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16.02.2010 06:00
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China, Indien und andere Schwellenländer: Wie sie die Welt verändern

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China, Indien und Brasilien wachsen trotz Finanzkrise stark. Der Aufholprozess hat sich sogar verstärkt. Schon 2020 könnten die Schwellenländer Europa wirtschaftlich überholen
von Oliver Ristau, Euro am Sonntag

In dieser Woche wurde es offiziell. Das Statistische Bundesamt meldete, dass China Deutschland im vergangenen Jahr den Titel des Exportweltmeisters abgejagt habe. Nach sechs Jahren in Folge an der Spitze der internationalen Export­statistik muss sich Deutschland an diesen Zustand gewöhnen. „China hat den Titel für die nächsten Jahre abonniert“, so Außenhandelsexperte Axel Nitschke vom Deutschen Industrie- und Handelskammertag.

Denn schon im laufenden Jahr eilt China den etablierten Industrienationen weiter davon. „2010 könnte eines der besten Jahre für die chinesische Wirtschaft werden mit einem Wachstum des Bruttoinlandsprodukts von neun bis zehn Prozent“, sagt Victoria Mio, die den China-Aktienfonds der Rotterdamer Investmentgesellschaft Robeco managt. Auf Quartalsbasis seien sogar zweistellige Zuwächse drin, und damit bestehe die Gefahr „einer leichten Überhitzung“. So schnell kann es gehen. Vor Jahresfrist sorgten sich Anleger noch um die Stabilität der Wachstumslokomotive China, die ­Raten von sieben bis acht Prozent jährlich braucht, um nicht ins Stocken zu geraten.

Nun warnen Experten vor Liquiditätsblasen, nachdem die Regierung der Volksrepublik im vergangenen Jahr mit rund vier Billionen Yuan (400 Milliarden Euro) das größte Konjunkturpaket der Welt zur Stützung der Binnenwirtschaft geschnürt hatte. Die alten Industrienationen können angesichts eigener stockender Aufwärtstendenzen von einer Überhitzung ihrer Konjunktur nur träumen. „Die Erholung in Deutschland wird sich erst 2011 wieder beschleunigen“, stellte kürzlich Bundesbankpräsident Axel Weber der heimischen Wirtschaft für 2010 ein weiteres mageres Jahr in Aussicht.

Dank gigantischer Devisenreserven von 2,4 Billionen Dollar ist die ­Finanzierung des künftigen Wachstums für China kein Problem. Daneben dürfte das Land auch die eigene Währung international aufpolieren. „Künftig wird China mit Hongkong als Finanzzentrum viele Geschäfte in Asien in der nationalen Währung des Renminbi abwickeln“, erwartet Robeco-Fondsmanagerin Mio. Das wäre ein wichtiger Schritt, um die wiederholt angekündigte Eindämmung des Dollar in der eigenen ­Einflusssphäre einzuleiten. Das erzeuge Aufwertungsdruck, der die Zentralbank laut Mio ab dem zweiten Quartal auch nachkommen wird. „Wir rechnen im Jahresverlauf mit ­einer Aufwertung von vier bis sechs Prozent.“

Die Exportfähigkeit wird zwar durch den härteren Renminbi etwas eingeschränkt werden, doch ohnehin ist der Binnenmarkt die entscheidende Komponente zur Fortsetzung der chinesischen Erfolgsgeschichte, die sich bisher vor allem auf die billige Produktion für den Weltmarkt stützte. „Wegen der Finanzkrise werden die US-Konsumenten für China kein sicherer Hafen mehr sein“, schätzt Victoria Mio. „Das Land muss den Konsumsektor zu Hause weiter stärken.“ Das weiß auch die Regierung. Ein Großteil der für 2010 geplanten Konjunkturhilfemaßnahmen soll die Verbrauchernachfrage stimulieren und der ländlichen Entwicklung zugute kommen.

Im gerade beginnenden chinesischen Jahr des Tigers wird das Land zum Sprung auf Platz 2 der größten Volkswirtschaften der Welt ansetzen und damit die jahrzehntelange regionale Hegemonie Japans brechen.

