31.05.2014 08:00
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Briefmarken: Von wegen abgestempelt

Rendite beim Sammeln: Briefmarken: Von wegen abgestempelt | Nachricht | finanzen.net
Briefmarken: Von wegen abgestempelt
Rendite beim Sammeln
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Bald könnte es bei den teuersten Marken der Welt einen neuen Rekord geben. Generell gilt: Seltene Stücke und Spezialgebiete versprechen Wertzuwachs.
€uro am Sonntag
von Martin Reim, Euro am Sonntag

Bill Gross ist keiner, der sich mit kleinen Zahlen aufhält. Der 70-Jährige verwaltet den mit 230 Milliarden Dollar größten Anleihefonds der Welt, den Pimco Total Return. Was kaum bekannt ist: Gross sammelt nicht nur Schuldscheine von Staaten, sondern auch Briefmarken. Seine Sammlung hat ihm zweistellige Jahresrenditen eingebracht, Millionen erlöste er damit für wohltätige Zwecke. "Der Reiz besteht darin, die leeren Stellen im Album zu füllen", gestand er einmal in einem Fernsehinterview.

Gross geht das Thema hoch professionell an. Seit seinem Einstieg vor rund 25 Jahren analysiert er Kursmuster über viele Jahrzehnte und sucht preisbildende Faktoren - wie auf dem Rentenmarkt. Seine Erkenntnisse eignen sich gut als Leit­linien für alle Philatelisten - so der Fachbegriff für Briefmarkensammler -, die mit ihrem Hobby Geld verdienen wollen. Gross fand heraus: Im Laufe der Jahre koppeln sich die Preise nur vorübergehend von der Entwicklung des Wirtschaftswachstums und der Börsen ab. Und: Allein teure Raritäten liefern unterm Strich gute Renditen.

Unikate liegen vorn
In puncto Raritäten bietet sich Gross bald eine gute Gelegenheit, einmal wieder zuzuschlagen. Am ­ 17. Juni wird bei Sotheby’s in New York die "British Guiana 1 Cent magenta" versteigert. Das Auktionshaus verspricht sich für das Unikat einen Zuschlag in der Spanne von umgerechnet 7,3 bis 14,6 Millionen Euro, was einen Weltrekord für eine einzelne Marke bedeuten würde. Bisher liegt das einmalige rote Stück auf Platz 6.

Der aktuelle Höchstwert stammt aus dem Jahr 1996, als die "Tre Skilling Banco Gelb" für umgerechnet 3,5 Millionen Euro versteigert wurde. 2010 kam das Unikat erneut unter den Hammer, wobei weder Käufer noch Ergebnis genannt wurden. Fachleute gehen davon aus, dass der Zuschlag mindestens das vorherige Ergebnis erreichte.

Gross’ Raritäten-These wird von zwei Charts gestützt, die der britische Briefmarkenhändler Stanley Gibbons allmonatlich errechnet. Beide Charts markierten zuletzt mal wieder ein Rekordhoch und haben ihren Wert seit 2003 mehr als verdreifacht. Allerdings ist der Aussagewert der Barometer begrenzt, zumindest für den durchschnittlichen Philatelisten in Mitteleuropa. Die Indizes werden aus ­ 30 beziehungsweise 250 seltenen Marken Großbritanniens kalkuliert.

Für deutsche Marken gibt es keinen solchen Index. Doch auch so ist klar: Die Lage sieht wesentlich schlechter aus, zumindest bei den auflagenstarken Stücken der vergangenen Jahrzehnte. "Massenware ist billig und wird es immer bleiben", sagt Oskar Klan, Chefredakteur der einflussreichen "Michel"-Kataloge. Generell schrumpfe der Markt. "Ältere Sammler beenden ihre Tätigkeit, jüngere fangen nicht in derselben Zahl an - oder man sieht es nicht mehr", so Klan. Vieles verlagere sich aus dem etablierten stationären Handel ins Internet. "Wer hier zu welchen Preisen handelt, ist äußerst schwer einzuschätzen." Auch verschwänden Briefmarken im Zeitalter von E-Mail und automatischen Stempelmaschinen immer mehr aus dem öffentlichen Bewusstsein. "Niemand wird etwas sammeln, von dem er nicht einmal weiß, dass es existiert", beklagt sich Klan.

