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07.03.2017 15:00
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Börsen: Neuer Markt? Bloß nicht!

Euro am Sonntag-Analyse: Börsen: Neuer Markt? Bloß nicht! | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Analyse
Jetzt ist mit Scale das neue Segment für kleinere Firmen gestartet. Aufnahmeregeln sind streng - und die Deutsche Börse versucht alles, damit es keine Parallelen zur Nemax-Blase gibt.
€uro am Sonntag
von Christian Scheid, Euro am Sonntag

Das waren wilde Zeiten. Drei Jahre lang stürmten die Kurse am Neuen Markt nach oben. Im März 1997 als Segment für junge und wachstumsstarke Unternehmen gestartet, kletterten die Notierungen im Schnitt um fast das 20-Fache. Das Extrembeispiel ist die Medienfirma EM.TV: Nach dem Börsengang im Oktober 1997 stieg der Kurs in der Spitze von umgerechnet 36 Cent bis auf 91,15 Euro - ein Plus von mehr als 25.000 Prozent. Wer sein Geld in solche Aktien gesteckt hatte, konnte mit wenig Einsatz zum Millionär werden. Bleiben konnte das aber nur, wer sich rechtzeitig zurückgezogen hatte, bevor die Blase platzte.


Wer diese Zeit miterlebt hat, musste im November 2016 wohl zweimal auf die Mitteilung schauen, mit der die Deutsche Börse die Einführung ihres neuen Segments zum 1. März ankündigte. Damit soll der Zugang von kleineren und mittleren Unternehmen (KMU) zu Investoren und Wachstumskapital verbessert werden. Inzwischen ist auch ein Name für das Segment gefunden, das den 2005 gestarteten Entry Standard (siehe Investor-Info) ersetzen soll: Scale. Ergebnis eines Namenswettbewerbs, zu dem der Vorstandschef der Deutschen Börse, Carsten Kengeter, aufgerufen hatte. Rund 550 Vorschläge wurden eingereicht. "Der Name Scale definiert klar unser Ziel, das bestehende Ökosystem für Unternehmensfinanzierungen auszubauen", meint Kengeter. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen sollen profitieren: "Denn hier ist der Bedarf an einem besseren Zugang zu Eigenkapital besonders groß."


Klingt schon ein wenig nach Wiederauflage des Boom-and-Bust-Segments der Jahrtausendwende. Doch Eric Leupold, Leiter der Abteilung Pre-IPO & Growth Financing der Deutschen Börse, wiegelt ab: "Scale ist kein Neuer Markt. Wir schaffen mit Scale kein reines Segment für Technologie- oder Wachstumsfirmen, sondern sprechen kleine und mittlere Unternehmen aller Branchen an, die vor Herausforderungen wie Industrie 4.0 oder Digitalisierung stehen."

Das ist auch besser so, der wilden Party folgte damals die Ernüchterung. Im März 2000 hatte der Neue Markt sein Allzeithoch markiert, dann platzte in den USA die New-Economy-Blase, in der Folge stürzten auch hierzulande die Aktienkurse ab. Weitere drei Jahre später hatten die meisten Anleger ihr Geld verloren. Viele der einst gefeierten Firmen meldeten Insolvenz an, weil ihre Geschäftsmodelle nicht tragfähig waren. Skandale, die sich tief ins Gedächtnis vieler Anleger eingebrannt haben.

Strikte Aufnahmekriterien

Damit das nicht wieder passiert, gibt es für Scale ein strenges Regelwerk. Zur Zielgruppe des Segments zählen Unternehmen, die sich bei Investoren bereits bewährt haben. Um aufgenommen zu werden, ist unter anderem die Zusammenarbeit mit einem "Deutsche Börse Capital Market Partner" nötig, der die Eignung fürs Segment prüft. Dabei soll eine Risikoprüfung, eine Due Diligence, unter rechtlichen und finanziellen Gesichtspunkten, stattfinden.

Die Firmen müssen unter anderem drei von fünf Transparenz- und Leistungskennzahlen - Key Performance Indicators (KPI) - erfüllen: Umsatz von mindestens zehn Millionen Euro, positives Jahresergebnis, positives bilanzielles Eigenkapital, mindestens 20  Mitarbeiter und kumuliertes, bereits eingesammeltes Eigenkapital von mindestens fünf  Millionen Euro.

Darüber hinaus muss der voraussichtliche Börsenwert bei Einbeziehung in den Handel mindestens 30 Millionen Euro betragen. Die Unternehmenshistorie muss mindestens zwei Jahre sowie der Streubesitz mindestens 20 Prozent oder mindestens eine Million Aktien erreichen. Die Unternehmen unterliegen außerdem der Market Abuse Regulation und sind somit zur Ad-hoc-Publizität verpflichtet. Sie müssen Insiderlisten führen und Geschäfte von Führungskräften, die "Managers’ Transactions", melden.

