16.08.2022 19:28

Trendiger Fleischverzicht: Welche Lebensmittel-Aktien profitieren

Immer mehr leben ohne: Trendiger Fleischverzicht: Welche Lebensmittel-Aktien profitieren | Nachricht | finanzen.net
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Die Zahl derer, die häufiger oder ganz auf Fleisch verzichten, steigt. Die Hersteller haben längst erkannt, wie sich mit dem Trend Geld verdienen lässt.
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von Walter Böhm, Euro am Sonntag

Die Zahlen sprechen für sich. Derzeit gibt es in Deutschland 7,9 Millionen Menschen, die sich als Vegetarier bezeichnen, so die Allensbacher Markt- und Werbeträger-Analyse. Damit stieg die Zahl um rund 400.000. Im vergangenen Jahr verbannten sogar eine Million mehr Verbraucher Fleisch von ihrem Teller als 2020. Möglicherweise war hier die Corona-Pandemie Auslöser für eine gesündere Ernährung.

Schon seit Jahren steigt die Zahl der Vegetarier, wobei der Begriff nicht einheitlich verwendet wird. So gibt es Konsumenten, die sowohl Fleisch als auch Fisch meiden, andere sagen zumindest bei Lachs, Forelle und Co nicht nein. Der vollständige Verzicht auf tierische Produkte, also auch auf Milch oder Käse, ist vor allem bei jungen und trendigen Menschen angesagt. Im Berliner Ausgehviertel Prenzlauer Berg werben immer mehr Restaurants damit, dass sie auch vegane Gerichte anbieten. Stark ist auch die Zunahme bei den sogenannten Flexitariern, die zumindest an einigen Tagen der Woche kein Fleisch essen.

Hohe Zuwachsraten

Der Trend zur rein pflanzlichen Ernährung schlägt sich auch in den Absatzzahlen nieder. Im vergangenen Jahr gingen laut Statistischem Bundesamt in Deutschland 98.000 Tonnen Fleischersatzprodukte wie Tofu-Würstchen oder Veggie-Burger über die Ladentheken. Das bedeutete ein Plus von knapp 17 Prozent. Verglichen mit 2019, dem letzten Jahr vor Corona, belief sich der Zuwachs sogar auf mehr als 62 Prozent. Die Umsätze legten sogar noch etwas stärker zu, weil die Verbraucher offenbar tendenziell zu etwas höherpreisigen Produkten griffen.

Die Einnahmen mit Fleischersatzprodukten summierten sich 2021 auf insgesamt 458,2 Millionen Euro und lagen gut 22 Prozent über dem Wert des Vorjahres. Gegenüber 2019 erhöhten sich die Verkaufserlöse sogar um 68 Prozent. Gleichzeitig wuchs die Zahl der Unternehmen, die in Deutschland Veggie-Lebensmittel produzieren von 2019 bis 2021 von 34 auf 44.

Einen Push für die Branche bedeutete in Deutschland sicherlich der Markteintritt von Beyond Meat. Die Amerikaner boten Ende Mai 2019 ihre vegetarischen Burger-Pattys erstmals in den 3.200 deutschen Lidl-Filialen an. Das begrenzte Angebot war innerhalb kürzester Zeit ausverkauft. Dabei kam es in den Lidl-Supermärkten zu ähnlichen Szenen wie in Apple-Stores, wenn ein neues iPhone auf den Markt kommt.

Längst haben die Discounter mit eigenen Hausmarken nachgezogen. Aldi, Lidl und andere Billig-Konkurrenten sowie "normale" Supermärkte bieten ein immer breiteres Angebot an pflanzenbasierten Burgern oder Würstchen an. Umgekehrt ist der Fleischkonsum auf einen neuen Tiefstand gefallen. Der Pro-Kopf-Verzehr lag im vergangenen Jahr nur noch bei 55 Kilogramm. Das war der niedrigste Wert seit dem Beginn der statistischen Erfassung um Jahr 1989.

Großes Wachstumspotenzial

Trotzdem sind die Rollen nach wie vor klar verteilt. Im vergangenen Jahr kauften die Deutschen für 35,6 Milliarden Euro Fleisch und Fleischerzeugnisse wie Wurst. Noch mal zu Erinnerung: Der Umsatz mit Fleischersatzprodukten belief sich im selben Zeitraum auf etwas mehr als 458 Millionen Euro. Die Verbraucher gaben also für Schnitzel, Steak und Wurst. 78-mal so viel Geld aus wie für die fleischlosen Konkurrenzprodukte.

Das zeigt aber umgekehrt, wie groß hier noch das Wachstumspotenzial ist. Die Unternehmensberatung BCG schätzt, dass der Umsatz mit pflanzlichen Proteinen von heute weltweit 40 Milliarden bis zum Jahr 2035 auf 290 Milliarden Dollar wächst. Das würde mehr als eine Versiebenfachung in gerade einmal 13 Jahren bedeuten.

