20.10.2013 03:00

Steuern sparen – warum?

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Kaum etwas erfüllt die Deutschen so mit Leidenschaft wie das Minimieren des Obolus für den Staat. Eine ganze Branche lebte lange gut davon, ihnen dabei zu helfen. Doch die meisten Steuersparmodelle sind gescheitert.
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€uro am Sonntag
von Thomas Welte, Gastautor von Euro am Sonntag

Was ist eigentlich aus den guten alten Steuersparmodellen geworden? Es ist ausgesprochen ruhig geworden um all die Schiffs-, Flugzeug- oder Medienfonds, die noch vor wenigen Jahren jedem vermeintlich gut oder besser Verdienenden wärmstens ans Herz gelegt wurden. Oder auch die berüchtigten Ost-Immobilien, die nach dem Fall der Mauer vom Staat selbst als Steuersparmodell propagiert worden waren. Bis zu 50 Prozent der Kosten konnten Käufer über fünf Jahre hinweg vom Einkommen absetzen. Heute sitzen viele auf unvermieteten oder unvermietbaren Immobilien und müssen nachschießen. Sofern sie das Investment in „Betongold“ nicht in die Privatinsolvenz getrieben hat. Auch ansonsten sind zahlreiche dieser Modelle im Sturm der Gezeiten in Schieflage geraten. Aktuell hat die Pleitewelle die Schiffsfonds erfasst.

Dabei widmen sich die Deutschen kaum einem Thema mit so viel Hingabe wie dem Steuern sparen. Korrekter müsste es heißen: widmeten. Denn der Staat hat die Schlupflöcher, die einst Zigtausende Bundesbürger eifrig nutzten, sukzessive geschlossen. Aus dem Sparmodell von einst, das Verluste produzierte, die das zu versteuernde Einkommen minderten, wurde per Gesetz oder Rechtsprechung in den meisten Fällen Gestaltungsmissbrauch. Und weg war der Steuervorteil.

Es begann Anfang der 1970er-Jahre mit der Erdölexploration. Wirklich gesprudelt haben die meisten Ölquellen indes nie. Was wiederum das Finanzamt auf den Plan rief und der Beteiligung das Etikett der „Liebhaberei“ verabreichte. Schon da hätte klar sein können: Die meisten Steuersparmodelle zeichnen sich dadurch aus, dass man Steuer gar nicht spart, sondern sich im besten Fall nur Stundungs­effekte erkauft. Denn was der Verlust der Vergangenheit gewesen ist, sollte im Planszenario ja der Gewinn der Zukunft werden. Bekanntlich aber ersetzt Planung den Zufall durch den Irrtum. Und so wird vielfach übersehen, dass jedem unternehmerisch angehauchten Engagement die Gefahr des Scheiterns mit in die Wiege gelegt ist. Man kann beim Spiel mit der Steuer also auch sein zuvor hart verdientes Geld verlieren.

Müssen wir uns also Sorgen machen um jene Spezies der Finanzindustrie, die über viele Jahre Zahnärzte, Rechtsanwälte, leitende Angestellte und Handwerksmeister mit Sparmodellen beglückte? Wohl kaum. Im ­Moment ist es — auch aufgrund von Verschärfungen im regulatorischen Umfeld — zwar ruhig um diese Branche geworden.

Nicht zuletzt, weil mit dem öffentlichkeitswirksamen Fall des Medienfonds VIP erstmals eine echte Kriminalisierung der Fondsinitiatoren stattgefunden hat. Die Abschreckungswirkung war extrem und hallt spürbar nach. Doch das nächste, vermeintlich todsichere und auch noch renditeträchtige Steuersparmodell wird kommen. Irgendwann. Und leidenschaftliche Steuersparer werden wie in der Vergangenheit den sich ihnen darbietenden Reizen nicht widerstehen können. Das Genre basiert ja letztlich darauf, dass für das klassische Erwerbsleben konzipierte gesetzliche Sonderregelungen — zumeist mit Ver­einfachungs- oder Subventionscharakter — zweckentfremdet werden, um deren Anwendung in einem vom Gesetzgeber dafür gar nicht vorgesehenen Umfeld zu ermöglichen.

