Zinswende in die falsche Richtung

Attraktive Zinsen auf Tages- und Festgeld gibt es bei deutschen Banken seit mehr als zwei Jahren kaum noch. Der niedrige EZB-Leitzins verhindert nach wie vor, dass die Zinssätze auf diese beliebten Sparformen wieder nach oben klettern. Ein Zinsanstieg lässt sich derzeit dennoch beobachten: Kredite werden teurer.
Nach einer Analyse der FMH-Finanzberatung haben sich die Zinsen für Festgeld in den vergan-genen Wochen und Monaten kaum verändert. Aktuell rangieren die Zinssätze deutscher Banken für Festgeld mit einjähriger Laufzeit im Durchschnitt bei 0,39 Prozent (Stand: 16. Juni). Auch beim 6-Monats-Festgeld stagnieren die Zinsen bereits seit Wochen bei durchschnittlich 0,28 Pro-zent. Deutlich nach oben ging es dagegen bei den Hypothekenzinsen. Für einen Kredit per Hausbeleihung mit zehn Jahren Laufzeit sind die Zinsen seit Mitte April um fast 0,6 Prozent auf aktuell 1,76 Prozent gestiegen.
Im Interesse vieler Sparer wäre es mit Sicherheit, wenn die Einlagezinsen in Deutschland wieder diese Höhe erreichen würden. Doch hier ist weiterhin keine Besserung in Sicht. Die Refinanzie-rungssituation der Banken ist besser denn je. Über die EZB lässt sich nach wie vor zu günstigen Konditionen frisches Kapital beschaffen. Warum sollten die Geldhäuser also mit attraktiven Zin-sen auf Tages- oder Festgeld um das Geld privater Sparer buhlen?
EZB hebelt Wettbewerb der Banken aus
Dass bei deutschen Banken derzeit flächendeckend keine hochverzinsten Sparprodukte zu fin-den sind, hängt auch damit zusammen, dass die EZB mit ihrer Geldpolitik massiv in den Inter-bankenwettbewerb eingreift. Das Zusammenspiel aus Angebot und Nachfrage wird durch das Anleihenkaufprogramm der EZB stark verzerrt. Um die Wirtschaft in der Euro-Zone zu stärken, werden seitens der EZB monatlich rund 60 Milliarden Euro in die Märkte gepumpt. Dieser mas-sive Eingriff in die Marktsituation bringt den Wettbewerb der Banken um neue Kunden und neu-es Geld fast zum Erliegen.
Deutsche Sparer sollten aber die Hoffnung auf eine Zinswende in ihrem Sinne nicht gänzlich zu Grabe tragen. Die Anzeichen verhärten sich, dass die US-Notenbank Fed zum Jahresende ihre Zinsen wieder erhöhen wird. Dies könnte von der EZB als Signal aufgefasst werden, auch ihren historisch niedrigen Leitzins (aktuell 0,05 Prozent) langsam wieder nach oben zu korrigieren. Die Pessimisten unter den Experten gehen allerdings davon aus, dass frühestens Ende 2018 mit einem ersten Leitzinsschritt nach oben zu rechnen ist.
Christian Tiessen ist Managing Director von Savedo (www.savedo.de), dem Online-Marktplatz für europäische Festgelder. In seiner Kolumne äußert er sich u.a. zu Entwicklungen des Zinsniveaus für Sparprodukte sowie zu aktuellen Themen im Bereich FinTech und Banken.
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