Bargeld bekommt Konkurrenz vom Digitalen Euro

An diesen kalten Januartagen strahlt der milliardenteure Elfenbeinturm der Europäischen Zentralbank (EZB) in Frankfurt abends besonders warm: Die neue EZB-Leuchtreklame behauptet, der digitale Euro gehöre "uns allen".
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Gerade beim Thema Geld ist das kaum glaubhaft - schon gar nicht, wenn solche Sprüche von einer stetig wachsenden Bürokraten-Truppe kommen, die dank europäischer Sonderregelungen selbst fast keine Steuern zahlen.
Hat sich die EZB unter Präsidentin Christine Lagarde in ein weltfremdes Narrativ verstrickt? Zumindest beim Thema Digitaler Euro ist das offenbar der Fall.
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Abstimmung in Brüssel steht kurz bevor
Das Jahr 2026 wird ein entscheidendes: In Kürze soll das Europäische Parlament über den digitalen Euro abstimmen. Ob sich unter den 720 Abgeordneten eine Mehrheit findet, ist offen, schreibt die Financial Times. Beobachter sprechen bereits davon, dass die Entscheidung sogar "auf der Kippe stehen" könnte.
Alarmsignale
Nicht nur, dass - laut EZB selbst - bislang nur jeder dritte Europäer und Europäierin vom digitalen Euro gehört haben, auch die Politiker haben oft kaum Ahnung, worum es eigentlich geht. Schon allein, dass die Ausgangslage vor der wegweisenden Abstimmug so schlecht ist, sollte zu denken geben. Wie kann ein Projekt von dieser Tragweite nach vielen Jahren der Vorbereitung, Investitionen und technischer Ausarbeitung immer noch nicht überzeugen?
Folklore: Abgelegene Alpendörfer als Gewinner präsentiert
Das Narativ der EZB bekam schnell Risse: Spätestens als EZB-Direktoriumsmitglied Piero Cipollone die Charme-Offensive der EZB bei einem parlamentarischen Treffen in Brüssel startete und dabei ausgerechnet "abgelegene Alpendörfer" als große Gewinner des digitalen Euro präsentierte, ging ein Teil der Glaubwürdigkeit verloren. Natürlich ist finanzielle Teilhabe ein wichtiges Ziel. Doch der Eindruck, hier werde ein sehr komplexes geldpolitisches Instrument mit folkloristischen Bildern verkauft, ließ viele Beobachter skeptisch zurück.
Das unterschätzte Risiko digitaler Bankruns
Noch schwerer wiegt ein Punkt, den die EZB selbst Mitte 2025 einräumen musste: das Risiko digitaler Bankruns. Die Logik ist einfach erklärt. Wenn Bürger größere Teile ihres Geldes aus Geschäftsbanken abziehen und stattdessen in digitale Euro umschichten, die direkt auf einem Konto bei der EZB geführt werden sollen, fehlen den Banken diese Einlagen. In Stresssituationen könnten sie dann ihre täglichen Reserveanforderungen nicht mehr erfüllen - im Extremfall mit existenzbedrohenden Folgen.
Der Grund für die willkürliche Obergrenze
Die Konsequenz ist bekannt: eine jederzeit anpassbare Obergrenze von 3.000 Euro pro Person für den digitalen Euro - zumindest für "normale Leute". Allein diese Begrenzung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie sinnvoll ist eine neue digitale Währung, die aus Stabilitätsgründen von vornherein künstlich gedeckelt werden muss? Keiner kann leugnen: Bargeld bekommt Konkurrenz.
Daten, Privatsphäre und ein struktureller Interessenkonflikt
Besonders kritisch ist die Debatte um Daten und Privatsphäre. Der digitale Euro wäre zwangsläufig eines der präzisesten Echtzeit-Instrumente zur Messung von Konsumverhalten, Nachfrage und Stimmung im Einzelhandel. Keine Umfrage, keine Statistik kommt auch nur annähernd an diese Granularität heran.
In der aktuellen Kommunikation betont die EZB, sie wolle diese Daten nicht nutzen. Ein zentrales Pro-Argument der möglichen Lagarde-Nachfolgerin Isabel Schnabel lautet, der digitale Euro mache Europa unabhängiger von US-amerikanischen Zahlungsanbietern zu machen und die Kontrolle über die eigene Zahlungsinfrastruktur zurückzugewinnen.
Wenn man dieses Argument zu Ende denkt, dann ist der Anreiz, Zahlungsdaten zumindest aggregiert zu beobachten, zu analysieren und wirtschaftspolitisch zu interpretieren, nicht hypothetisch - er ist strukturell.
Ein Governance-Problem, kein Kommunikationsproblem
Wenn ein Projekt über Jahre erklärt werden muss und trotzdem kurz vor der politischen Entscheidung "auf der Kippe steht", dann ist das kein reines PR-Problem. Dann geht es um Vertrauen, Zuständigkeiten und demokratische Kontrolle. Vielleicht auch um die Frage, ob die institutionellen Strukturen der Eurozone geeignet sind, eine digitale Zentralbankwährung dieser Tragweite einzuführen.Von Roman Keßler, MAKE Europe GmbH
Roman Kessler ist Web3-Entwickler bei der MAKE Europe GmbH in Frankfurt. Im Herzen Europas baut der FinTech-Profi international prämierte Internetanwendungen rund um Bitcoin, Ethereum und den Digitalen Euro.
Der obige Text spiegelt die Meinung des jeweiligen Kolumnisten wider. Die finanzen.net GmbH übernimmt für dessen Richtigkeit keine Verantwortung und schließt jegliche Regressansprüche aus.
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Bildquellen: MAKE Europe GmbH