Die Selbstverständlichkeit
von Schwarzgeld ist vorbei

Gibt es überhaupt noch Möglichkeiten, legal Steuern zu sparen? Für den klassischen Kapitalanleger kaum. Abgesehen von der fiktiven Quellensteuer, deren entlastende Wirkung darauf basiert, dass in Deutschland auslän­dische Quellensteuer angerechnet wird, die nicht notwendigerweise auch bezahlt wurde. Hintergrund sind spezielle Doppelbesteuerungsabkommen, die Deutschland mit Ländern geschlossen hat, um dort quasi Entwicklungshilfe durch die Bereitstellung von deutschem Privatvermögen zu leisten.

Darunter befinden sich Staaten mit eher schlechter Bonität wie Portugal, Jamaika oder Uruguay, aber auch solide Schuldner wie China. 15 Prozent Steuergutschrift gibt es für Zinsen, zehn Prozent für Dividenden. Ähn­liches gilt für die Türkei, wo jeweils zehn Prozent Gutschrift winken. Noch! Denn wie die jüngst veröffentlichte Verhandlungsgrundlage Deutschlands für den Abschluss neuer und die Neuverhandlung bestehender Doppelbesteuerungsabkommen zeigt, ist das Ende der Ära der fiktiven Quellensteuer­anrechnung bereits angezählt.

Tatsächliche Sparmöglichkeiten eröffnen sich durch unternehmerische Tätigkeiten im Ausland. Etwaige Steuerarbitrage-Effekte sind dabei in Anbetracht des historisch niedrigen Körperschaftsteuersatzes in Deutschland von derzeit 15 Prozent (plus Solidaritätszuschlag) jedoch in aller Regel überschaubar, wenn überhaupt erzielbar. Erst die Vermeidung der Parallelbelastung von Unternehmensgewinnen mit der in Deutschland er­hobenen Gewerbesteuer macht das unternehmerische Auslandsinvestment attraktiv.

Immobilien im Ausland stellen eine weitere Möglichkeit dar; die Einnahmen daraus werden grundsätzlich im Land versteuert. Aber: Die Immobilie muss, um überhaupt Erträge abzuwerfen, entsprechend vermietet sein. Das erfordert spezielle Kenntnisse des jeweiligen Marktes vor Ort — und da wird das Sparen doch eher aufwendig.

Schade, könnte man jetzt sagen. Dabei war die, sagen wir mal, individuelle Abgaben­kürzung eine Tätigkeit, die vor wenigen Jahrzehnten noch als Selbstverständlichkeit galt und mit ebenso viel Akribie wie Nonchalance betrieben wurde. Wodurch sich das deutsche Schwarzgeld in der Schweiz, in Liechtenstein, in Luxemburg oder wo auch immer erklärt. Wir dürfen nicht vergessen: Vor nicht allzu langer Zeit gehörte es zum guten Ton, sein Geld zum Zweck der — freilich illegalen — Steuerersparnis in die Fremde zu tragen. Dabei muss es nicht mal Schwarzgeld gewesen sein, sondern durchaus auch brav versteuertes. Von dessen Zinsertrag der Besitzer aber nicht nochmals etwas abgeben mochte.

Mittlerweile ist eine neue Generation herangewachsen, die der Erben. Für sie ist nicht nur das vom Finanzamt gesponnene Netz erheblich enger geworden. Sie haben auch eine andere Mentalität gegenüber Steuern entwickelt. So ist das enge Netz des Fiskus, das legale oder illegale Steuertricks so gut wie ausschließt, nichts Schlimmes. Es schützt den ehrlichen Steuerbürger, den es durchaus und sogar in der Mehrheit gibt, davor, der Dumme zu sein. Die Höhe der Abgaben ist durchaus diskutabel, kein Zweifel. Der Fakt, dass sie gezahlt werden müssen, ist es nicht.

zur Person:

Thomas Welte, Partner und Sprecher
der Wirtschafts­prüfungsgesellschaft Autaco
Der Autor begann seine Karriere nach dem Studienabschluss als Diplom-Finanzwirt beim Finanzministerium Baden-Württemberg in Stuttgart. Nach 1990 folgten verschiedene Stationen in Unternehmen wie KPMG oder der Taurus Holding. 2005 gründete Welte die Autaco GmbH in München und konzentriert hier seine Tätigkeiten auf die Beratung und Begleitung von großen und mittelständischen Unternehmen, insbesondere in konzernsteuerrechtlichen Fragen, bei Unternehmenskäufen, -reorganisationen, -sanierungen und -insolvenzen ebenso wie auf die Entwicklung von innovativen Investitionsund Finanzierungs­modellen im Bereich der Privatwirtschaft und der öffentlichen Hand.

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