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02.09.2018 01:00
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Niall Ferguson: "Es ist viel Ignoranz mit im Spiel"

Euro am Sonntag-Interview: Niall Ferguson: "Es ist viel Ignoranz mit im Spiel" | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Interview
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Der britische Autor und Wirtschaftshistoriker warnt vor der Macht sozialer Netzwerke wie Facebook. Sie helfen nicht nur totalitären Staaten, uns zu überwachen.
€uro am Sonntag
von Astrid Zehbe, €uro am Sonntag

Der 54-jährige Niall Ferguson gilt als einer der renommiertesten Historiker der Welt - und ist Autor von 14 Büchern, die sich vor allem mit den Finanzmärkten und ihren Akteuren beschäftigen. Zuletzt erschien sein Buch "Türme und Plätze: Netzwerke, Hierarchien und der Kampf um die globale Macht". Seine These: Soziale Netzwerke sind kein Phänomen der Gegenwart, die Welt war schon zu Zeiten der Renaissance vernetzt. Und Netzwerke können stärker sein als jede Hierarchie. Das schafft Raum für Aufbruch - macht sie aber auch umso gefährlicher.


€uro am Sonntag: In Ihrem Buch vergleichen Sie soziale Netzwerke wie Facebook mit der Erfindung des Buchdrucks vor 500 Jahren. Damals kam es zu sozialen Unruhen und Religionskriegen. Müssen wir uns Sorgen machen?
Niall Ferguson: Wir sollten auf jeden Fall aus der Geschichte lernen. Als Martin Luther begann, seine Thesen und Ideen mithilfe des Buchdrucks zu verbreiten, hielt er diese neue Technologie für durchweg positiv. Schließlich ermöglichte sie viel mehr Menschen den Zugang zu Wissen. Doch schon bald stellte sich heraus, dass dies die Polarisierung in der Gesellschaft verstärkte, religiöse Konflikte heraufbeschwor und sich abstruse Ideen wie die Existenz von Hexen wie ein Lauffeuer verbreiteten. Ich sehe viele Parallelen zu heute und der Erfindung des Internets mit seinen sozialen Netzwerken.

Gründer sozialer Plattformen wie Facebook-Chef Mark Zuckerberg beharren darauf, dass die digitale Vernetzung die Welt zu einem demokratischeren Ort macht. Ist das ignorant, naiv oder einfach nur Teil des Marketings?
Von allem etwas. Es ist viel Ignoranz mit im Spiel, da es bei vielen Menschen leider an historischem Verständnis hapert. Dazu kommt die Naivität zu glauben, dass man einfach riesige soziale Netzwerke auf bauen kann, ohne damit Probleme hervorzurufen. Und natürlich ist es auch Marketing: Wer von Milliarden von Menschen kostenlos Daten zur Verfügung gestellt bekommen will, um sie für Werbezwecke zu nutzen, der muss ihnen eben eine besonders gute Geschichte erzählen.

Sie leben an der US-Westküste, nicht weit weg vom Silicon Valley. Wie waren dort die Reaktionen auf Ihr Buch?
Unterschiedlich. Einige wie Ex-Google-­Chef Eric Schmidt mochten das Buch sehr. Andere, etwa Netscape-Mitgründer Marc Andreessen, fanden es zu kritisch. Dass ich einen wunden Punkt getroffen habe, war mir aber klar.

Welchen denn?
Die US-Präsidentschaftswahlen von 2016. Die meisten Techfirmen im Silicon Valley stehen politisch eher aufseiten der Demokraten. Dass ausgerechnet ihre Technologien einem republikanischen Präsidentschaftskandidaten wie Donald Trump ins Amt verholfen haben, war ein Schock. Trumps Team verstand es hervorragend, soziale Plattformen wie Facebook und Twitter im Wahlkampf für sich zu nutzen. Glauben Sie mir, diese Unternehmen werden es nicht noch mal zulassen, dass sich so etwas wie 2016 wiederholt.

Welche Rolle spielen soziale Netzwerke bei Wahlen in anderen Teilen der Welt?
Eine starke Präsenz in den sozialen Netzwerken wird weltweit in Wahlkämpfen immer wichtiger, da sich auf diese Weise potenzielle Wähler direkt ansprechen lassen. Aktuell beobachte ich die Wahlen in Brasilien und bin gespannt, wie aufschlussreich die Zahlen dort am Ende sind.

In Brasilien hat Jair Bolsonaro, ein als rechtsradikal und homophob geltender Hardliner, beste Chancen auf das Präsidentenamt. Er bespielt die sozialen Medien virtuos. Wieso gelingt es aus­gerechnet extremen Kandidaten, diese Plattformen so für sich zu nutzen?
Neben der Möglichkeit, Falschmeldungen und Nachrichten mit extremen Inhalten problemlos zu verbreiten, haben Netzwerkplattformen die Tendenz zu polarisieren. Jedem wird seine eigene Realität vorgegaukelt, was Entfremdung und gegenseitige Ablehnung verschiedener Ideologien noch verstärkt. Ein System, das es zulässt, dass Medienplattformen zu Multiplikatoren charismatischer Demagogen werden, gefährdet die Demokratie.