Firmen, die nicht vom Entry Standard zu Scale wechseln wollten, finden sich seit 1. März im Basic Board wieder. Zu ihnen zählt die Technologieholding Max21. "Grundsätzlich hätte man den Entry Standard auch umbauen können. Warum man ein neues Segment aufbauen musste, ist mir unklar", sagt Nils Manegold, Vorstand der Beteiligungsfirma. "Insbesondere aufgrund der schlechten Vorbereitung und des Zeitdrucks kann der Eindruck entstehen, dass man den Entry Standard schnell loshaben wollte", meint der Manager.

Die Mehrheit der Unternehmen begrüßt indes die Einführung von Scale. "Wir erwarten durch das neue Segment eine erhöhte Aufmerksamkeit von Investoren und Medien, vor allem durch die stärkere Selektion der einbezogenen Emittenten sowie unterstützende Marketingmaßnahmen der Deutschen Börse", sagt etwa Dietmar Brockhaus, Finanzvorstand von 2G Energy.

Profi-Anleger sind ebenfalls positiv gestimmt: "Klappern gehört zum Handwerk. Ein neues Segment schafft es hoffentlich, die Attraktivität so zu steigern, dass Frankfurt gegenüber Euronext, AIM und anderen Mittelstandssegmenten wettbewerbsfähig bleibt", so Georg Oehm, Initiator des Fonds Mellinckrodt German Opportunities, mit Blick etwa auf Börsen in Brüssel und London.

Obligatorische Studien

Einige Pflichten sind aber umstritten. Vor allem die von der Börse in Auftrag gegebenen obligatorischen Researchberichte, welche die Visibilität gegenüber Investoren verbessern sollen. "Ob sich der zwangsweise Mehraufwand - auch in finanzieller Hinsicht - lohnt, muss abgewartet werden. Dies hängt sicher auch von der Qualität und dem Mehrwert ab, den diese Berichte den Investoren tatsächlich bringen", sagt Markus Büscher, Vorstand des Holzverarbeiters Delignit. Christoph Gerlinger, Chef der German Startups Group, findet die Regelung dagegen gut, "weil es für kleine Emittenten schwierig ist, Coverage von unabhängigen Analysten zu bekommen". Aus Anlegersicht dürfte dank der Berichte die Transparenz im Nebenwertesektor erheblich steigen.

Gleichwohl sollten sich Anleger stets bewusst sein, dass auch das Siegel Scale kein Garant für Kursgewinne ist - einen 25.000-Prozenter wie einst bei EM.TV sollte sowieso niemand erwarten.

Investor-Info

Marktstruktur der Börse
Regeln und Transparenz

Für Unternehmen und ihre Aktien gibt es zwei Wege an den Kapitalmarkt: Über den Regulierten Markt, dessen Regeln von der EU festgelegt sind, und den Open Market (Freiverkehr), der von der Börse reguliert wird. In Frankfurt ist der Regulierte Markt unterteilt in General Standard und Prime Standard. In Letzterem gelten höhere Transparenzanforderungen, nur hier gelistete Firmen kommen in die sogenannten Auswahlindizes DAX, MDAX, TecDAX oder SDAX.
Der Open Market wiederum ist unterteilt ins Quotation Board und ins neue Segment Scale. Hier gelten höhere Anforderungen als im alten Entry Standard. Firmen, die diesen Anforderungen nicht genügen konnten oder wollten, sind ins Basic Board gefallen, in dem das Anforderungsniveau zwischen Quotation Board und Scale liegt. Zwei aussichtsreiche Titel, die beim Scale-Start dabei sind, stellen wir unten kurz vor.

Mensch und Maschine
Gewinnverdopplung als Ziel

Der Softwarespezialist erzielte 2016 neue Rekorde: Der Umsatz stieg um vier Prozent auf 167 Millionen, der Nettogewinn um 68 Prozent auf 6,5 Millionen Euro. Auf bereinigter Basis lag der Gewinn je Aktie bei 50 Cent, mittelfristig soll dieser Wert über einen Euro steigen. Trotz Kursrally noch nicht zu teuer.

MPC Capital
Erfolgreicher Umbau

Vom Spezialisten für Geschlossene Investments zum Manager von sachwertbasierten Anlagen für institutionelle Investoren wurde MPC Capital, Schwerpunkt: Schifffahrt, Immobilien und Infrastruktur. Der Umsatz stieg 2016 um 13 Prozent auf 54 Millionen Euro, der Gewinn um 39 Prozent auf 10,4 Millionen. 2017 soll der Umsatz mindestens zehn Prozent und der Gewinn überproportional steigen.

Bildquellen: Julian Mezger für Finanzen Verlag, Wolfgang Kriegbaum für Finanzen Verlag
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13.08.2019Deutsche Börse buyDeutsche Bank AG
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