Altdeutschland gefragt
Aus seiner Sicht ist noch keine ­generelle Bodenbildung der Preise erkennbar. Immerhin gebe es bei manchen deutschen Spitzenwerten des 19. Jahrhunderts einen Aufwärtstrend. Dasselbe gelte für Besonderheiten aus der unmittelbaren Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg, insbesondere aus der sowjetischen Besatzungszone. Eine Spezialkonjunktur erkennt der Chefredakteur bei Exemplaren aus Schwellenländern, namentlich aus Vietnam, Indien, den Golfstaaten und Russland, zudem aus den EU-Mitgliedern Polen und Rumänien. "Bei chinesischen Ausgaben, die eine Zeitlang sehr gefragt waren, gibt es derzeit eine Verschnaufpause."

Was Deutschland betrifft, setzt Klan gewisse Hoffnungen auf chinesische Käufer. Immerhin landen deutsche Marken dort bei Abstimmungen um die weltweit schönsten Neuausgaben regelmäßig sehr weit vorn. Generell ist selbst bei aktuellen deutschen Ausgaben möglicherweise nicht jede Spekulation zum Scheitern verurteilt. Mehrmals pro Jahr erscheinen Marken, bei denen für wohltätige Zwecke jeweils Zuschläge auf den Portopreis verlangt werden. Weil sie wenig beliebt sind, ist die Stückzahl zuletzt immer weiter gesunken. Mittlerweile sind manche Auflagen so gering wie seit den Anfangsjahren der Bundesrepublik nicht mehr.

Preislich gibt es jedoch gewaltige Unterschiede zwischen Alt und Neu. Beispiel: Eine Sporthilfemarke aus dem Jahr 2010 (Postpreis: zwei Euro) wurde lediglich knapp eine Million Mal gedruckt, damit ist sie die Marke mit der geringsten Auflage in der bundesdeutschen Geschichte. Im aktuellen "Michel"-Katalog erscheint sie mit einem Marktwert von 3,60 Euro. Die zweitseltenste Marke - sie stammt aus dem Jahr 1951 (Postpreis: 40 Pfennig) - notiert in postfrischem Zustand bei 110 Euro.

Bewegung bei altdeutschen Ausgaben sieht auch Gerd Bennewirtz, geschäftsführender Gesellschafter von SJB Fondsskyline. Die Firma ist nach eigenen Angaben der einzige Vermögensverwalter in Deutschland, der Geld auch in Postwertzeichen investiert: "Die Flucht in Sachwerte zeigt auch bei altdeutschen Ausgaben Wirkung."

Als Geldanlage empfiehlt Bennewirtz für Einsteiger mit einem Einsatz bis 5.000 Euro kleinere exklusive Sammlungen mit Schwerpunkt Altdeutschland (vor 1871), Deutsches Reich (bis 1945) oder Bundesrepublik Deutschland (ab 1949). Für Aufsteiger (bis 20.000 Euro) hält er vor allem Einzelstücke aus deutsch­sprachigen Sammelgebieten für angemessen, zum Beispiel Briefe mit seltenen Frankaturen. Profis (ab 20.000 Euro) rät er zu kompletten Kollektionen mit einem klaren Fokus, etwa auf erstklassige Stempel. Die Alternative: Spezialsammlungen rund um einen gefragten einzelnen Markentyp.

Die teuersten Briefmarken:
[1] "Tre Skilling Banco Gelb", Schweden, gestempelt. Fehldruck (gelb statt grün), Unikat. 1996 für umgerechnet 3,5 Millionen Euro versteigert.
[2] "Benjamin Franklin Z Grill", Vereinigte Staaten, gestempelt. 2005 gegen Marken im Wert von 2,2 Millionen Euro eingetauscht.
[3] "Blaue Mauritius", Mauritius, ungebraucht. 1993 für 2,1 Millionen Euro versteigert.
[4] "Blaue Mauritius", Mauritius, gestempelt. 2011 für 1,3 Millionen Euro versteigert.
[5] "Baden-Fehldruck", Baden, gestempelt auf Brief. Fehldruck (blaugrün statt rosa). 1985 für 1,2 Millionen Euro versteigert.
[6] "British Guiana 1 Cent magenta", Britisch-Guyana, mit Federzug entwertet, Unikat. 1980 für 0,7 Millionen Euro versteigert.

Bildquellen: 123RF, iStockphoto

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