Überraschung bleibt aus: Europäische Zentralbank lässt Leitzinsen unverändert

Mit Spannung hatten Anleger auf den EZB-Termin gewartet: In einer richtungsweisenden Sitzung haben die Währungshüter über den Leitzins für den Euroraum entschieden.
• EZB hält Leitzins bei 2 Prozent - Entscheidung wie erwartet
• Starker Euro beeinflusst Export- und Inflationsdynamik
• Märkte richten Blick auf Daten und Pressekonferenz
Eine überraschende Wende blieb aus: Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach ihrer ersten Sitzung im Jahr 2026 den Leitzins unverändert belassen. Der für Sparer und Banken wichtige Einlagenzins beträgt weiterhin 2,0 Prozent - zuletzt hatten die Währungshüter den Leitzins im Juni angepasst.
Ein Drahtseilakt zwischen Inflation und Wachstum
Trotz der positiven Signale bei der Kerninflation bleibt die Aufgabe für EZB-Präsidentin Christine Lagarde und ihr Team komplex. Die wirtschaftliche Dynamik, insbesondere in Schwergewichten wie Deutschland, ist weiterhin fragil. Ein zu langes Festhalten an hohen Zinsen könnte die Investitionstätigkeit abwürgen und das ohnehin schwache Wachstum weiter gefährden. Auf der anderen Seite mahnen Falken innerhalb des EZB-Rates zur Vorsicht, da die Lohnentwicklung in einigen Sektoren immer noch überdurchschnittlich hoch ausfällt und Zweitrundeneffekte die Preise erneut treiben könnten. Im heutigen Beschluss hatten die Währungshüter daher die Aufgabe, die feine Balance finden, die Wirtschaft zu stützen, ohne die mühsam erreichte Preisstabilität aufs Spiel zu setzen.
Starker Euro wird beobachtet
Ein Impuls für eine geldpolitische Lockerung könnte unterdessen von der aktuellen Währungsentwicklung ausgehen. Der Euro hat zuletzt deutlich an Stärke gewonnen und übersprang zeitweise erstmals seit mehreren Jahren wieder die psychologisch wichtige Marke von 1,20 US-Dollar. Diese Aufwertung stellt für die exportorientierte europäische Wirtschaft eine wachsende Herausforderung dar, da hiesige Waren auf dem Weltmarkt teurer und damit weniger wettbewerbsfähig werden.
Im Dezember hatte das Gremium den starken Euro erst bei der Aufzählung der Risiken aufgeführt, die zu einem unerwartet starken Inflationsrückgang führen könnten. Diese Einschätzung bekräftigte es nun.
Gleichzeitig wirkt ein kräftiger Euro wie eine Bremse für die Teuerungsrate, da in Dollar fakturierte Importe - insbesondere Energie und Rohstoffe - kostengünstiger werden. Angesichts von Prognosen, die für das Jahr 2026 sogar ein leichtes Unterschreiten des Inflationsziels von zwei Prozent vorhersagen, wächst innerhalb des EZB-Rates die Sorge vor einem zu starken Deflationsdruck. Sollte der Höhenflug der Gemeinschaftswährung anhalten, wird ein aktives Gegensteuern der Notenbanker immer wahrscheinlicher, um die wirtschaftliche Stabilität nicht zu gefährden.
Was bedeutet der unveränderte Leitzins für Sparer und Kreditnehmer?
Ein unveränderter Leitzins signalisiert Kontinuität. Für Kreditnehmer bleibt das Umfeld von relativ niedrigen Zinssätzen bestehen, wenngleich Banken und Finanzintermediäre diese nicht immer eins zu eins an Endkunden weitergeben. Anleger dagegen beobachten die geldpolitische Kommunikation genau: Jede Nuance in der Pressekonferenz der EZB-Präsidentin kann Hinweise auf die zukünftige Richtung geben - sei es eine graduelle Lockerung im zweiten Halbjahr oder eine länger andauernde Phase des Abwartens.
Inflation im Griff
Die EZB hat gute Gründe abzuwarten. Die Inflation, die nach Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine 2022 nach oben geschnellt war, ist eingedämmt. Und der Wirtschaft tun niedrigere Leitzinsen gut: Kredite für Firmen und Verbraucher werden tendenziell günstiger, was bei größeren Anschaffungen helfen und das Wachstum anschieben kann.
Im Januar ging die Teuerungsrate im Euroraum weiter zurück und erreichte einer ersten Eurostat-Schätzung zufolge mit 1,7 Prozent den tiefsten Stand seit September 2024. Die EZB strebt stabile Preise für den Währungsraum bei mittelfristig 2,0 Prozent Inflation an. Auch die Konjunktur in der Eurozone hält sich trotz des Zollstreits mit den USA robust, sodass es vorerst keinen Druck für die EZB gibt, die Wirtschaft mit weiteren Zinssenkungen zu stützen.
EZB sieht sich bislang in komfortabler Lage
Zuletzt sah sich die EZB in einer "komfortablen" Situation, wie Präsidentin Christine Lagarde wiederholt betonte. "Wir sind an einem guten Platz, die Inflation ist in einem guten Platz", sagte sie in der Pressekonferenz nach der jüngsten Ratssitzung. Lagarde zufolge ist der Rat der Ansicht, dass die Risiken für den Ausblick "mehr oder weniger ausgewogen" sind, wobei sich die Spanne der Risiken nicht verkleinert habe. Dies gilt als Hinweis, dass die Leitzinsen vorerst stabil bleiben. Die EZB will zu stark steigende Preise vermeiden, aber auch dauerhaft sinkende Preise: Rechnen Verbraucher und Unternehmen mit Nachlässen, könnten sie Anschaffungen verschieben, was die Wirtschaft bremst.
Redaktion finanzen.net mit Material von dpa-AFX und Dow Jones Newswires
Weitere News
Bildquellen: Jorg Hackemann / Shutterstock.com, Michael Gottschalk/Photothek via Getty Images