13.11.2016 16:00

Comeback der Wohntürme

Euro am Sonntag-Meinung: Comeback der Wohntürme | Nachricht | finanzen.net
Euro am Sonntag-Meinung
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Hochhäuser zum Wohnen liegen wieder voll im Trend. Warum sie eine zeitgemäße Antwort auf gesellschaftliche Anforderungen sind.
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€uro am Sonntag
von Björn Dahler, Euro am Sonntag

Nach Jahrzehnten, in denen Häuser mit mehr als fünf ­oder sechs Stockwerken in Deutschland als Ausdruck sozialer Ausgrenzung galten, faszinieren sie uns auf einmal wieder: Hochhäuser von 80, 100 oder gar 150 Metern Höhe, spektakulär gestaltet, herausragende Architektur im Wortsinne - und das nicht in Shanghai oder New York, sondern in Berlin, Frankfurt oder Düsseldorf. Wie eine Studie des Analyse­hauses Bulwiengesa zeigt, bröckelt die Front gegen Wolkenkratzer in unseren Städten, können sich immer mehr Menschen vorstellen, selbst darin zu leben.


Ich sehe das als eine uneingeschränkt positive Entwicklung. So sehr ich die Abneigung gegen die Sünden der Stadtplanung teile, die uns in den 60er- und 70er-Jahren jene Hochhaussiedlungen auf der grünen Wiese beschert haben, so sehr widerspreche ich dem Urteil gegenüber dem Hochhaus als Irrweg der Architektur an sich. Wir hängen Poster mit der Skyline von New York an die Wand, wir reisen nach Shanghai oder Chicago, nach London oder Moskau, um uns von den Werken berühmter Architekten beeindrucken zu lassen - und fordern zugleich, die Häuser in unserem Quartier dürften die Traufhöhe der ­Jugendstilbauten nicht überschreiten. Die stammen aber noch aus einer Zeit, als die Menschen mit der Pferdekutsche durch die Stadt fuhren. Der Bürger­entscheid in München, dass Häuser in ihrer Stadt nicht höher als die Türme der Frauenkirche mit ihren 99 Metern sein dürfen, stammt noch von 2014.


Das Wort Kirchturmpolitik, das wir für engstirnige Entscheidungen kennen, bekommt hier eine ganz neue Bedeutung. Denn diese Politik hat sich überlebt. Der Wohnturm ist eine zeit­gemäße Antwort auf soziale, demografische und ökologische Herausforderungen unserer Epoche. Das betonte Sir Norman Foster bereits vor einigen ­Jahren in der "Zeit": "Wir müssen verhindern, dass die Zersiedelung weiter fortschreitet, schon wegen des Klimawandels kann es nicht sein, dass unser Lebensmodell mit den vielen kleinen Einfamilienhäusern überall kopiert wird. Deshalb brauchen wir Dichte, wir brauchen Hochhäuser, die ein grünes, menschenfreundliches Leben in der Höhe ermöglichen."

Denn es ist eng geworden in unseren Metropolen. Immer mehr Menschen streben in die Städte, die Urbanisierung hat ihren Höhepunkt noch lange nicht erreicht. In den Kernbereichen unserer Städte gibt es nur noch wenige freie Grundstücke, zu exorbitant hohen Quadratmeterpreisen. Da ist es ein Gebot der Vernunft, nicht mehr in die Fläche zu bauen, sondern in die Höhe. Bis 2018 sollen allein in Berlin 2.700 Wohnungen in Hochhäusern entstanden sein, in Frankfurt am Main 2.420. Andere Städte, nicht nur München, auch Hamburg hinken hinterher. Dabei haben Wohntürme auch hinsichtlich ihrer Energieeffizienz deutliche Vorteile, weil sie ein günstiges Verhältnis zwischen Oberfläche und Raumvolumen aufweisen, weil regenerative Energietechnik im großen Maßstab deutlich wirtschaftlicher arbeitet.

Das Wohnen im urbanen Kern
ist wieder besonders attraktiv

Reden wir also nicht mehr in Schablonen - Wohntürme versus kleine Einheiten - sondern reden wir über Qualität. So wie großartige Beispiele von Wolkenkratzern existieren, gibt es natürlich auch misslungene. Das gilt für jede Form von Architektur. Wenn wir also lebenswerte Städte, wenn wir unser Bauen und Wohnen nachhaltig planen wollen, sollten wir neue Konzepte nicht anhand der Gebäudehöhe messen. Wir sollten sie stattdessen an der sinnvollen Entwicklung des Standorts überprüfen, an der Fassadengestaltung, dem Nutzungs- und Energiekonzept, dem Grundriss der Wohnungen, dem Komfort.

Und es ist auch die Lage im urbanen Kern, die das Wohnen hier so attraktiv macht. Deshalb kommt es nicht nur auf die Qualität der Architektur an, sondern auch auf den Masterplan für das Quartier. Hochhäuser müssen im gesamtstädtischen Konstrukt und in Bezug auf die Nutzungsstruktur betrachtet werden. In Städten mit historischem Kern sollte die vorhandene Silhouette in die Planungen integriert werden. Damit können Türme ein ergänzendes Element der modernen Architektur werden, ohne deplatziert zu wirken.

Kurzvita

Björn Dahler, Geschäftsführer Dahler & Company Dahler gründete 1993 gemeinsam mit seiner Frau Dahler & Company. Das Maklerunternehmen ist auf die ­Vermittlung von Luxus­immobilien und Immobilienentwicklung spezialisiert. Der gelernte Jurist fand direkt nach dem ­Studium seinen Einstieg in die Immobilien­branche und war vor Gründung des Unternehmens drei Jahre in führenden Positionen bei Banken und ­Immobilienmaklern tätig. Dahler & Company mit derzeit 250 Mitarbeitern hat seinen Hauptsitz ­ in der Hamburger Hafen-City.
Bildquellen: Brechenmacher&Baumann/ Dahler & Company , tristan tan / Shutterstock.com
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