Die Entwicklung der vergangenen Jahrzehnte erstaunt auch Historiker. Von dem durch die US-Kreditkrise ausgelösten Zusam­menbruch der Wirtschaft „hätte man erwarten können, dass er Asien ­verheeren würde“, sagt Geschichts­professor Niall Ferguson von der US-Eliteuniversität Harvard. „Asiens größte industrielle Revolution musste im Verlauf der Finanzkrise kaum innehalten, um auch nur Atem zu schöpfen.“ Die Folge: „Das US-BIP war zu Anfang des Jahrzehnts achtmal größer als das Chinas. Jetzt ist es kaum noch viermal so groß.“

„Der Aufholprozess der führenden Schwellenländer hat sich durch die Finanzkrise verkürzt“, ergänzt Ulrich Kater, Chefvolkswirt der Deka Bank. „Die Staaten haben in dieser Zeit zehn Jahre gegenüber den In­dustrienationen aufgeholt.“ Laut einer aktuellen Studie von PricewaterhouseCoopers (PWC) könnte China schon 2020 zur größten Volkswirtschaft der Welt aufsteigen und zehn Jahre später die USA bereits deutlich hinter sich gelassen haben. Jim O’Neill, Chefvolkswirt von Goldman Sachs, sieht den Überholzeitpunkt mit 2027 zwar etwas später als die Wirtschaftsberater von PWC. Das wäre aber immer noch 14 Jahre früher als der Emerging-Markets-Guru bei seiner letzten Schätzung 2003 angenommen hatte.

„Noch werden die Schwellenländer auf Europa als Exportmächte angewiesen sein“, sagt Ulrich Kater. Zentrale Investitionsgüter werden auch in den kommenden zehn Jahren in der EU eingekauft werden. „Doch das Zeitalter der Kolonialisierung ist endgültig vorbei.“ Zukünftig werden Länder wie China und Indien nicht mehr nur Billiglohnstandorte und Absatzmärkte für Waren aus Indust­rieländern sein, sondern beim internationalen Wettbewerb um die besten Technologiestandorte erfolgreich mitbieten. Die Staaten der EU hätten dabei mit ihrer alternden Bevölkerung ein Problem, so Kater. Der demografische Vorteil liege bei den Schwellenländern.

Denn mehr Menschen können mehr produzieren, konsumieren und auch in internationalen Gremien ein politisch stärkeres Gewicht einnehmen. Innovationskraft ist bei jungen Gesellschaften stärker ausgeprägt als bei alternden. Die Bevölkerungsexplosion ist auch der zentrale Grund, weshalb laut PricewaterhouseCoopers Indien ab 2020 China als Konjunkturlokomotive der Welt ablösen wird.

Mit China, Indien, Brasilien und Russland stünden 2023 alle sogenannten BRIC-Staaten ökonomisch vor Deutschland. Allein Frankreich und Großbritannien schafften es aus Europa ebenfalls noch in die Top Ten – hinter Mexiko. Nach Auskunft des Internationalen Währungsfonds zählten 2008 noch Italien und Spanien zum Klub der zehn größten Wirtschaftsmächte. „Die Investoren haben früher nicht zwischen den einzelnen Schwellenländern differenziert“, hat Heinz Mewes, Chef der Beratungsgesellschaft Latamconsult, beobachtet. Bei der letzten AsienKrise Ende der 90er-Jahre etwa waren auch die Staaten Lateinamerikas in Sippenhaft genommen worden.

Anleger verließen in Scharen den Kontinent, obwohl die lateinamerikanische Wirtschaft nur indirekt von der Krise in den damaligen asiatischen Tigerstaaten betroffen war. „Diesen globalen Ansteckungseffekt gibt es heute nicht mehr“, so der frühere Chefvolkswirt der Dresdner Bank Lateinamerika. Das liege auch an der Haushaltsdisziplin von Staaten wie Brasilien. „Im Vergleich zu den letzten Krisen hat Brasilien die Auslandsschulden deutlich abgebaut und neu strukturiert.“