Abgesehen davon, dass eine vegetarische oder sogar vegane Ernährung gerade unter jungen Menschen trendy ist, ist sie häufig auch gesünder - vor allem im Hinblick auf Produkte aus der Massentierhaltung. Pflanzenbasierte Fleischersatzprodukte enthalten häufig zum Beispiel einen hohen Anteil an Eiweiß. Außerdem haben die Hersteller in den vergangenen Jahren den Geschmack und die Textur ihrer vegetarischen Produkte stark verbessert. Die Zeiten pappiger Tofu-Würstchen sind längst vorbei. Eine vegetarische Sauce Bolognaise ist von einer mit Fleisch heute kaum mehr zu unterscheiden.

Außerdem belastet ihre Produktion die Umwelt um ein Vielfaches weniger. Die Produktion einer vegetarischen Burger-Bulette spart gegen über einem Patty aus Fleisch rund 70 Prozent Energie. Der Wasserverbrauch liegt sogar um circa 90 Prozent niedriger. Schließlich kommt die "vegetarische" Herstellung mit 99 Prozent weniger Land aus.

Ein Selbstläufer sind die Hersteller von vegetarischen Lebensmitteln für die Anleger allerdings nicht. Häufig handelt es sich bei den Entwicklern von rein pflanzlicher Milch oder vegetarischem Lachs um Start-ups, die erstens noch nicht börsennotiert sind und zweitens noch defizitär arbeiten.

Das gilt auch für den Pionier Beyond Meat. Das amerikanische Unternehmen, das sich ausschließlich auf die Entwicklung und Produktion von Fleischersatzprodukten konzentriert, ein sogenanntes Pure Play, wird voraussichtlich mindestens noch dieses und kommendes Jahr rote Zahlen schreiben. Die Börsianer mögen so etwas derzeit gar nicht und haben die Aktie auf Sicht eines Jahres um fast 70 Prozent abgestraft.

Bei Veganz sieht es kaum besser aus. Der deutsche Vollsortiment-Anbieter von veganen Lebensmitteln kam Ende November 2021 zu einem Ausgabepreis von 87 Euro an die Börse. Heute notiert die Aktie rund 60 Euro tiefer, was ebenfalls einen Verlust von annähernd 70 Prozent bedeutet - und zwar nur in einem Dreivierteljahr.

Pure Plays mit fallenden Kursen

Noch schlimmer erging es Oatly. Der schwedische Konzern ist vor allem für seine Hafermilch bekannt. Die Aktie gab im Mai vergangenen Jahres an der amerikanischen Technologiebörse Nasdaq ihr Debüt. Der Ausgabepreis belief sich damals auf 17 Dollar pro Stück. Jetzt liegt der Kurs schon unter der Vier-Dollar-Marke und ist damit seit dem IPO um fast 80 Prozent kollabiert.

Das desaströse Abschneiden der Pure Plays sollte für Anleger jedoch kein Grund sein, nicht in diesen aussichtsreichen Wachstumsmarkt zu investieren. Denn auch die großen Lebensmittel-Hersteller wie Nestlé (siehe Euro am Sonntag-Ausgabe 28) oder Danone setzen zunehmend auf den Veggie-Trend. Und im Gegensatz zu den genannten Pure Plays verdienen sie schon richtig Geld. Alternativ können die Anleger das Thema auch über Zulieferer von Nahrungsmittelergänzungen spielen.

INVESTOR-INFO

Danone

Höhere Preise durchgesetzt

Der französische Lebensmittelhersteller hat seine Preissetzungsmacht in diesem Jahr eindrücklich demonstriert. Der bereinigte Umsatz stieg im zweiten Quartal um 7,7 Prozent. Davon gingen 6,1 Prozentpunkte auf die Preissteigerungen zurück. Für das Gesamtjahr erhöht Danone die Prognose für das Umsatzwachstum auf fünf bis sechs Prozent. Seit der Übernahme von Whitewave 2016 sind die Franzosen bei Sojaprodukten, beispielsweise der Marke Alpro, stark positioniert. Ordentliche Dividendenrendite.

Beyond Meat

Wieder auf Wachstumskurs

Im ersten Quartal ist der Umsatz nur um magere 1,2 Prozent auf 109,5 Millionen Dollar gewachsen. Schlimmer noch: Der Nettoverlust fiel fast so hoch aus wie die Verkaufserlöse. Die schlechten Nachrichten dürften nach dem Abverkauf nun eingepreist sein. Für die positiven gilt das wohl eher nicht. Im Gesamtjahr peilt Beyond Meat ein Umsatzplus von 21 bis 33 Prozent an. Der Aktienkurs scheint seinen Boden gefunden zu haben. Trotzdem: Die Wette ist riskant.

Symrise

Veggie-Aktivitäten gestärkt

Rund 20 bis 30 Mal am Tag kommen Verbraucher - ohne es zu wissen - mit den Produkten des Herstellers von Duft- und Geschmacksstoffen in Berührung, so Symrise. Das Geschäft lief im ersten Quartal 2022 mehr als rund. Der Umsatz stieg um 14,9 Prozent auf knapp 1,1 Milliarden Euro. Vor knapp einem Jahr hat Symrise seine Geschmacksstoffe für Produkte mit pflanzlichen Proteinen unter einem Dach zusammengefasst und ausgebaut. Die Aktie ist nicht ganz preiswert.










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