12.06.2022 18:35

NASDAQ-Notierung trotz Sitz in Deutschland: Warum die US-Börsen bei Startups beliebt sind

Auslandsnotierung: NASDAQ-Notierung trotz Sitz in Deutschland: Warum die US-Börsen bei Startups beliebt sind | Nachricht | finanzen.net
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Viele in der Start-up-Branche waren entzückt, als Wirtschaftsminister Robert Habeck vor Kurzem einen Entwurf zur Stärkung der jungen Unternehmen vorlegte.
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Einfachere Finanzierung, besserer Zugang zu öffentlichen Aufträgen und derlei mehr. Dabei brummte die Branche bereits im vergangenen Jahr, sowohl in Europa als auch in Deutschland. Und auch in puncto Börsengänge war 2021 ein starkes Jahr. Trotzdem suchten 6 von 30 deutschen Unternehmen ihr Börsenglück jenseits des großen Teiches - so auch der Flugtaxi-Hersteller Lilium, der damit dem Weg des Vorzeigeunternehmens BioNTech folgte und dem vieler anderer. Wie steht es um das Kräfteverhältnis der Finanz-Ökosysteme Deutschland, Europa und den USA?

Wachsen, wachsen, wachsen - das ist fast alles, worum es sich beim Fintech Pleo gerade dreht. Mit einer Bewertung von fast fünf Milliarden Euro ist der dänische Anbieter von Firmenkreditkarten und automatisierter Spesenabrechnung eines der größten Start-ups in Europa. Lange Zeit galt der Börsengang als nächster Entwicklungsschritt für Unternehmen dieser Größe. Nicht selten packte das Management dann seine Koffer und verschob seinen Sitz in die USA oder ging zumindest dort an den Kapitalmarkt.

Aber diese Zeit sei nun vorbei, sagt Arun Mani, Vorstandsmitglied bei Pleo. "Wir wollen eine globale Firma werden, ohne unseren Hauptsitz in die USA zu verlegen", sagt er im Gespräch mit der Finanz-Nachrichtenagentur dpa-AFX. Und auch beim Börsengang seien die USA keine Notwendigkeit mehr, heißt es aus dem Management. Europa kann Mani zufolge auf Kapital und Talente in Hülle und Fülle zurückgreifen, und damit stellt er eine lang gehegte Gewissheit auf die Probe: dass Start-ups nur dann richtig erfolgreich werden können, wenn sie nicht in London oder Frankfurt, sondern in New York an die Börse gehen.

Damit Start-ups überhaupt die Reife für den Aktienmarkt erlangen, braucht es eine intakte Anschubfinanzierung. Unterhalb der Börsenschwelle, im Private-Equity-Bereich, lebten Europas Start-ups zuletzt in einer Art Schlaraffenland. Insgesamt flossen ihnen im vergangenen Jahr mehr als 88 Milliarden Euro an Kapital zu, wie aus einer Analyse der Beratungsgesellschaft EY hervorgeht. Weit mehr als doppelt so viel wie im Vorjahr. Die niedrigen Zinsen machten die Experten als einen der Hauptgründe für die Geldflut aus. "Die gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen der letzten Jahre führten zu einer nie dagewesenen Liquidität im Markt, die angelegt werden musste", kommentiert Thomas Prüver, Experte bei EY.

Davon profitierte auch Pleo. Ende vergangenen Jahres erreichte das Unternehmen in einer Finanzierungsrunde eine Bewertung von 4,7 Milliarden, womit es seinen Wert binnen sechs Monaten verdreifachte. Das Einhorn (Unicorn), wie man Start-ups mit einem Wert von mehr als einer Milliarde nennt, empfing dabei auch Geld von namhaften Finanzinvestoren wie Bain Capital. "Wegen der niedrigen Zinsen war das Kapital auf der ganzen Welt verstreut", sagt Chef Mani. Immer auf der Suche nach Erträgen.

Interessant aus deutscher Sicht: Bei den Finanzierungsrunden blieb London zwar auch im vergangenen Jahr die klare Nummer eins unter Europas Start-up-Hauptstädten. Von den zehn größten Finanzierungsrunden entfiel allerdings die Hälfte auf deutsche Start-ups.

Wie viel Schwung aus der Start-up-Welt auf Europas Börsenparkett ankommt, hat Christoph Kaserer, Professor für Finanzmanagement und Kapitalmärkte an der Technischen Universität München, in einer Studie untersucht - und die Ergebnisse mit den USA verglichen. Die absolute Zahl an Start-ups, hier verstanden als kleinere Unternehmen, war in Deutschland 2021 demnach höher als in Schweden oder den Niederlanden - ihrerseits namhafte Start-up-Zentren. Großbritannien brachte fast doppelt so viele Start-ups wie Deutschland hervor, während die USA in einer ganz anderen Liga spielten.

So weit, so gut. Interessant wird es Kaserer zufolge, wenn man das ins Verhältnis zur Wirtschaftskraft setzt. Hier schneidet Deutschland unterirdisch ab. Den Grund macht Kaserer in einem altbekannten Umstand aus.

