22.07.2021 17:55

EZB tastet Leitzinsen nicht an - Anpassungen der Forward Guidance

Geldpolitik der Eurozone: EZB tastet Leitzinsen nicht an - Anpassungen der Forward Guidance | Nachricht | finanzen.net
Geldpolitik der Eurozone
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Die Europäische Zentralbank hat nach ihrer jüngsten Sitzung über die aktuelle Geldpolitik informiert.
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Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) hat seine Leitzinsen wie erwartet unverändert gelassen und auch das Gesamtvolumen des Pandemiekaufprogramms PEPP bestätigt. Wie das Gremium nach zweitägigen Beratungen mitteilte, wird aber die Forward Guidance für die Leitzinsen geändert, was auch Auswirkungen für die mögliche Dauer der Anleihekäufe unter dem APP-Programm hat. Insgesamt präsentierte die EZB ein nach dem Strategiewechsel verändertes Statement, dessen Eckpunkte wie folgt aussehen:

1. Zinsen und Forward Guidance

Der Zinssatz für die Hauptrefinanzierungsgeschäfte sowie die Zinssätze für die Spitzenrefinanzierungsfazilität und die Einlagefazilität werden unverändert bei 0,00 Prozent, 0,25 Prozent bzw. minus 0,50 Prozent belassen.

Der EZB-Rat geht ab jetzt davon aus, dass die EZB-Leitzinsen so lange auf ihrem aktuellen oder einem niedrigeren Niveau bleiben, bis er einen Anstieg der Inflation auf ihr Ziel von 2 Prozent deutlich vor dem Ende des Projektionszeitraums und dauerhaft für den Rest dieses Zeitraums erkennen kann. Auch müssen die schon erreichten Fortschritte bei der unterliegenden Inflation so deutlich erkennbar sein, dass eine mittelfristige Stabilisierung der Inflation bei 2 Prozent plausibel scheint. Zuletzt erwartete die EZB am Ende ihres bis 2023 reichenden Projektionszeitraums 1,4 Prozent Inflation.

Die Forward Guidance impliziert damit weiterhin die Möglichkeit, dass die Zinsen weiter gesenkt werden. Sie gilt nun womöglich für länger, weil das Inflationsziel höher ist und sogar überschritten werden darf. Diese Option betont die EZB in ihrem Statement ausdrücklich. Die oben genannte Zins-Guidance beinhalte die Möglichkeit einer Inflation, die moderat über dem Zielwert liege, heißt es dort.

Die EZB begründetet die veränderte Zins-Guidance so: "In seiner jüngsten Strategieüberprüfung vereinbarte der EZB-Rat ein symmetrisches Inflationsziel von 2 Prozent auf mittlere Sicht. Die Leitzinsen der EZB befinden sich seit geraumer Zeit in der Nähe ihrer Untergrenze und die mittelfristigen Inflationsaussichten liegen immer noch deutlich unter dem Ziel des EZB-Rats. Unter diesen Bedingungen hat der EZB-Rat heute seine Zinserwartungen revidiert."

Bisher hatte die EZB eine Beendigung dieses Ausblicks an die Bedingung geknüpft, dass sich die Inflationsaussichten innerhalb des Projektionszeitraums deutlich einem Niveau annähern, das hinreichend "nahe, aber unter 2 Prozent" liegt, und dass sich diese Annäherung in der Dynamik der zugrunde liegenden Inflation durchgängig widerspiegelt.

2. APP-Programm und Forward Guidance

Die EZB bestätigte das monatliche Kaufvolumen von 20 Milliarden Euro. Die Forward Guidance bindet die APP-Nettokäufe weiterhin indirekt an das Erreichen des Inflationsziels. Sie sollen erst kurz vor der ersten Zinsanhebung beendet werden. Da die erste Zinsanhebung angesichts des neuen Inflationsziels später erfolgen könnte, könnten auch die APP-Nettokäufe länger dauern. Die Tilgungsbeträge der APP-Wertpapiere sollen für längere Zeit über den Zeitpunkt der ersten Zinserhöhung hinaus voll wiederanlegt werden. Auch hier gilt, dass dieser Zeitraum länger als bisher sein könnte.

