Benjamin Feingold-Kolumne

Bayer wird zum Desaster

17.04.24 16:28 Uhr

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Bayer wird zum Desaster | finanzen.net

Stellen Sie sich vor, Sie führen eine der besten Marken des Landes mit einer hervorragenden Ausgangslage in einem vielversprechenden Markt. Dazu genießen Sie bei Mitarbeitern einen guten Ruf. Und dann machen Sie alles falsch. Einfach alles.

Im Wettbewerb um das am schlechtesten geführte Unternehmen in Deutschland lag die Deutsche Bank lange weit vorne. Jahrelang hatte man sich vom Investmentbanking in London förmlich per Bonuszahlungen als Selbstbedienungsladen ausziehen lassen ehe die Nachfolger der Ackermanns und Jains die Scherben irgendwie versuchten beiseite zu fegen. Im Gegensatz zur französischen Konkurrenz der BNP Paribas, die über die letzten zwanzig Jahre viel richtig gemacht hat, ist man aufgrund der Altlasten erst jetzt auf dem Wege der Besserung - Jahre später.

Klotz am Bein im DAX

Mitte der 2010er-Jahre hätte sich kaum jemand träumen lassen, dass man eine derartige Minderleistung in Deutschland noch toppen könnte. Doch für Aktionäre wie für Mitarbeiter wird jetzt so richtig sichtbar was Egoismus und schlechtes Management gepaart mit Naivität oder gar Vorsatz anrichten können. Die Rede ist natürlich vom ehemaligen DAX-Schwergewicht Bayer. "Vor zehn Jahren - im September 2024 - war Bayer der wertvollste Konzern im Deutschen Aktienindex", ruft Vanyo Walter vom Broker RoboMarkets in Erinnerung. Seither geht es bergab und zwar rasant. Die nackten Zahlen sprechen erstmal ihre eigene Sprache. "Vom Rekordbörsenkurs vor neun Jahren bei einem Kurs von 145 Euro und damit einer Marktkapitalisierung von 145 Milliarden Euro sind noch bescheidene 30 Milliarden übrig", macht Stefan Riße von Acatis die traurige Rechnung auf. Unter Anlegern sind alle Gewinner, die Bayer in den letzten Jahren nicht angefasst haben.

Amerikaner geschickt

US-amerikanische Gerichte lassen Bayer Stück für Stück ausbluten und scheinen nach einer sehr cleveren Taktik zu verfahren. Die Strafgelder sind gerade so hoch, dass Bayer diese entrichten kann und Jahr für Jahr zur Kasse gebeten wird. Jüngst kassierte man in einem Glyphosat-Prozess ein Urteil, dass auf zwei Milliarden fußt und nach bisherigen Erfahrungen auf 200 Millionen eingedampft werden dürfte in der Berufung. Dennoch jagt eine dieser Hiobsbotschaften die nächste. Das schlimme jedoch daran ist, dass Bayer all dies hätte ahnen und kalkulieren können. 2015 war Monsanto schon lange vor der Übernahme nicht nur ein umstrittener Konzern sondern eine tickende Zeitbombe. Den Protagonisten um den final ausführenden Boss Werner Baumann kann man Naivität und Ahnungslosigkeit unterstellen. Dies wäre einerseits generös, denn Vorsatz entfiele damit. Andererseits wäre es umso beschämender, denn der Pfad von Bayer mit Monsanto war vorgezeichnet.

Selbstbedienung

Schon mit Bekanntgabe der Übernahme wetzten Anwälte in den USA die Messer und freuten sich förmlich darauf - inklusive passender Werbespots im TV für Klagen gegen Bayer - den deutschen Konzern auszunehmen wie eine Weihnachtsgans. Bayers Argumente für eine Monsanto-Übernahme lauteten einst in die Richtung, dass man in einem umkämpften Markt eben zugreifen müsse, ehe man selbst geschluckt würde. Rückblickend wirkt das Argument so absurd als würde sich der SC Freiburg hoch verschulden um einen dauerverletzten Altstar von Paris St.Germain zu verpflichten mit der Begründung man bräuchte eben elf Spieler. Die Übernahme Monsantos war weder Zwang noch sinnvolles Fusionieren, sondern vielmehr ein Ego-Trip der damaligen Führungsetage in Zusammenarbeit mit dem Aufsichtsrat.

Anleger und Mitarbeiter gemeinsam im Boot

Die Folgen spüren nun einerseits die Anleger und andererseits die Mitarbeiter. Bis zur Zeit der Monsanto-Übernahme galt im Pharmasektor, dass man zu Bayer ging und nicht von Bayer kam, um einen Spruch aus dem Medienbereich abzuwandeln. Mittlerweile ist Bayer ein Konzern, den viele Mitarbeiter so schnell es geht Richtung Roche, Novo Nordisk oder Boehringer Ingelheim verlassen wollen. Anleger dagegen ergriffen die Flucht, da der Kursverfall offensichtlich und nicht zu stoppen war.

Historischer Tiefpunkt

Erstmals in der Geschichte gibt es betriebsbedingte Kündigungen und die Mitarbeiteraktien vieler Angestellter - in früheren Zeiten dank Dividende und Kursentwicklung ein echtes Asset - rasen im Wert abwärts. An diesem Punkt kann man sich mit den Kollegen der Deutschen Bank die Hand reichen. Denn für die Aktie der Deutschen Bank begann der Bayer-Moment mit der Lehman-Krise 2007/2008. Damals endete im Bankensektor die Party. Die Deutsche-Bank-Aktie stabilisierte sich just zu dem Zeitpunkt als bei Bayer der Verfall begann. "Mehr als eine Stabilisierung des Kurses seit 2016 ist per Saldo bisher aber nicht drin", finden die Experten vom Lynx-Broker. Traurige Aussichten für Bayer-Aktionäre, denen ein wichtiger Rat bleibt: Von Firmen, deren Führungsriege einen offensichtlichen Ego-Trip fährt, sollte man tunlichst die Finger lassen.

Dynamik entscheidet

Besser schneidet man ab, wenn man Markendynamik und Markenstärke von Firmen ins Gewicht setzt. Auswertungen, die der Börsendienst Feingold Research mittlerweile fünfzehn Jahre lang durchführt, zeigen, dass Markenwertdynamik Firmen filtert, die sich auf ihrer Marke nicht ausruhen, sondern stetig höheren Markenwert schaffen. Im Portfolio landen dann eben Google, Microsoft, Starbucks, BNP Paribas, JP Morgan oder CocaCola. Eine Bayer taucht unter den 200 stärksten Marken der Welt lange nicht mehr auf. Zu Recht. Und darauf sollten Anleger achten.

150 Jahre Börsenerfahrung kombiniert technische Analyse, Trading, Börsenpsychologie und konkrete Investments. Benjamin Feingold ist Mit-Gründer von Feingold Research. Unseren Börsendienst finden Sie unter feingoldresearch.de!

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