. Und zwar nach der Maxime: in der Regel erst einmal in die Hausarztpraxis. Gesundheitsministerin Nina Warken (CDU) lädt am Dienstag zum Auftakt für einen Dialog mit den Akteuren von Ärztevertretern bis zu den Krankenkassen. Die oppositionellen Grünen sehen ein großes Potenzial, warnen aber vor neuen Überlastungen.
Das Modell
Union und SPD wollen laut Koalitionsvertrag ein verbindliches Primärarztsystem einführen, bei dem man primär - also zuerst - in eine Hausarztpraxis geht. Diese überweist dann bei Bedarf und mit einem Termin in einem bestimmten Zeitraum an Fachärztinnen und Fachärzte. Klappt das nicht in einer Praxis, soll man auch zu Fachärzten in eine Klinik gehen können. Das soll eine "Termingarantie" darstellen. Bei Kindern sollen Kinderärzte die erste Anlaufstelle sein. Ziel ist eine effizientere Versorgung auch mit weniger unnötigen Mehrfachuntersuchungen.
Die Details
Wie genau das System ausgestaltet wird, ist noch offen. Warken will dazu jetzt zunächst einen Fachdialog starten. Laut Koalitionsvertrag sollen Termine bei Frauen- und Augenärzten vom Erst-zum-Hausarzt-Prinzip ausgenommen sein. Für Patienten mit bestimmten schweren chronischen Erkrankungen sollen "geeignete Lösungen" kommen - zum Beispiel Jahresüberweisungen oder dass ein Fachinternist die Rolle als steuernder Primärarzt übernehmen kann.
Die Großoperation
Der geplante Umbau gehört zu den Großprojekten dieser Wahlperiode, und es ist ein Eingriff in ein komplexes System: 578 Millionen Behandlungsfälle und eine Milliarde Kontakte von Patienten zu Fach- und Hausärzten gibt es nach Daten der Kassenärztlichen Bundesvereinigung pro Jahr in den bundesweit 98.500 Praxen. Warken peilt im Sommer einen ersten Referentenentwurf für ein Gesetz an. "Greifen wird die Primärversorgung aber erst im Laufe des Jahres 2028", erläuterte sie in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung".
Die Steuerungsinstrumente
Grundsätzlich gilt in Deutschland freie Arztwahl, und die soll nicht abgeschafft werden. Viele gehen auch schon jetzt zuerst zum Hausarzt und dann mit einer Überweisung weiter zur Folgebehandlung oder tiefergehenden Untersuchung bei Spezialisten. Generell verpflichtend sind Überweisungen aber nicht, sondern nur für bestimmte Fachärzte wie Radiologen. Damit ein neues System Anklang findet, sind auch schon Instrumente im Gespräch: etwa ein Bonus, wenn man sich daran hält oder eine Gebühr, wenn man doch direkt zum Facharzt geht.
Die digitale Voreinschätzung
Kommen soll auch eine Art Lotsen-Stelle, bevor Patienten sich überhaupt auf den Weg zur Praxis machen. Laut Koalitionsvertrag soll "die flächendeckende Möglichkeit einer strukturierten Ersteinschätzung über digitale Wege in Verbindung mit Telemedizin" geschaffen werden. Ideen gibt es bereits. Der Spitzenverband der gesetzlichen Krankenversicherungen (GKV) schlug vor, dass man etwa bei einer Kassen-App seine Beschwerden eingibt und erfährt, ob ein Arztbesuch nötig ist oder eine Apotheke helfen könnte. Dazu gehören sollte demnach auch eine neutrale Plattform mit verfügbaren Praxisterminen.
Die Anforderungen
Der Grünen-Gesundheitsexperte Janosch Dahmen sagte, ein gut gemachtes Primärsystem sei überfällig, denn es könne die Versorgung spürbar verbessern. Es brauche aber ein System, das Haus- und Kinderarztpraxen nachhaltig stärke, statt sie zu überlasten. "Weder eine Termin-App allein noch eine bloße Pflicht ohne Entlastung bringt bessere Versorgung." Sonst würden Hausärzte zu "Türstehern und bürokratischen Überweisungsstellen". Warteschlangen und Frust wären die Folge. Nötig seien aber mehr Zeit und mehr Teamversorgung./sam/DP/zb