3. PEPP-Programm und Forward Guidance

Beim Pandemiekaufprogramm PEPP hat die neue Strategie keine Spuren hinterlassen. Bestätigt wurden sowohl das Gesamtvolumen von 1.850 Milliarden Euro als auch der vorläufige Endtermin Ende März 2022. Auch versicherte die EZB, dass die Nettokäufe auf jeden Fall so lange andauern sollen, bis sie die Corona-Krise für beendet hält. Das monatliche Kaufvolumen soll im dritten Quartal deutlich höher als in den ersten Monaten des Jahres sein.

Der EZB-Rat bekräftigte auch die Flexibilität der PEPP-Käufe hinsichtlich des Zeitraums, der Anlageklassen und der Länder. Die Käufe sollen sich nach den Marktbedingungen richten und eine Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen verhindern, die nicht mit dem Ziel vereinbar wäre, der inflationsmindernden Wirkung der Pandemie entgegenzuwirken. Außerdem soll die reibungslose Transmission der Geldpolitik unterstützt werden.

Die PEPP-Tilgungsbeträge sollen wie bisher bis mindestens Ende 2023 voll wiederangelegt werden. Das Auslaufen der Wideranlage soll so gesteuert werden, dass eine Beeinträchtigung des geldpolitischen Kurses vermieden wird.

4. Liquidität

Die EZB will wie bisher für "reichlich Liquidität" sorgen. Sie verweist auf die wesentliche Rolle, die die TLTRO-Langfristtender der dritten Serie bei der Unterstützung der Bankkreditvergabe an Unternehmen und private Haushalte spielten.

Die EZB ist bereit, alle ihre Instrumente so anzupassen, dass sich die Inflation mittelfristig bei 2 Prozent stabilisieren kann.

Lagarde geht von starkem Wachstum in drittem Quartal aus

Der Rat der Europäischen Zentralbank (EZB) betrachtet die Risiken für den Wachstumsausblick des Euroraums weiterhin als weitgehend ausgewogen und hat die neue Zins-Guidance mit "überwältigender" Mehrheit beschlossen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde sagte in ihrer Pressekonferenz, dass der EZB-Rat davon ausgeht, dass sich die Wirtschaft des Euroraums im zweiten Quartal erholt habe und im dritten Quartal stark wachsen werde. Zu den Wachstumsrisiken zählen laut Lagarde unter anderem die Delta-Variante des Coronavirus und die Möglichkeit, dass die Zulieferprobleme in der Industrie länger anhielten. "Die Delta-Variante des Virus sorgt zunehmend für Unsicherheit", sagte Lagarde.

In ihren geldpolitischen Beschlüssen hatte die EZB zuvor die Zins-Guidance dem neuen Inflationsziel angepasst, das glatt 2 Prozent mit der Möglichkeit einer zeitweisen Überschreitung vorsieht. Die Modalitäten der Wertpapierkaufprogramme APP und PEPP wurden ebenso bestätigt wie das Niveau der Leitzinsen. Lagarde zufolge wurde die neue Zins-Guidance mit "überwältigender Mehrheit" beschlossen.

Die Europäische Zentralbank (EZB) hat nach den Worten ihrer Präsidentin Christine Lagarde keine feste Definition dafür, was ein "moderates Überschießen" der Inflation bedeutet. "Was moderat bedeutet, ist Ansichtssache", sagte Lagarde. Sie werde keine numerische Schätzung dazu abgeben, was moderates Überschießen im Gegensatz zu einem exzessiven Überschießen sei. "Worauf es ankommt, ist, dass wir es akzeptieren, es geschieht nicht absichtlich", sagte sie.

Die EZB hatte am Nachmittag beschlossen, im Einklang mit ihrer neuen Strategie zuzulassen, dass die Inflation zeitweise und moderat die Marke von 2 Prozent übersteigt, wenn ihre "hartnäckig" lockere Geldpolitik dazu führen sollte.

Redaktion finanzen.net / FRANKFURT (dpa-AFX / Dow Jones)

Bildquellen: einstein / Shutterstock.com, Petronilo G. Dangoy Jr. / Shutterstock.com
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