Das Lieblingsbuch des Netflix-Co-CEO - und was es über Führung verrät

Der Netflix-Co-CEO Ted Sarandos liest kaum Managementbücher. Stattdessen zieht er Führungslehren aus einem Roman - und erklärt, warum Entscheidungen unter Unsicherheit für ihn der Kern von Leadership sind.
Leadership: Warum der Netflix-CEO keine Managementbücher liest
Was Führung ausmacht, wird häufig in Modellen, Leitfäden und Managementhandbüchern behandelt. Ted Sarandos, Co-CEO von Netflix, setzt bewusst einen anderen Schwerpunkt. Er sagt, er lese kaum klassische Managementliteratur, sondern ziehe seine wichtigsten Führungsimpulse aus Romanen, wie CNBC in der Reihe "Leaders Playbook" berichtet.
Besonders häufig greife Sarandos zur Novelle Typhoon von Joseph Conrad. Er lese das Buch immer wieder, weil sich ihm bei jeder Lektüre neue Perspektiven eröffneten.
Obwohl die Geschichte auf den ersten Blick keine klassische Managementhandlung erzählt, bezeichnet Sarandos das Werk dennoch als die eindrucksvollste Darstellung von Führung, die er kenne.
Führung unter Unsicherheit: Lehren aus "Typhoon"
Beim ersten Lesen der Novelle Typhoon habe Ted Sarandos den Kapitän als übermäßig risikofreudig wahrgenommen - als jemanden, der sich selbst und andere unnötig in Gefahr bringe, so laut CNBC.
Mit späteren Lektüren habe sich diese Sicht deutlich verändert. Für Sarandos stehe inzwischen weniger das einzelne Risiko im Vordergrund, sondern die Frage, wie Führungskräfte mit Entscheidungen umgehen, deren Folgen sich anders entwickeln als geplant. Entscheidend sei nicht, jede Unsicherheit zu vermeiden, sondern Verantwortung zu übernehmen, wenn Erwartungen verfehlt werden.
Aus dieser Perspektive versteht Sarandos Führung als Bewährungsprobe im Umgang mit Ungewissheit und Konflikten - insbesondere dann, wenn getroffene Entscheidungen nicht die erhofften Ergebnisse liefern.
Autonomie, Risiko und Vorbilder im Management
Auch die Zusammenarbeit mit dem Netflix-Mitgründer Reed Hastings habe Sarandos nachhaltig geprägt. Laut CNBC bestehe Hastings’ Führungsverständnis darin, talentierte Mitarbeiter auszuwählen, ihnen die nötigen Mittel an die Hand zu geben und ihnen anschließend weitgehende Entscheidungsfreiheit zu lassen.
Wie sich dieses Prinzip in der Praxis auswirkte, zeigt eine frühe unternehmerische Entscheidung von Sarandos. Er habe eigenständig einen sehr hohen finanziellen Einsatz für die erste Netflix-Eigenproduktion House of Cards freigegeben, ohne zuvor Rücksprache zu halten. Gegenüber Hastings habe er dies als bewusste Risiko-Abwägung beschrieben: Ein Scheitern hätte einen überhöhten Preis bedeutet, ein Erfolg hingegen das Potenzial gehabt, das gesamte Geschäftsmodell zu verändern.
Der Rückgriff auf fiktionale Literatur als Führungsquelle ist laut den Quellen kein Einzelfall. In der Biografie "The Everything Store" beschreibt der Autor Brad Stone, dass Jeff Bezos Anregungen für seinen Führungsstil aus dem Roman "The Remains of the Day" gezogen habe.
Auch Bill Gates hebt regelmäßig den Nutzen von Belletristik hervor. Romane könnten helfen, grundlegende Funktionsweisen von Organisationen und menschlichem Verhalten besser zu verstehen, schrieb Gates laut CNBC in einem Blogbeitrag.
Aus wissenschaftlicher Perspektive sieht man darin ebenfalls einen Mehrwert. Die Leadership-Forscherin Brooke Vuckovic von der Northwestern University erklärt laut CNBC, dass sich aus Romanen konkrete Führungslektionen ableiten lassen - vorausgesetzt, Leser setzen sich systematisch mit Figuren, Motiven und Konflikten auseinander und übertragen diese auf eigene berufliche Situationen.
Redaktion finanzen.net
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