Nach den Wahlen in den USA, aber auch nach dem Brexit-Votum in Europa wurde die Macht sozialer Netzwerke immer wieder kontrovers diskutiert. Viele fordern eine Regulierung - Sie auch. Warum?
Die Techriesen unterliegen in den USA so gut wie keiner Regulierung, dabei bergen ihre Monopolstellungen erhebliche Risiken. 80 Prozent der Amerikaner konsumieren Nachrichten mittlerweile ausschließlich über Facebook und Google. Das macht sie zu den mächtigsten Nachrichtenkanälen der Menschheits­geschichte. Sie bestimmen, was die Nutzer sehen und was nicht. Und wer glaubt, Face­book oder Google würden diese Macht nicht nutzen, ist ein Träumer.

Aber wie lassen sich diese Giganten denn regulieren?
Im Moment haften die Unternehmen nicht für die Inhalte, die auf ihren Plattformen veröffentlicht werden - weder für Fake News noch für die Verbreitung extremer Ansichten. Diese Immunität muss ihnen entzogen werden.

Will Washington das wirklich?
Ich weiß es nicht. Das Problem ist, dass Kongressabgeordnete auf Wahlkampfspenden angewiesen sind. Die Unternehmen haben tiefe Taschen, und der Versuch, ihre Macht einzuschränken, hätte wohl zur Folge, dass kein Geld mehr fließt. Aber den Republikanern könnte bald bewusst werden, dass die öffentliche Wahrnehmung mehr und mehr von zwei eher links orientierten Unternehmen kontrolliert wird: Google und Facebook.

Sie spielen auf die Zwischenwahlen im Herbst an?
Ja, bislang ist deren Ausgang weitestgehend offen. Aber wenn die Demokraten Boden gutmachen können und ihnen dies nachweislich mithilfe sozialer Netzwerke gelingt, dann könnte sich der Ton der Republikaner gegenüber den Techfirmen zügig ändern.

Auch in China gibt es riesige soziale Netzwerke, aber unter erheblichem staatlichem Einfluss. Wie beurteilen Sie die Situation dort?
China ist ein Albtraum, noch schlimmer als George Orwells Buch "1984". Das Land sammelt in rasantem Tempo Daten seiner Bürger, um ein soziales und politisches Bewertungssystem für jeden Einzelnen zu erstellen. Damit ist es mächtiger als jedes totalitäre Regime des 20. Jahrhunderts.

Glauben Sie, dass Chinas soziale Netzwerke auch in anderen Ländern Fuß fassen könnten?
Während der Recherche für das Buch habe ich gelernt, dass man chinesische Techfirmen keinesfalls unterschätzen sollte. Sie haben beste Chancen, in andere Schwellenländer zu expandieren.

Obwohl dort bereits die großen US-Unternehmen wie Facebook präsent sind?
Die chinesischen Firmen haben einen unschlagbaren Vorteil: Sie bieten neben Kommunikation gut funktionierende Bezahldienste, die den westlichen Äquivalenten um einiges überlegen sind.

Das heißt, Menschen aus Ländern mit unterentwickelten Banken könnten so problemlos Geld transferieren, bezahlten das jedoch mit ihren Daten?
Ja, das ist bereits Realität. Und ich befürchte, dass weitere Business-Sparten in Netzwerken aggregiert werden.

Welche zum Beispiel?
Im Finanzsektor ist das zurzeit zu beobachten. Plattformen wie Ant Financial, eine chinesische Alibaba-Tochter, bieten immer mehr Finanzprodukte. Die Gebühren sind gering oder entfallen. Dafür erhalten sie Daten über das Konsum- und Finanzverhalten, die viel wertvoller sind als Gebühren. Dieses Konzept lässt sich beliebig auf andere Geschäftsfelder anwenden.

Welche Gefahren sehen Sie?
Diese Entwicklung könnte zu einer gigantischen Machtkonzentration bei Netzwerkplattformen führen, den amerikanischen und den chinesischen. Die werden sich die Welt aufteilen.

Und Europa bleibt auf der Strecke?
Europa hat nur wenige bedeutende Technologieunternehmen. Alles, was die Europäer tun können, ist, die ausländischen Techriesen zu regulieren und zu besteuern. Ich finde es gut, dass die europäischen Staatschefs dies auch versuchen. Der Kontinent könnte Standards setzen.

Eine Kontrolle von Netzwerken durch Hierarchie wäre also möglich?
Ja, man konnte das in der Finanzkrise vor zehn Jahren sehen. Durch ihre starke Vernetzung haben faule US-Immobilienkredite gereicht, um das gesamte Finanzsystem fast kollabieren zu lassen. Es waren hierarchische Strukturen wie Notenbanken und Regierungen, die durch ihre Maßnahmen noch Schlimmeres verhindert haben. Das zeigt, dass in Krisensituationen hierarchische Strukturen sogar notwendig sind, weil man jemanden braucht, der die Sache in die Hand nimmt. Wäre das 2008 nicht geschehen, wäre die Welt in eine noch schlimmere Rezession gerutscht.

Vita

Einflussreiche Stimme
Der gebürtige Schotte studierte Geschichte und Anglistik in Oxford. Seit 2004 hat er zwei Professuren an der Harvard Universität. Im gleichen Jahr wurde er vom "Time Magazine" als eine der 100 einfluss­reichsten Personen der Welt gelistet. Er arbeitet als Berater für die britische Vermögensverwaltung GLG Partners sowie als Kolumnist für "Financial Times" und "Newsweek".




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Bildquellen: Götz Schleser für Finanzen Verlag

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