Da die Banken zudem mehr damit beschäftigt waren, den Aufschwung zu finanzieren, als in unsichere US-Derivate zu investieren, wurde das Land von der Finanzkrise wenig gebeutelt. Der intakte Aufschwung zeigt sich zum Beispiel am Arbeitsmarkt. Während in Deutschland 2009 nur mit teuren staatlichen Maßnahmen wie Kurzarbeit ein dramatischer Anstieg der Arbeitslosigkeit verhindert werden konnte, stieg die Zahl der Arbeitsplätze in Brasilien nach Auskunft des Arbeitsministeriums um fast eine Million, vor allem in konsumnahen Sektoren. 2010 sollen noch einmal 1,5 Millionen Jobs dazukommen. Finanzminister Guido Mantega hält bis 2017 ein jährliches Wirtschaftswachstum von 6,0 bis 6,5 Prozent für wahrscheinlich. Treiber sollen unter anderem die Olympischen Spiele 2016 und die Fußball-WM 2014 sein.

Mewes ist da skeptischer. „Wo soll das ganze Wachstum herkommen? Technologisch muss Brasilien noch viel nachholen.“ Er verweist auf jüngs­te Statistiken der World International Property Organisation, wonach Brasilien 2009 gerade einmal 400 Patente angemeldet hatte. In China und Korea waren es jeweils 8000. In Deutschland sogar 16?000. Damit liegt Deutschland wenigstens bei der Patentierung neuer Ideen noch deutlich vor China.

Wirtschaftsgiganten: Gewinner China
Die Finanzkrise hat den wirtschaftlichen Aufholprozess der Schwellenländer weiter beschleunigt. China könnte daher schon im Jahr 2020 die USA als die globale Wirtschaftsmacht Nummer 1 ablösen. Die europäischen Wirtschaftsnationen fallen in den kommenden Jahrzehnten gegenüber den USA, China und anderen Schwellenländern mit hoher Wahrscheinlichkeit immer weiter zurück.

Wirtschaftswachstum: Asien auf der Überholspur
Nach Ansicht der Wirtschaftsberater von PWC liegen die BRIC-Staaten ökonomisch spätestens 2030 weit vor den europäischen EU-Mitgliedern. Neu im Klub der reichsten Länder ist außerdem Mexiko, das die ehemalige Kolonialmacht Spanien hinter sich lassen wird.

Die Gefahren für den Boom: Krisen und Abhängigkeit
Die Prognosen über die wirtschaftliche Aufholjagd ist mit Unsicherheiten verbunden. Mögliche politische Unruhen etwa in China im Kampf für mehr Demokratie oder Aufstände unterdrückter Volksstämme können ebenso wie religiöse Kämpfe in Indien die wirtschaftliche Entwicklung torpedieren oder im Fall eines Bürgerkriegs sogar beenden. Ob außerdem der planwirtschaftlich gelenkte Aufschwung in China tatsächlich dauerhaft funktioniert, ist historisch bisher nicht belegt. Dazu kommt, dass sich die Schwellenländer nicht von den Industrienationen ­abkoppeln und deren möglicherweise über Jahre andauernde Wachstumsschwäche auf Dauer nur schwer kompensieren können. Es ist also keinesfalls sicher, ob das ­furiose Wachstumstempo der Emerging Markets nicht auch eine Zeit lang niedriger ausfallen könnte.

Comgest Magellan: Breiter Schwellenländerfonds
Dass Fondsmanager Vincent Strauss von der französischen Comgest mit seinem Magellan-Fonds breit investiert ist, zahlt sich aus. Denn der Fonds hat im vergangenen Jahr mehr als 55 Prozent an Wert gewonnen und ist für einen breiten Aufschwung der Emerging Markets mit Schwerpunkt Brasilien gut aufgestellt. Besonderheit ist die starke Gewichtung Südafrikas, das wegen der WM auch kurzfristige Chancen bietet. Die Übergewichtung des Konsumsektors macht den Fonds angesichts der erwarteten Wohlstandssteigerungen in den Schwellenländern aussichtsreich.

ISI BRIC Equities: Solider Dauerbrenner
Finanzen und Rohstoffwerte sind die Erfolgsfaktoren des BRIC-Fonds der dänischen ISI. Derzeit sind Aktien aus Russland im Portfolio hoch gewichtet. Für langfristige Anleger, die auf einen weltweiten Anstieg der Rohstoff- und Energiepreise setzen, ist das Produkt von Manager Anders Damgaard ­attraktiv.

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