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27.04.2015 03:00

Heinrich Maria Schulte, der Arzt, der zu viel wollte

Medikus auf Abwegen: Heinrich Maria Schulte, der Arzt, der zu viel wollte | Nachricht | finanzen.net
Medikus auf Abwegen
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Heinrich Maria Schulte hat Anleger um Millionen geprellt, nun drohen dem ehemaligen Besitzer von Wölbern Invest achteinhalb Jahre Haft. Eine Geschichte über Genie und Gier.
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von Michael H. Schulz, Euro am Sonntag

Man sollte den Mann nicht auf seinen Testosteronspiegel reduzieren", sagte Heinrich Maria Schulte 2008. Kam dem promovierten Mediziner und Ex-Chef von Wölbern Invest dieser Satz in den Sinn, als die Richter des Landgerichts Hamburg ihn am vergangenen Montag wegen Untreue im großen Stil zu achteinhalb Jahren Gefängnis verurteilten? 327 Mal habe er nachweislich unrechtmäßig in die Fondskassen von Anlegern gegriffen, so die Richter.

Eine härtere Strafe hat es in einem deutschen Wirtschaftsstrafprozess noch nie gegeben. Und es könnte für Schulte noch dicker kommen: Die Staatsanwaltschaft hat bereits Revision beim Bundesgerichtshof eingelegt, sie will ihn für zwölf Jahre hinter Gitter bringen. Es kann aber auch sein, dass Schulte doch noch mit einem blauen Auge davonkommt. Seine Verteidiger wollen das Verfahren ebenfalls in Karlsruhe prüfen lassen. Denn der Straftatbestand der Untreue ist im Strafgesetzbuch nicht glasklar ausgelegt. Bis das letzte Wort gesprochen ist, bleibt der 61-Jährige wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Die im Herbst 2013 angetretene U-Haft werteten die Richter genauso strafmildernd wie die Folgen für seine Zulassung als Arzt, sein medizinisches Lebenswerk und die Privatinsolvenz.

Doch vielleicht ist Schulte, der 147,3 Millionen Euro Anlegergelder unrechtmäßig entwendet und nach Ansicht der Richter "ein finanzielles Kartenhaus" aufgebaut hatte, auch ein Opfer seiner eigenen Selbsttäuschung und maßlosen Selbstüberschätzung infolge von zu viel Testos­teron im Blut.

Der Mammutprozess mit dem Aktenzeichen 630 KLs 1/14 stellt jedenfalls die Prozesse um den Fußballmanager Uli Hoeneß und den ehemaligen Arcandor-Boss Thomas Middelhoff in den Schatten. Bei Hoeneß ging es um 27,2 Millionen Euro hinterzogene Steuern und drei Jahre und sechs Monate Haft. Im Untreueprozess von Thomas Middelhoff ging es um 500.000 Euro und eine Haftstrafe von drei Jahren, aus der er sich gegen eine Kaution in Höhe von 895.000 Euro vorzeitig herauskaufen kann.

Schulte, der Facharzt für innere Medizin und Spezialist für die Behandlung von Hormon- und Stoffwechselerkrankungen, im Fachjargon Endokrinologie genannt, hat eine steile Karriere hingelegt. Vom einfachen Arzt zum Mitbegründer des Endokrinologikums in Hamburg-Altona, Ausgangspunkt des heute größten ambulanten Ärzte­netzes Deutschlands mit der größten "Männersprechstunde". Zuvor war er verbeamteter Professor in Kiel. Es folgten eine Gastprofessur in China und zahlreiche Einladungen zu Vorträgen auf Medizinerkongressen.

Der Forscher macht Kasse

Irgendwann hat dem ehrgeizigen Sohn eines Hausarztes das medizinische Fachsimpeln offenbar nicht mehr gereicht. Akademische Lorbeeren hatte er genug. Schulte, das Alphatier, wollte mehr. Im Keller des Hamburger Instituts für Hormon- und Fortpflanzungsforschung (IHF) gründete er gemeinsam mit dem deutschen Nobelpreisträger Manfred Eigen und anderen das Biotechunternehmen Evotec. Nach dem Börsengang 1998, also genau rechtzeitig zur Hochzeit des Neuen Marktes, verkauft er Evotec mit Gewinn. Das Siegergefühl faszinierte ihn. Schulte hatte Blut geleckt. Aus dem Humanmediziner wurde ein Finanzdoktor.

Mit Gewinnen aus anderen Börsengängen kaufte er 2006 von der südafrikanischen Absa Bank das traditionsreiche Hamburger Bankhaus Wölbern. Über den genauen Kaufpreis vereinbarte man Stillschweigen. Eine Bank in den Händen eines Mediziners, das gab es bis dato nicht. Während Ärzteschaft und Kaufleute Schulte für den Coup Respekt zollten, sah er bereits die Chance, über Fonds Biotechfirmen zu finanzieren. Schulte stand im Zenit.

Doch fortan ging es bergab. "Die Bank wollte ich nie", erklärte er im Prozess. Ihn interessierte einzig das Fondsgeschäft mit einem Volumen von 2,65 Milliarden Euro. Diese Sparte lieferte über 90 Prozent des Gesamtumsatzes. Wölbern Invest war Platzhirsch unter den Anbietern der sogenannten Geschlossenen Hol­land-Büroimmobilienfonds. Schulte ergänzte das Geschäftsfeld mit riskanteren Geschlossenen Biotechfonds für Kleinanleger. 2007 spaltete er das Bankhaus Wölbern in zwei unabhängige Gesellschaften auf. Bank- und Fondsgeschäft waren getrennt.

