01.05.2018 01:00

Sportradar-Chef Koerl: Der Vermesser des globalen Spitzensports

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Der schwäbische Ingenieur Carsten Koerl leitet von einem unscheinbaren Eckhaus im schweizerischen St. Gallen aus den weltgrößten Anbieter von Sport- und Wettdaten.
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von Peter Balsiger, €uro am Sonntag

Daten sind das neue Gold. Das gilt auch im Sportbusiness. Unbestrittener Champion in dieser boomenden Branche ist ein schwäbischer Ingenieur, der sich heute zu den reichsten Deutschen in der Schweiz zählen darf.


Carsten Koerl, Gründer und CEO der Firma Sportradar AG, ist der Kartograf des globalen Spitzensports: Er beschäftigt knapp 2.000 Mitarbeiter in 15 Ländern sowie rund 6.000 freiberufliche Daten-Scouts, die in Stadien oder vor dem Fernsehschirm per Smartphone alles erfassen, was messbar ist. Gesammelt werden weltweit Daten führender Sportligen - von Fußball bis Eishockey, vom Basketball bis zum American Football, vom Tennis bis zu den amerikanischen Stockcar-Rennen. Ob Bayern-Star Thomas Müller ein Tor schießt oder nicht, wie viele Zweikämpfe er auf dem Platz gewinnt oder verliert: All dies zeichnen Carsten Koerl und seine Mitarbeiter minutiös auf. Aber auch was in der dritten Fußballliga in Argentinien passiert, registriert Sportradar.

Illustre Truppe an Investoren

Daten von jährlich 120.000 Spielen aus 35 Sportarten werden so auf der ganzen Welt erfasst, analysiert und ausgewertet und an über 1.000 Kunden in über 80 Ländern verkauft. Zu den Kunden gehören Wettanbieter, Lotterien, Medien, Fernsehanstalten und Social-­Media-Plattformen wie Twitter, Google und Facebook, außerdem Sportverbände wie IOC, UEFA und FIFA.

"Unser Ziel ist es, den Zuschauern ­interessante Zusatzinformationen in Echtzeit zu bieten, um das TV-Erlebnis zu bereichern", so Koerl. Gleichzeitig helfen seine Daten im Kampf gegen Wettbetrug, denn längst ist das organisierte Verbrechen ein Big Player im Geschäft mit Sportwetten. Sportradar hat deshalb ein Überwachungssystem entwickelt, das mithilfe von Algorithmen Milliarden Sportdaten in Echtzeit auswertet und bei Anomalien Alarm schlägt. "Wir sind die Einzigen, die umfassende Sportdaten mit den Wettdaten abgleichen und auf diese Weise auffällige Verhaltensmuster erkennen können", behauptet Koerl.

Sportradar wächst seit Jahren hoch zweistellig. 2016 sprang der Umsatz laut "Manager Magazin" um 51 Prozent auf 203 Millionen Euro. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) stieg um 49 Prozent auf 61 Millionen Euro. 70 Prozent der Einnahmen sind von Wettanbietern, rechnete das Schweizer Wirtschaftsmagazin "Bilanz" aus: "Unternehmen wie Bet365, Oddset oder Bwin brauchen verlässliche Daten, um ihre Wettquoten zu berechnen."

Der 53-jährige Koerl hat eine illustre Truppe von Investoren um sich geschart. Dazu gehören die amerikanische Basketball-Legende Michael Jordan, Besitzer des NBA-Teams Charlotte Hornets, der milliardenschwere US-Investor Mark Cuban, Besitzer des legendären Basketball-Teams Dallas Mavericks, für das auch Dirk Nowitzki spielt, ferner AOL-Gründer Steve Case und Ted Leonsis, Ex-CEO von AOL. Im Verwaltungsrat sitzt ein weiterer Prominenter: Ex-Adidas-Chef Herbert Hainer.