"Der deutsche Kapitalmarkt ist gemessen an unserer Wirtschaftskraft schlicht viel zu klein", sagt Kaserer im Gespräch mit dpa-AFX. Das sei die große strukturelle Barriere für Start-ups mit Börsenambition. Denn: Je größer der Kapitalmarkt, desto besser ist auch das Ökosystem für Start-ups, die es an die Börse zieht. Zwar habe sich auch in Deutschland viel getan, sowohl mit Blick auf die Börsengänge als auch auf die vorbörsliche Finanzierung. Zu sehen ist das etwa an der Zahl der Einhörner und der Zahl der Erstnotierungen, die im vergangenen Jahr sprunghaft anstiegen. "Wenn wir nicht strukturell etwas ändern, bleibt es aber bei einem Strohfeuer", vermutet Kaserer. Vor allem, da die Zinswende die Freude am Investieren wieder ausbremsen dürfte.

Dabei sei es wichtig, die Unternehmen hier zu halten, meint der Experte. Mit ihrem Firmensitz, um Innovationen und Arbeitsplätze zu sichern. Aber auch mit ihrer Erstnotierung, von der Börsenbetreiber und hiesige Anleger profitieren.

Den Schlüssel dazu sieht Kaserer in einer gestärkten Aktienkultur. Vergrößern ließe sich der hiesige Aktienmarkt etwa durch eine kapitalgedeckte Altersvorsorge. Eine Mammutaufgabe, aber: "Solang wir das nicht schaffen, werden wir all die Probleme nicht lösen", ist sich Kaserer sicher. Es müsse schlicht mehr Erspartes an die Börse gebracht werden. Schnelle, wenn auch kleinere Erfolge könne der Gesetzgeber mit Anreizen für das kapitalgedeckte Sparen setzen. Also mit Finanzprodukten wie der Riesterrente oder der Lebensversicherung, die ihr Potenzial wegen regulatorischer Bürden teils nicht entfalten konnten, wie Kaserer sagt.

Und beim Standort Europa? Müsse man zunächst mehr Talente für die Start-up-Branche begeistern, sagt Arun Mani von Pleo. Zwar steige auch in Europa das Interesse daran, für Start-ups zu arbeiten. "In manchen europäischen Märkten gibt es aber traditionell eine Risikoaversion", sagt er. "Viele arbeiten noch immer lieber für Bosch oder BMW als für ein Start-up."

Manis zweiter Punkt: Einheitliche Regeln auf dem Kapitalmarkt. Europa als Ganzes könne mit seiner Wirtschaftskraft mit den USA mithalten. Der fragmentierte Kapitalmarkt bremse das Potenzial allerdings aus. Eine Art "paneuropäische Börse" hält Mani für eine mögliche Lösung. "Gleiche Regeln in London und Frankfurt - das wäre großartig".

Ähnliche Pläne dafür habe es bereits gegeben, erinnert Wissenschaftler Kaserer, und meint damit etwa die geplante Kapitalmarktunion der EU. Die allerdings komme kaum voran. "Über die Fragmentierung des europäischen Kapitalmarkts reden wir seit zwanzig Jahren", sagt Kaserer.

Die Forderungen nach strukturellen Maßnahmen erscheint um so dringender, da der zyklische Rückenwind für Start-ups bereits merklich nachlässt. Weltweit steckten Investoren etwa bei Fintechs bereits im ersten Quartal 18 Prozent weniger Geld in Start-ups - der größte Quartalseinbruch seit 2018.

Grund zur Sorge bereiten vielen Start-ups die steigenden Zinsen, die Investments in ihr Unternehmen verteuern. Großzügige Finanzierungsrunden wie in der Vergangenheit bei Pleo dürften deshalb rarer werden. Mehrere erfolgreiche Fintech-Start-ups wie Klarna haben bereits begonnen, Mitarbeiter zu entlassen.

Auch am öffentlichen Kapitalmarkt ist die Abkühlung bereits zu spüren. Die Zahl der Börsengänge in Europa ist wegen geopolitischer Spannungen bereits im ersten Quartal eingebrochen. Und: Die Aktienkurse notierter Wachstumsunternehmen wie Delivery Hero oder Zalando befinden sich im laufenden Jahr weitgehend im freien Fall.

Gut für Pleo, dass der Börsengang nach eigener Aussage nicht drängt. "Wir sind grundsätzlich auf Wachstum aus", sagt Mani. Das werde am öffentlichen Kapitalmarkt aber nur bedingt belohnt. Trotzdem versuche Pleo bereits, eine Verlässlichkeit wie in einem börsennotierten Unternehmen einzuführen, sagt Mani. Denn die Option zum Gang aufs Parkett will sich der Vorstand auch in Zukunft offen halten.

/jcf/men/zb

--- Von Jan Christoph Freybott, dpa-AFX ---

FRANKFURT (dpa-AFX)

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