Die Finanzkrise machte ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung. Die Bank wurde ihm zum Verhängnis, das Eigenkapital schmolz. Schulte bekam Hilfe von der Privatbank M.M. Warburg, die mit Unterstützung des Bankenverbands die Wölbern Bank kaufte.

Holland und Anleger in Not

Doch schon bald kriselte es auch in der Fondssparte. Da eine Reihe von Bürobauten in den Niederlanden leer standen, kamen einige Fonds in Schieflage. Mithilfe findiger Anwälte der Kanzlei Bird & Bird konstruierte Schulte ein vielversprechendes System, um eine drohende Insolvenz abzuwenden. 2011 wollte er die Überschüsse aus gut laufenden Fonds verzinst an schlecht laufende Fonds verleihen. Doch die rund 38.000 Anleger vermuteten ein verkapptes Sanierungsgeschäft und erteilten ihm eine Abfuhr.

Zusammen mit seinen Anwälten strickte Schulte nun Anleihen ohne Urkunden, die angeblich mit der Erfindung eines Medikaments gegen Blasenkrebs besichert gewesen seien. Eine Luftnummer, wie sich später herausstellte. Laut einem Gutachten hätten die Fondsgesellschaften und deren Anleger nie Rückzahlungsansprüche gehabt. Die sogenannten Anleihen ohne Urkunde waren ungültig.

Als sich die Lage 2013 bedrohlich zuspitzte, bot Schulte Anlegern an, die Fondsimmobilien im Paket für 1,4 Milliarden Euro zu verkaufen. Gegen den Verkauf formierte sich jedoch großer Widerstand, und erstmals offenbarten sich die Löcher in den Fondskassen. Dazu kam, dass M.M. Warburg und der Einlagensicherungsfonds des Bankenverbands nach Darstellung des Staatsanwalts noch Forderungen von rund 13 Millionen Euro gegen Schulte als damaligen Eigentümer der Bank hatten. Es gab eine anonyme Anzeige gegen Schulte wegen Veruntreuung.

Die Staatsanwaltschaft ermittelte. Es folgten Razzien. Schulte kam in Untersuchungshaft. Der Mediziner, der 2009 Wölbern Invest von einer Aktien- in eine Kommanditgesellschaft umwandelte und allein mit seinem persönlichen Vermögen haftet, sieht sich als Opfer seiner Rechtsberater der Kanzlei Bird & Bird. Er habe nur ausgeführt, wozu ihm geraten wurde. Die Staatsanwaltschaft bestreitet das. Schulte habe mit direktem Vorsatz gehandelt.

Er habe sich an den Kassen der Fonds nach Gutsherrenart bedient. "Er verfügte über Fondsgelder so, als wenn sie ihm gehörten", sagte der Vorsitzende Richter Peter Rühle. 50 Millionen Euro soll Schulte privat vereinnahmt haben. 28 Millionen davon soll er abgeschöpft und in private Beteiligungen umgeleitet haben. Weitere Millionenbeträge habe er für seinen aufwendigen Lebensstil verwendet: 2,5 Millionen Euro für die Renovierung seiner Villa an der Hamburger Elbchaussee sowie 1,9 Millionen für Yachten und Privatflüge und für den Unterhalt einer seiner Töchter. Nur 31 Millionen flossen an die Fondsgesellschaften zurück.

In der Tat war bei Schulte vieles eine Nummer größer als bei anderen. Er hatte keine Familie, sondern sechs Kinder von verschiedenen Frauen. Statt einer Praxis besaß er gleich einen Verbund von Medizinzentren. Er hatte kein Motorboot, sondern eine teure Yacht. Für den Kunstsammler waren Werke von Gerhard Richter und Andy Warhol gerade gut genug.

Die "größte Peinlichkeit"

Doch spätestens vor Gericht zeigten sich Risse in der schillernden Fassade. So entlarvte sich der seriöse Professor beispielsweise als Hallod­ri, der eine abenteuerliche Räuberpistole ablieferte, um seine Naivität und somit auch seine Unschuld zu beweisen. Da gestand Schulte am 16. Prozesstag die "größte Peinlichkeit seines Lebens", als der Insolvenzverwalter des Holland-Fonds Tjark Thies auf den geplatzten Verkauf einer Fondsimmobilie an einen Schweizer Geschäftsmann 2012 zu sprechen kommt.

Um das Geschäft anzubahnen, habe er dem Käufer einen Tausch von Goldbarren gegen Geld vorgeschlagen. Der Deal scheiterte. Schulte sei abgereist und habe sich später verfolgt gefühlt. An einer Tankstelle habe er das Auto kurz verlassen. Bei der Rückkehr habe er festgestellt, dass eingebrochen worden sei. Die Goldbarren und der Pass waren futsch.

Medikus auf Abwegen
Heinrich Maria Schulte wurde 1953 als ältestes von sieben Kindern in Essen geboren. Er studierte Medizin in Freiburg, Düsseldorf, Essen und Chicago. Bis 1993 lehrte er als Professor für Innere Medizin an der Universität Kiel. Der Hormon­spezialist gründete Biotech­firmen wie Evotec, das er im Börsenboom 1998 erfolgreich verkaufte. 2006 erwarb er das Bankhaus Wölbern. Nach einer anonymen Anzeige kam er im Herbst 2013 in Untersuchungshaft.

Bildquellen: Wolfgang Meinhart/Wikipedia/CC BY-SA 3.0, bestv / Shutterstock.com

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