Mit 37 Prozent beteiligt ist die Firma EQT, der Private-Equity-Arm der schwedischen Industriellenfamilie Wallenberg. EQT sucht jetzt einen Käufer für diese Beteiligung, die sie 2012 für gerade mal 44 Millionen Euro erworben hatte. Nahezu das gesamte Who’s who der Private-Equity-Branche solle laut "Manager Magazin" bereits Interesse signalisiert haben: Der Deal "hat das Zeug, eine der größten Techtransaktionen im deutsch­sprachigen Raum zu werden". Er könnte den Unternehmenswert von Sportradar auf 1,5 bis zwei Milliarden Euro treiben - und den Anteil von EQT auf über eine halbe Milliarde Euro.

Das Blatt spekuliert bereits, dass sich Alexander Dibelius, früher Goldman-­Sachs-Banker und heute Partner des ­Private-Equity-Hauses CVC, für den 37-Prozent-Anteil der Schweden interessieren könnte. Dibelius kenne schließlich den Sportradar-Verwaltungsratschef Herbert Hainer noch aus dessen Zeit bei Adidas.

Expansion in die USA geplant

Der eloquente und sportliche Koerl, der in seiner Jugend Fußball und Tennis spielte und ein leidenschaftlicher Skifahrer war, betreibt heute Golf als Ausgleichssport. Er meidet das Rampenlicht und die glamourösen Events, er besitzt keinen Privatjet und keine Villa in St. Tropez. Er genießt dafür das diskrete Image eines "Hidden Champion" und will lieber "im Stillen und Ruhigen arbeiten". Mehr als 200 Tage im Jahr reist er um die Welt, um seine 36 Büros zu besuchen. Er traf sich auch schon mit Face­book-Gründer Mark Zuckerberg.

Koerl will auf jeden Fall weiterhin an Bord bleiben und mit einem neuen Großaktionär vor allem die Expansion in den USA und auf dem Megamarkt China vorantreiben. Bei der Erfassung von Big Data im Sport sind die USA bereits führend. Koerl nennt dafür ein ­Beispiel aus der National Football ­League (NFL): "An den NFL-Spielern sind Sensoren angebracht, die 25-mal pro ­Sekunde die genaue Position melden." Wenn der Quarterback (der zen­trale Spielmacher) einen Schritt zurückgehe, um einen Pass zu spielen, dann könne die Software von Sportradar anhand der Fußstellung berechnen, welche Spieler auf dem Feld den Pass bekommen könnten.

Koerl hatte an der Fachhochschule Konstanz Elektro- und Prozessortechnik studiert: "Sport, Technik und Programmieren haben mich seit jeher fasziniert." Deshalb programmierte der Schwabe nach dem Studium eine Software für Sportwetten, für die sich jedoch niemand interessierte. Koerl: "Das war in den ganz frühen Tagen des ­Internets. Wir hatten keine Kunden, weil die Sportwetten-Agenturen damals unsicher waren, ob das Internet tatsächlich ein nachhaltiger Vertriebskanal sein würde."

Die Zeiten waren schwierig. "Aber ein guter Unternehmer muss auch ein-, zweimal vor dem Konkurs stehen." Kurz entschlossen gründete Koerl 1997 gleich selbst eine Wettfirma: Betandwin, 2006 zu Bwin umbenannt und zeitweise ­Europas größter Anbieter von Sport­wetten. Im März 2000, noch während des Internethypes, ging die Firma in Wien an die Börse. Es war einer der erfolgreichsten IPOs in Österreich. "Wir hatten damals viel Glück", gibt Koerl zu. "Wir hatten 70 Mitarbeiter, nur eine Story und kein Business." Die Firma wurde mit 110 Millionen Euro bewertet, "und wir haben 55 Millionen Euro Cash bekommen".

Aber als die Investoren später die Strategie der Firma mitbestimmen wollten, verlor Koerl die Lust und stieg bei Betandwin aus. 2002 verkaufte er seine Anteile und wurde reich: 140 bis 186 Millionen Euro erlöste er bei dem Verkauf. Danach bereiste Koerl erst mal ein halbes Jahr den australischen Outback. "Ich überlegte, ob ich jetzt in Rente gehen oder noch was machen sollte."

Aber das süße Leben als reicher Rentner war nicht Koerls Ding: Er stieg mit 51 Prozent bei der von zwei norwegischen Studenten im Rahmen einer ­Doktorarbeit gegründeten Firma namens Market Monitor ein, die Daten für Online-­Buchmacher aufbereitete. Die Firma wurde 2007 in Sportradar umbenannt. 2012 beteiligte sich dann die schwe­dische Private-Equity-Firma EQT an Koerls Unternehmen.

Sportradar wuchs mit geradezu atemberaubender Geschwindigkeit. Zu den Akquisitionen von Sportradar gehören auch die asiatische Sportdatenfirma GSS und die Münchner Servicefirma BTD, die zum Zeitpunkt der Übernahme im Jahr 2015 unter anderem verantwortlich war für den Onlineauftritt des FC Bayern München und das gesamte IT- und Zutrittskonzept der Münchner Allianz-Arena entwickelt hatte.

Wie lange wird Carsten Koerl noch weitermachen? Es sei nicht das Geld, was ihn antreibt. "Wir sind wie ein ­Segelschiff - ein starker Wind bläst in unsere Segel und treibt uns ganz schnell vorwärts. Das ist in unserer DNA. Die Firma wächst jedes Jahr zwischen 30 und 40 Prozent, und ich versuche, diese Wachstumsgeschwindigkeit zu halten."

An Bord dieses Segelschiffs will er noch lange bleiben. Und die Winde scheinen günstig ...

Kurzvita

Ein Gründertyp
Carsten Koerl studierte an der Universität Konstanz Ingenieurswissen­schaften. Danach war er in der Software- und Wettanbieterbranche in verschiedenen Managementpositionen tätig. 1997 gründete er den Wettanbieter Betandwin (heute Bwin). Das Unternehmen führte er im März 2000 erfolgreich an die Wiener Börse. 2001 startete er die Sportdatenanalysefirma Sport­radar, deren CEO er heute auch ist.

Sportwetten Den Betrügern auf der Spur
Mit der Verbreitung des Internets ist der Markt für Sportwetten rapide gewachsen - und damit auch das Volumen der illegalen Wettbörsen, die vor allem in Asien zu finden sind. Schätzungen zufolge fließen weltweit rund 500 Milliarden Euro in Sportwetten. Schätzungsweise etwa 80 Prozent davon sind wohl illegal.

Carsten Koerl will die Wettbetrüger mit Datenanalysen überführen. Seine Analysesysteme kennen alle Spielverläufe bis ins Detail und können hochrechnen, wo die Wettquoten normalerweise stehen müssten. Diese werden während eines Spiels permanent angepasst. Zum Beispiel dann, wenn ein wichtiger Spieler auf­grund einer Verletzung ausgewechselt werden muss. Koerl: "Gibt es keinen nachvollziehbaren Grund, warum die Wettdaten einen komplett anderen Spielverlauf prognostizieren als unsere Prognose aufgrund der Leistungsdaten, ist dies ein Hinweis, dass manipuliert wurde."

Jahrelang blieben die Wettsyndikate unter dem Radar der Strafverfolgung. Aber seit 2008 hat Carsten Koerls System bereits in 2532 Fällen Alarm geschlagen. Im Mai 2016 sperrte beispielsweise der rumänische Fußballverband 14 Spieler und drei Manager des FC Gloria Buzău - sie hatten insgesamt zehn Spiele manipuliert und wurden mit Sperren von teilweise zwei Jahren und Geldbußen bestraft. Auslöser war eine Verdachtsmeldung von Sportradar.

Koerl hat auch schon persönliche ­Erfahrungen mit Wettbetrügern gemacht. In den Anfängen von Betandwin fiel ihm auf, dass sein Unternehmen mit Wetten auf Tennisspiele in den USA immer Geld verlor. "Eines Nachts blieb ich im Büro, um zu sehen, was vor sich ging", erzählte er "Bilanz". "Da sah ich um zwei Uhr morgens unseren Buch­macher, wie er in den Serverraum trabte und die Serveruhr zurückstellte." So konnten der Buchmacher und seine Freunde in Europa auf die US-Spiele wetten und Gewinne einstreichen, weil sie das Ergebnis bereits kannten.




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Bildquellen: wavebreakmedia / Shutterstock, sdecoret / Shutterstock.com

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